intarsia


Die sogenannten Intarsien beschreiben sowohl eine technische, als auch eine plastische Vorgehensweise. Sie traten etwa ab dem Jahr 1995 plötzlich in meine Arbeit ein. Damals bestritt ich eine große Einzelausstellung, die allerdings nichts mit Bienen zu tun hatte. Ungefähr um das Jahr 2010 herum stahl sich intarsia, wie ich sie nannte, wieder lautlos davon. Die Arbeit ist schnell erklärt. Ein Motiv wird auf ein Stück Papier gelegt und von oben mit abziehbaren Klebestreifen fixiert. Dann wird mit einem Cuttermesser an den Rändern des Motivs durch beide Papiere hindurch geschnitten. Die abfallenden weißen Stücke, die nur durch ihre Ränder definiert sind, sammelte ich, um sie eines Tages als großen Block in einer einzelnen Ausstellung zu präsentieren. Oft waren diese Stücke sogar die schöneren. Die farbigen Stücke legte ich in den einfarbigen Papieruntergrund ein und verklebte sie an der Rückseite mit einem hauchdünnem Streifen, der nicht durchschlägt. Man sieht ihn nicht einmal, wenn man die entstandenen Blätter gegen das Licht hält. Da es sich um Einlegearbeiten handelte, bezeichnete ich sie im Gegensatz zu Bleistiftzeichnungen als plastisch, so wie Bronzeguss eine plastische Technik ist. Das Motiv klammerte ich zunächst aus. Betrachtet man die Ergebnisse, die so gut wie flächig sind, ist das anfangs schwer zu verstehen. Es hat mit meinem Hintergrund als Bildhauer zu tun. Letztlich habe ich mich nie als etwas anderes vertanden. Weiter rührt es von der ersten Ausstellung her, bei der ich aus der Wand Stücke ausschnitt und den Untergrund in einer bestimmten Tiefe eben vergipste. (Ich schnitt mir dafür eigens Schablonen aus Aluminiumblech.) Dort hinein legte ich die Arbeiten und verklebte sie mit dem Untergrund. Danach vergipste ich die Seiten bis an den Rand und übermalte sie mit Wandfarbe.


Bei den Blättern war das unterliegende Material in der Mehrheit ein chamoisfarbenes Papier. Es heißt Bodonia und wird von einer kleinen Papiermühle in Italien hergestellt. Bei uns war es in der maximalen Größe von DIN A 0 Bögen zu haben, also in einer Größe von 70 Zentimetern mal 100 Zentimetern. Ich kaufte es jeweils im selben Laden. Es war 100 Gramm pro Quadratmeter schwer, glatt, und nur knapp dicker als unser gewöhnliches weißes Kopierpapier. Man konnte ohne weiteres auch einen Kopierer mit Bodonia füttern. Dennoch verwendete ich es kaum für diesen Zweck. Die aufgelegten und anschließend eingelegten Stücke bestanden häufig aus Farbkopien. Sie waren ebenfalls etwa 100 Gramm schwer, manchmal, wenn es sich um gestrichenes Papier handelte, etwas schwerer. Strich man nach dem Einlegen mit der Fingerkuppe über die Arbeit, ließ sich der Unterschied kaum ertasten. Bodonia wurde vom dem Papierladen eines Tages nicht mehr verkauft. Man kam noch daran, war jedoch gezwungen ein ganzes Ries abzunehmen, also einen gigantischen Packen, den ich nicht würde verarbeiten können. Die meisten meiner Stücke waren zwar Farbkopien, aber ich fertigte auch Nitrofrottagen, bei denen eine Farbkopie mit der Sichtseite auf Papier gelegt und mit einem Schwamm und Nitroverdünnung über die Rückseite gestrichen wird. Diese Technik, die eigentlich eine Drucktechnik ist, eignete sich ebenfalls, um eingelegte Bilder zu erzeugen. Nur praktizierte ich sie selten. Meist nutzte ich den feinen farblichen Unterschied zwischen dem weißen Untergrund des kopierten Papiers und der chamoisfarbnen Umgebung.



