Die Materialfrage


Ungefähr bis zum Jahr 2000, wahrscheinlich darüber hinaus, hing ich während des Frühjahres und während der Sommermonate, wenn ich nicht bei den Bienen war, mit Fragen, die ich zum hundertsten mal beantwortet haben musste, oder mit für mich offenen Themen bei Franz herum. Wir saßen in seinem Wohnzimmer oder auf dem Balkon, der auf einen kahlen Innenhof mit Garagen hinunter ging. Seine Frau kochte uns Kaffee, häufig ohne ihn mit uns zu trinken, und zog eine Blechdose herbei, der sie Kuchenstücke oder Plätzchen entnahm. Franz und ich sprachen pausenlos über Bienen. Er vertrat zu jedem Thema, selbst zu entlegenen Angelegenheiten, eine strikte Ansicht, begründete sie ausführlich, war geduldig mit mir und auf jeden möglichen Einwand gefasst. In seinen Standpunkten war er hart und unnachgiebig. Es kam mir vor, als renne ich allein gegen eine Festung an. Dennoch griff ich zahllose Themen wieder und wieder auf, vielleicht in der Annahme, es gebe doch ein Schlupfloch in seinem Befestigungswall. Wir fochten jahrelang die Materialfrage aus. Ich konnte nicht glauben, dass Styropor ein derart ideales Material für Bienenkästen ist. Franz hielt bestenfalls noch Stroh und Schilf für geeignet, und er nahm sofort ein Papier zur Hand und zeichnete mir auf, wie sich Schilf zu einer Zarge pressen ließ. Aber das überzeugte mich nicht. Letztlich bin ich aus dieser Frage bis heute nicht heraus gekommen.

Bienenanatomie


Die gezeigten Bilder gehörten zunächst zu einer Ausstellung, die unter dem Motto „Kunst und Wissenschaft“ stand. Das Thema ist nicht besonders einmalig, aber ich war dazu eingeladen worden und es passte ausreichend gut zu der künstlerischen Fährte, die ich damals verfolgte. Seit ich Bienen halte, nehme ich Themenfäden auf und gehe ihnen nach. Ich bin sozusagen wie ein Hund, der eine Spur wittert und in einer gezackten Linie über ein Feld hetzt, als würde er von seiner Nase vorwärts gezogen.





Diese Arbeit legte ich im Sommer des Jahres 2000 als ziemlich monumentale, überbordende Bildserie an. Der formale Aufbau der Blätter stand sofort fest. Es handelte sich um die anverwandelten Zeichnungen des Bienenforschers Enoch Zander. Die Arbeit umfasst etwa das Doppelte an Blättern, was sich jedoch nicht zeigen ließ.
Jeder der vier Künstler, die an der Ausstellung beteiligt waren, was ich vorher nicht geahnt hatte, sollten zur Eröffnung eine kurze Rede halten, aus dem Stehgreif noch dazu, in der begründet werden sollte, wie das künstlerische Objekt auf die Wissenschaft bezogen werden konnte. Die Ausstellung fand übrigens im dritten Stock der zentralen Münchener Stadtbücherei statt. Auf deren Dach stehen mittlerweile Bienen.
An mich war das plötzliche Halten dieser Rede ein verheerender Anspruch, da ich mit theoretischem Sprechen nichts anfangen kann. Tatsächlich standen wir in einem Kreis um ein Stehpult mit Mikrofon und ich versuchte, mich so lange zu drücken, wie es ging. Dann schubste mich jemand einfach in den Kreis und ich kam mir vor wie ein Schüler, der ein Gedicht aufsagen soll, das er nicht auswendig gelernt hat. Ich musste begründen, wie meine Zeichnungen, die eigentlich gar nicht meine waren, mit der Bienenanatomie zusammenhingen, und ich schlingerte wie ein in Seenot geratener Frachter.




















Das Material für meine Zeichnungen stammt aus den Zwanziger Jahren. Es ist dem Buch Der Bau der Biene von Zander entnommen. Das Buch entstammt einem Kompendium von insgesammt sieben Bänden, die unterschiedliche Themen rund um Bienen behandeln. Doch nur vier beziehungsweise fünf Titel werden seither aktualisiert und weiter aufgelegt. Die Anatomie gehört nicht dazu.

Manche Zeichnungen waren aus fremden Quellen importiert, das erkennt man an den feinen Stilverschiebungen. Zander war im Grunde ein äußerst genauer Tuschezeichner. Allerdings versah er alles und jedes mit Hinweisen, Zahlen, Pfeilen und gestrichelten Linien, um die feste Verknüpfung mit dem erklärenden Text zu sichern. Er musste so handeln, da sein Anspruch war, eine anatomische Übersicht, die in der Verschränkung von Wort und Bild liegt, zu gewähren. Ich muss nicht so handeln, da ich sozusagen ein im Kunstauftrag handelnder Dieb bin. Mithilfe von Tippex befreit von allen lästigen Zusätzen, die seine Zeichnungen zu- und unterordnen, treten erstaunlich künstlerische Motive hervor. Mit denen arbeitete ich, kopierte sie vergrößert und legte sie in chamoisfarbenes Papier ein wie Intarsien. An jeden Bogen, jeweils am oberen Bildrand sind zwei Zentimeter breite, goldene Streifen angestückelt. Und trotz der 14 Meter langen Wand ließ sich nur eine Auswahl der gesamten Arbeit zeigen.
Die Rahmen bestehen aus je zwei Plexiglasscheiben, die von einem umlaufenden Aluminiumprofil gebunden werden. Die rauhe, weiß gestrichene Sichtbetonwand scheint durchs bläuliche Glas, und die gelblichen Blätter schweben einzeln vor ihr wie Segel vor einer Wasserfläche.