Weiter erwähnenswert scheint mir ein bildnerischer Umstand. Ich achtete darauf, das gesamte Motiv zu erfassen. Ein angeschnittenes Foto kam so gut wie nie in Frage. Auf diese Weise transportieren die intarsia-Arbeiten bildnerische Naivität. Bei den Blättern zur Bienenanatomie, zur Entwicklung der Magazinbeute von den Körben oder den Klotzbeuten her, sowie bei den Arbeiten mit vergrößertem Pollen beispielsweise handelt es sich um eingelegte Farbkopien. Diese drei Blöcke, die ich schließlich gemeinsam bei einer Ausstellung präsentierte, und die oben mit einem zwei Zentimeter breiten Streifen mit angeklebtem Goldpapier versehen sind, zeigen am deutlichsten, worum es sich bei der Technik handelt. Zahlreiche Bildstücke sind in Bodonia-Papier eingelegt und so gehängt, dass sich der goldene Streifen am oberen Rand in gleicher Höhe durch die gesamte Ausstellung zieht. Mein Teil der Ausstellung hieß „Der Goldene Faden“ und nahm das gesamte erste Stockwerk eines alten Hauses ein.

Elementarskulptur


Nachdem man mich überredet und ich wider aller Vorsätze das erste Staatsexamen abgelegt hatte, nachdem mein Studium somit vorbei war, bezog ich für einige Zeit ein Atelier in der Domackstraße. Dort liegt ein ehemaliges Kasernengelände. Der Raum, den ich inne hatte, lag im ersten Stock, war wunderschön, etwa vier Meter hoch zum Gang hin, mannshoch zum Innenhof hinunter und dort mit einer Fensterreihe über die ganze Breite versehen. Der Hof war mit rissigen Betonplatten belegt und kniehoch von Unkraut überwuchert. Das Gelände war von unzähligen gleichförmigen Häusern bestanden. Viele bildeten eine U-Form. In manchen Höfen lagerte Schrott, in anderen parkten noch Armeefahrzeuge. Die Mischung machts, sagt man flachsend. Aber in diesem Fall hatte sich die Absurdität in luftige Höhen gesteigert.
Mein Raum maß etwa 40 m². Das wurde später für mich zu einem Eichmaß, zu einer Wunschgröße. Natürlich konnte ich auch in einem feuchten Kellerzimmerchen arbeiten oder sogar auf einem Küchentisch zeichnen. Dennoch fühlte ich mich sowohl von kleineren, als von größeren Räumen erdrückt.
In diesem Atelier arbeitete ich wenig, frönte jedoch, wie soll ich es anders sagen, der Muße. Meine unbequeme, aufklappbare Armeepritsche stand neben der Heizung, ich fläzte mich darauf und las die Wahlverwandtschaften. Das blieb mir deshalb so in Erinnerung, da ich kurz vorher die schwarzweiße Kopie eines nicht besonders deutlichen Fotos gesehen hatte mit dem Titel: Che Guevara liest Goethe in einem Schweinestall. Man erkannte nicht viel darauf, nicht einmal das markante Gesicht. Vielleicht beeindruckte mich gerade diese Tatsache. Ein bärtiger Mann mit Kappe liegt in einem Alkoven im Matsch und liest.


Bild Vorderseite: Elementarskulptur


Während ich die abgebildete Plastik entwarf, gingen mir zahlreiche Personen der Zeitgeschichte durch den Kopf. Sie alle klopfte ich daraufhin ab, ob ihr Blick das Gesamte umspannte. Goethe kam natürlich in die engere Auswahl, aber er bestand nicht. Er zwingt die Menschen, ihn hoch zu schätzen. Zumindest unterstelle ich ihm das. Ich erinnere mich nicht genau, was den letzten Ausschlag gab, ihn durchfallen zu lassen. Vielleicht die schier endlose Vorrede zu seiner Farbenlehre. Er bringt nichts anderes vor, als haltlose Argumente, warum Newton nicht ernst zu nehmen sei. Schließlich landete ich bei Galilei, den die katholische Kirche erst drei Jahre zuvor rehabilitiert hatte, im Jahr 1992, also 350 Jahre zu spät. Er gilt als ein Begründer der modernen Naturwissenschaften. Das Leben des Galilei liest sich wie ein Abenteuerroman. Als sein Gegenüber fiel mir (nicht nur des Namens wegen) Franz von Assisi ein. Ihm sagt man nach, mit den Tieren gesprochen zu haben. Dieser enge Kontakt entsprach meiner damaligen Gefühlswelt. Ich träumte beispielsweise von Elefanten, die mich mit ihren Rüsseln kniffen. Ich hatte die von Giotto ausgemalte Kapelle in Padua besucht, bevor sie restauriert wurde, und wusste um die berühmte Basilika in Assisi.


Bilder Franz von Assisi und Galilei


Damals entwarf ich die Skulptur, um an einem Projekt teilzunehmen. Ich bezeichnete sie als Elementarskulptur, was zu hoch gegriffen ist, aber mir aus damaliger Sicht stimmig erschien. Im Atelier und für den Zweck der Bewerbung, waren Farbkopien in Plastiktaschen gesteckt. Später wollte ich die Portraits der beiden, Franziskus und Galilei, auf Alubleche drucken und sie an die Stirnseiten der Stöcke, die dann im Freistand stünden, heften. Mir ist wichtig, auf den Bezug zu den Figurenbeuten hinzuweisen. Das ist ein Brauch in der Volkskunst, den einzelnen Stock mithilfe seiner Figurenhaftigkeit mit besonderem Ausdruck aufzuladen.


Bild Rückseite: Elementarskulptur



Nachdem ich die Styroporstöcke in anderer Aufbereitung als Ausstellungsstücke verwendet hatte, kamen sie hier noch einmal vor. Zu Styropor als Material für die Bienen habe ich ein widersprüchliches Verhältnis. Franz setzte sie ohne Wimpernzucken ein. Mir ist die giftige Ausdünstung bewusst. Aber wiegt sie die Wärme im Winter und Frühjahr auf? Die Bienen gehen um Wochen früher in Brut und erringen einen wichtigen Vorsprung, der sie den gesamten Sommer über trägt. Als ich jedoch im letzten Jahr den regionalen Imkerbedarfsladen aufsuchte, um Honiggläser zu kaufen, schlenderte ich im Raum herum, bestaunte die vielen Geräte, die ein Imker benutzen kann, und überdachte die simplifizierte, von aller Schlacke befreite Art, in der ich meine Bienen halte. Während dieser Erkundung hob ich den Deckel einer unbehandelten Styroporbeute und roch hinein. Was mir entgegen schlug und mich zurück zucken ließ, war der beißende Gestank, den frisch gepresstes Styropor ausgast. Mir war augenblicklich klar, dass ich das den Bienen nicht zumuten will. Die Kästen, die ich seit über zwei Jahrzehnten besitze, hatte ich auf dem Speicher eines solchen Ladens vorgefunden. Sie waren dort wiederum seit Jahren in der Hitze herum gelegen. Der Inhaber jenes Ladens, der vor dem Ende stand, war froh, sie im Schlussverkauf günstig verscherbeln zu können. Ich beschnüffelte sie ausgiebig, dann kaufte ich zehn Zargen und jeweils fünf Böden und fünf Deckel. Den Honigraum schraubte ich selbst in einfachster Weise aus Holzplatten zusammen. Styroporzargen sind nach etwa zwanzig Jahren im Einsatz verbraucht. Spechte haben Löcher hinein gehämmert und Ameisen nisten in den Falzen.

Herr Dany


Herrn Dany spürte ich auf, als ich aus dem Fenster sah. Ich stand im ersten Stock von Haus 50 der Domack-Kaserne. Gelegentlich stromerte ich über das Gelände, um es zu erkunden. Und dabei war mir aufgefallen, dass die östliche Begrenzungsmauer des Geländes im spitzen Winkel zur Autobahn verläuft. Dahinter musste ein Grundstück liegen, dessen Existenz ich aber nur schlussfolgern konnte. Denn die Mauer ist zu hoch, um darüber zu schauen. Ich lehnte mich soweit aus dem Fenster, wie ich konnte und bemerkte: Der spitzwinklige Streifen gehört zu einer Kleingartenanlage. Das Imkergrundstück. Seit einiger Zeit weist die Stadt in ihren Schreberanlagen solche Bereiche aus. Auch an mich war man in dieser Angelegenheit herangetreten, weil für die Anlage Aubing-Süd niemand gefunden worden war. (...) Hier liegt der Streifen am Ende eines langgestreckten Dreiecks. Alle Rasenflächen sind synchron gemäht, die Häuschen frisch gestrichen, überall Freistaat-Bayern-Schilder und Deutschlandfahnen.
Herr Dany hatte sich auf seinem Grundstück völlig verbarrikadiert. Eine riesige Hecke, die Autobahn und die Mauer zur Kaserne. Das bedeutete, dass ich so lange gegen eine mannshohe, einbruchsichere Tür hämmern musste, bis er sich bemüßigt fühlte, zu öffnen. Er wirkte eigenbrötlerisch oder wie jemand, der Leichen in seinem Garten vergraben hat und die Polizei draußen halten will. Er gab mir ständig das Gefühl, unerwünscht zu sein. Allerdings wollte ich aus der Nähe sehen, was er dort trieb, stieß unbeirrt zu seinen Stöcken vor und stellte aufdringlich so lange meine Fragen, bis er sie ausreichend beantwortet hatte. (...) Es gibt kaum einen Imker, der einem solchen Interesse widerstehen könnte. Herr Dany pflegte eine besondere Betriebsweise, die ich vorher nicht gekannt hatte, nämlich indem er zwei Völker in einem Kasten hielt. Jedes Volk hatte sein eigenes Flugloch, aber sie teilten sich einen Honigraum, der in der Mitte lag und jeweils durch ein Absperrgitter getrennt war. Die Kästen hatte er selbst entworfen und gebaut. Sie hatten einen hohen, gewölbten Deckel zum Aufklappen und das Dach war mit Blech beschlagen, so dass der Regen herab rinnen konnte. Geschlossen sahen sie aus wie kleine Flugzeughangars mit Tonnendach. Der Aufbau schien logisch. Vor allem, dachte ich, was den Wärmehaushalt im Winter betrifft. Außerdem wurde, wie Herr Dany sagte, der Honig besonders schnell eingetragen. Ebenfalls logisch, wenn zwei Völker daran arbeiten. Denn sein Anliegen war, Sortenhonig herzustellen. Seine Bienen beflogen vorwiegend die Hirschau, sowie die Ränder von Englischem Garten und Isar-Auen. Er erntete Kleehonig, Mischblütenhonig und Waldhonig. Und Lindenhonig sowieso. Außerdem, sagte er, Akazienhonig. Was aber, wie ich heute weiß, bei uns nur in Ausnahmefällen möglich ist. Wegen der regelmäßig schlechten Witterung anfang Juni. Ein kräftiger Windstoß, ein Regenguss und die Robinienblüte ist dahin. Die Robinie ist eine Pseudo-Akazie. Der Begriff Akazienhonig hat sich trotzdem festgesetzt. Herr Dany hatte eine ganze Menge doppelter Kästen dort stehen, allerdings nicht im Block, sondern übers Grundstück verteilt. Und an anderen Standorten, sagte er, habe er noch viele mehr. Sodass auch die Garchinger Heide und die Panzerwiese dazu kämen. Er erklärte mir alles. Dann war ihm recht, dass ich wieder ging.


Als ich Franz davon erzählte, war klar, dass er Herrn Dany kannte. „Ja“, sagte er, „der Dany“ und wiegte seinen Kopf zweifelnd hin und her. Eine ähnliche Betriebsweise ist auf einem Foto aus Dobrudscha zu sehen. Franz zeigte es mir im Bienenlexikon. Es handelt sich um eine Lagerbeute, in der immer waagrecht erweitert wird. Allerdings summierte er sofort die Mängel und rechnete sie mit den Vorteilen der Magazinbeute gegen. Was ihm Herrn Dany (...) obskur machte, ist ein geheimnisvolles Behandlungsmittel gegen die Varroamilbe, das dieser herstellt und vertreibt: „Danys Bienenwohl. Restentmilbung im brutlosen Volk.“ Er wirbt dafür seit Jahren in der Bienenzeitung. „In Österreich schon zugelassen“, heißt es, und „weltweit bewährt“. Es sei biologisch und verspricht 96 % Erfolg. Franz hatte es wahrscheinlich getestet. Er forderte die Kataloge aller großen Versände an und forstete nach „revolutionären“ Methoden der Milbenbekämpfung. Wenn eine Sache nicht völlig absurd klang, probierte er sie aus. Meist hatte ein Versuch dieselbe Verlaufskurve: Franz setzte das neue Mittel ein, er gab der Behauptung eine Chance, sich zu beweisen. Dann wirkte das Zeug nicht ausreichend und er kehrte befriedigt zu seiner hergebrachten harten Medikation zurück. Auch Bienenwohl war diesen Weg gegangen. Vermute ich. Denn seither hielt Franz Herrn Dany für einen Scharlatan. „Alles Blödsinn“, war das abschließende Urteil, „nur Geldschneiderei“. Was die Milbe betrifft, verstand Franz keinen Spaß.

aus den Honiggeschichten

Paletten

Die schweren, unverwüstlichen, schwarzen Paletten aus Plastik, auf denen meine Bienenkästen stehen, hat natürlich Franz mir besorgt. Bekannte von Bekannten. Bei der Bahn. Franz schärfte mir ein, die Prägestempel der Bundesbahn sofort mit der Flex heraus zu schleifen und zu überstreichen. Die drei Paletten kosteten mich einen Kübel Honig (...). Fairer deal, dachte ich. Der Honig wuchs mir ohnehin über den Kopf. Sie wurden zu Franz nach Hause geliefert. In einem Wagen der Bahnpolizei, der frech vor dem Haus auf dem Gehsteig parkte. In mehreren Etappen, weil ein Pkw wenig Stauraum hat. Dann rief er aufgeregt an, ich solle die Paletten sofort holen kommen. Als handle es sich um heiße Ware, die da in seinem Keller lagerte. Erst als sie in mein Auto geladen waren, unter einer Decke verborgen, und es abgeschlossen im Hof stand, atmete er auf.

aus den Honiggeschichten

Beute

Bei der Auswahl des Rähmchenmaßes richtet man sich am besten nach demjenigen, der einem das Imkern beibringt. Anfangs macht man dauernd Fehler und die Bienen fliegen einem davon. So können Verluste leichter ausgeglichen werden. Ist man genötigt, sich im Voraus selbst ein Maß auszusuchen, kommt man womöglich auf unsinnige Gedanken und wählt eines, das einem auf Dauer das Imkern schwer macht oder gar verleidet. Die Bienen nehmen natürlich jede Wabe an. Doch die Frage ist ja, wie sich am besten gegen die Milbe vorgehen lässt und die Bienen den Winter gut überstehen. Das Rähmchenmaß entscheidet in der Regel, welche Bienenwohnung man wählt.

Im europäischen Raum gab es bestimmt 20 verschiedene Maße: Gerstung, Freudenstein, Deutsch-Normal, Zander, Langstroth, Kuntzsch, Dadant usw. Es ist wie ein Irrgarten. (...) Den meisten Abmessungen lagen imkerliche Erwägungen zugrunde. Aber nur (...) drei oder vier waren stichhaltig genug, um sich überregional durchzusetzen. Dadant (...), Deutsch-Normal (...), Zander und Langstroth. Franz war ein entschiedener Verfechter des Zandermaßes, benannt nach dem Bienenforscher Enoch Zander. Es ist besonders in Süddeutschland gebräuchlich. Wir sprachen ab und zu darüber, später ohnehin, aber auch im Vorfeld, bevor ich selber Bienen bekommen sollte. Doch er ließ keine andere Meinung zu. „Der Zander, oho, der war ein großer Bienenforscher“, sagte Franz, „Was der gesagt hat: alles heute noch gültig.“ Das Zandermaß ist für Magazinbeuten besonders geeignet, berichtet das Bienenlexikon. Zander hatte, soweit ich weiß, im Sinn, die Legemenge einer Königin pro Tag auf einer Wabe unterzubringen. Berücksichtigt werden die Arbeiterinnen mit einer Entwicklungszeit von 21 Tagen. Die Drohnen sitzen auf einer eigenen Wabe und der Pollen zur Auffütterung der jungen Brut ebenfalls. Dazu ein Honigkranz seitlich und oben über dem Brutnest. Zander geht offensichtlich vom Zweiraumvolk aus. Zwei Etagen übereinander ergeben bei ihm (...) in etwa einen Würfel. Vielleicht dachte er sich die elementare Form des Bienenvolkes als Kugel.


Beute ist die „allgemeine Bezeichnung für eine Bienenwohnung ...“, sagt das Lexikon der Bienenkunde. „Es ist eine Vielzahl von Beuten der unterschiedlichsten Form und Größe konstruiert und gebaut worden, viele mit einem eigenen Rähmchenmaß. Die meisten haben nur regionale oder kurzzeitige Bedeutung erlangt. Ursache für diese Vielfalt sind u.a. das Fehlen von objektiven Bewertungskriterien für Beuten, die unterschiedlichen Anforderungen der Imker und nicht zuletzt die Anpassungsfähigkeit der Bienen.“ Soviele Imker es gibt, soviele Meinungen sind es.
Der Beginn der Beziehung Mensch-Biene wird auf etwa 10.000 Jahre v. C. geschätzt. Das Bienenlexikon sagt: „Es ist oft darüber diskutiert worden, ob es sich damals um eine reine Nutzung der Bienen gehandelt hat oder ob der Mensch schon in einer höheren Entwicklungsphase seiner Umweltbeziehungen gewissermassen zu einer Haltung der Bienen gelangt war.“ Man ist sich gewissermassen uneinig, wie meistens.
Die Entwicklung der Beute ist mit der Geschichte der Imkerei verknüpft. Formen, Abmessungen, Materialien. Der Diskurs füllt Seiten. Ich finde, in dem Wort steckt noch eine Portion Diebstahl, was auf die Ursprünge der Beziehung zwischen Mensch und Biene hinweist. In der berühmten Höhlenmalerei aus Valencia, die bei jeder Gelegenheit bildnerisch zitiert wird, sieht man eine Figurine, die auf einer Strickleiter zu einem Bienennest geklettert ist und heftig umschwirrt wird. Der Fachbegriff lautet nüchtern: Raubimkerei. Das Dilemma daran ist, dass die Honigwaben der Bienen ausgebrochen werden. Was man auch heute noch in vielen Ländern praktiziert. Früher wurde sogar ein Teil der Brut mitzerstört, manchmal das ganze Nest. Eine für beide Seiten uneffektive Methode. Die Strickleiterimkerei, wie auf den Höhlenbildern zu sehen, wird jedoch kaum mehr betrieben. Außer in Nepal, glaube ich.
Wo im frühen Mittelalter ausgedehnte Waldgebiete lagen, entwickelte sich die Zeidlerei. Sie bestand darin, auf Bäume zu klettern und den Bienen, die in Baumhöhlen nisteten, Honig wegzunehmen. Auch die Zeidler waren beinahe Raubimker. Obwohl sie sich ansatzweise um die Pflege der Völker bemühten. Was aber auf einem wackligen Ast in 10 m Höhe nicht so einfach ist. Sagen wir: Der Raub wendete sich zum minderschweren Tatbestand des Diebstahls. Sie wollten ja beim nächsten Mal wieder Ertrag sehen.
Das Problem der Zeidler war, dass die Wälder entweder der Kirche oder dem Adel gehörten und erhebliche Anteile der Ernte abgegeben werden mussten. Zudem war Honig viel kostbarer als heute und es lohnte sich nicht recht. Daher war es ein kluger Schachzug, dieses Stück Baum, in dem die Bienen wohnten, mit nach Hause zu nehmen. Man sägte den Abschnitt buchstäblich aus dem Stamm und stellte ihn sich seitlich an die Hauswand als sogenannte Klotzbeute. Die Abgaben fielen weg, die gefährliche Kletterei fiel weg, und es war ein Schritt getan in Richtung Bienenhaltung.
Die Klotzbeute wurde immer weiter perfektioniert. Man sägte Fenster aus, brachte Klappen an, schob bereits die ersten halb-beweglichen Rähmchen ein und öffnete den Stock nach oben, um Aufsätze zu ermöglichen. Es formte sich die heutige Kastenbeute. Schließlich, anfangs des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde der Einsatz beweglicher Rähmchen verbessert. Aus wirtschaftlicher Sicht ein revolutionärer Schritt. Er erlaubt nach dem Ausschleudern des Honigs, den Bienen die leeren Waben zurückzugeben. Sie müssen nicht erst alles wieder neu bauen, sondern können sofort mit dem Eintragen loslegen. Außerdem wurde die gesamte Bienenwohnung übersichtlich und maximal beweglich. Jede Wabe lässt sich überall hin tauschen, auch in einen anderen Stock. Mit der Haltung kam die Pflege, zum Beispiel in der Behandlung von Krankheiten. Haltung und Pflege, finde ich, machen die moderne Imkerei aus. Aber manchmal habe ich den Verdacht, ich stehe mit dieser Meinung allein. Heute sind in den europäischen Wäldern die Grundlagen für wild lebende Honigbienen zerstört. Einem Bienenvolk eine Wohnung zu bieten, ist an sich schon eine gute Tat.
Älter und weiter verbreitet als die Klotzbeute ist der Korb. Auch hier wurden die Honigwaben ausgeschnitten, doch der Schritt zur Haltung der Biene war kürzer. Auch Franz erzählte von einigen Körben, die sie Anfang der Sechziger Jahre in Rumänien gebaut hatten. Sie waren erst mit Lehm verputzt, dann vergipst worden. Thermisch vorteilhaft und ziemlich stabil.
Schon 600 v. C., belehrt uns das Lexikon, wurde die Biene in Griechenland zum Rechtsgegenstand. Man regelte Fragen der Wanderung und der Aufstellung, was ein relativ präzises Wissen voraussetzt. Das „Habhaftwerden“ ermöglichte ein genaueres Studium der Eigenheiten.
Die meisten Körbe sind unten offen. Man muss sie nur umdrehen und steht mitten im Geschehen. Es gab auch Übergänge zwischen Kasten und Korb. Mischgebilde. Oder Verbindungen. Unten der Korb, oben der Kasten. Wer mehr darüber wissen will, geht am besten ins Bienenmuseum.
Der Korb hat (...) frühe Vorläufer in Ägypten. Man töpferte Röhren aus Nilschlamm und stapelte sie zu meterhohen Mieten aufeinander. Ferner benutzte man Stroh, Schilf oder Weiden, die zu Gefäßen und Röhren geflochten und mit Lehm überstrichen wurden. Oder die Röhren wurden in Bäume gehängt. Die Variationen wechseln entsprechend der regionalen Gegebenheiten. Auf Fotos habe ich gesehen: In runden, afrikanischen Lehmhäusern werden ringsum waagrechte Röhren als Aussparungen gelassen. Sie sind so lang wie die Wand dick ist. Etwa in Kopfhöhe. Das Flugloch schaut nach draußen. Die Bienen jedes Volkes fliegen in eine andere Richtung ab und kommen sich nicht in die Quere. Innen klebt man mit Lehm weitere Körbe an die Wand. Die Honigräume. Man macht sich die Eigenschaft der Bienen zunutze, den Honig möglichst weit vom Flugloch entfernt zu lagern. So lässt er sich im Inneren der Hütte bequem ernten.
Anfangs des Zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte sich die in einzelnen Etagen stapelbare Magazinbeute. Dort sind alle Waben nebeneinander eingehängt. Das ist die heute gebräuchlichste Form. Brauchen die Bienen mehr Raum, setzt man ein Stockwerk auf. Sie funktioniert nach dem Prinzip des rechten Winkels, kommt den Bienen leidlich entgegen und entspricht ganz der menschlichen Denk- und Wirtschaftsweise. Die meisten Magazine werden von oben bewirtschaftet. Vorwiegend alte Imker bevorzugen noch Hinterbehandlungskästen, die durch ein Türchen auf der Rückseite zugänglich sind. Sie empfehlen sich für die blockhafte Stapelung in Imkerwägen. Aber der Raum ist begrenzt und die Betriebsweise arg schwerfällig.


aus den Honiggeschichten