Bienensummen


Es war das Jahr 2000 als ich eine Menge frischer Ideen für den künstlerischen Umgang mit Bienen entwickelte. Mit dazu gehörte der Klang des Bienensummens. Natürlich hatte ich vorher schon mit diesen aggressiven Geräuschen gearbeitet, sie waren sogar Teil einer Radiosendung gewesen, aber diesmal wollte ich hochwertige Aufnahmen machen. Ein Freund kam mit einem ziemlich kleinen Mikrofon, gerade so groß, dass es zwischen den Wabengassen baumeln konnte, und wir nahmen verschiedene Aufnahmen. Der Freund arbeitete die Funde später in eine Komposition ein. Für mich allerdings war der reine Klang ohne absichtliches Zutun wirklicher.




Vermittels dieses Hochleistungsmikrofons nahmen wir kurz hintereinander zwei Aufnahmen. Die eine in einem hölzernen Stock, den ich zuhause in Pasing stehen hatte, die andere in einem Styroporstock im Rosengarten. Leider beachtete ich nicht, dass bei einem ungeschützten Mikrofon die Bienen nicht nur unablässig dagegenstoßen würden, sondern sofort beginnen würden, es mit Wachs an die nächste Wabe zu heften. Es wäre danach mit einer feinen Wachs- und Propolisschicht konserviert wie eine ägyptische Mumie. Daher ist die Aufnahme im Holzstock im Grunde misslungen. Man hört alle paar Sekunden einen Knall, der einen zurückschrecken lässt. Die Bienen stießen laufend gegen das Mikrofon. Das dämpft natürlich den klaren Klang. Im zweiten Fall modellierte ich einen kleinen Käfig aus Draht, mit dem ich das Mikrofon umhüllte. So kam es zu einer gleichmäßigen, feinen Aufnahme. Wie sich zeigte, waren diese Stöcke die idealen Resonanzkörper. Sie fingen zusätzlich zum Bienensummen jeden noch so leisesten Umgebungsklang ein. Daher kann man nicht unterscheiden, ob auf dem nahen Bahndamm einer der schweren, langen Güterzüge vorbeirollt oder ein schneller Personenzug entlang rauscht. Der Freund, der das Mikrofon mitgebracht hatte, trat einige Meter zurück, ich stellte mich zu ihm und wir begannen eine gedämpfte Unterhaltung. Zunächst hört es sich an, wie ein entfernt rauschender Wasserfall; doch bei feinerem Hinhören stellte ich fest, dass es unser schlempender Dialog war. Binnen kurzem lassen sich die gesprochenen Worte verstehen. Leider fehlt mir der hölzerne Bienenstock im Vergleich. Denn aufgrund des ständigen Knallens in der ersten Aufnahme ist es mir unmöglich, die Aufmerksamkeit auf die Hintergrundgeräusche zu lenken.
Diese Resonanzeigenschaft beeindruckte mich am meisten. Das Geräusch der Bienen hört sich keineswegs freundlich oder beschaulich an, sondern wie eine Gruppe warm laufender Formel-1-Motoren. Sowohl von innen als von außen angeworfen, ergab der Bienenstock eine natürliche Klanginstallation. Die Bienen wohnen in einem maximalen Klangkörper. Forschungen hatten ergeben, dass die Biene für ihre Umgebung akustisch aufmerksam ist. Sie verständigen sich untereinander über Laute. Jedoch ist unklar, ob die Biene hört oder die Vibrationen wahrnimmt, die der Schall auslöst. In dieser Hinsicht, falls er nicht bereits gegangen ist, läge ein Weg für Forschung. In der Zelle heranreifende junge Königinnen beispielsweise tuten, ich glaube, ab dem fünfzehnten Tag ihrer Entwicklung, aus ihrer Wachswiege heraus und zeigen damit der alten Königin an, dass es endgültig geboten ist, den Stock zu verlassen.



Allerdings ist es für mich zweifelhaft, ob das Sprechen zu den Bienen sich dadurch begründen lässt. Fast jeder Imker beugt sich über den Stock und spricht die Bienen direkt an. Man entwickelt ein persönliches Verhältnis. Man erkundigt sich nach der Laune oder fragt, ob ihnen auch so heiß ist. Manchmal sitzen einzelne Bienen genau an einer Stelle, wo sie zerquetscht würden, an einer Stelle beispielsweise, wo eine Wabe eingehängt oder die nächste Zarge aufgesetzt werden soll. Da kann man sie mit dem Finger wegschubsen, mit der dringenden Aufforderung, aus Weg zu gehen. Möglicherweise vermittelt sich ihnen etwas von der Gestimmtheit des Imkers. Übrigens wurde den Bienen früher, wenn der Imker gestorben war, vermittels eines Blattes, auf dem der Sachverhalt zu lesen stand, angezeigt. Jemand heftete das Blatt an den Bienenstand.

Zahlentäfelchen


Eines Tages rieb ich einen meiner apicultura-Stempel mit Linolfarbe ein und bestempelte runde, aus Aluminium geschnittene Täfelchen. An der Stelle, wo der Stempel einen Stern abdruckt, bohrte ich ein Loch. Danach fügte ich in rot die Zahlen von eins bis sieben hinzu. Im Anschluss lackierte ich die Täfelchen, damit sie wetterfest wurden. Es war keine große Sache. Durch das Loch drückte ich sie mit einem Nagel an die Kästen. Letztlich wollte ich die Kästen damit kennzeichnen und die Aufstellung am Anfang eines Sommers mit der am Ende vergleichen.
Franz hatte mir beigebracht, die Schwarmzellen auszubrechen. Aber die kipplige Stimmung im Volk ließ sich dadurch häufig kaum überwinden, selbst wenn ich ihnen viele Waben zusetzte, die sie ausbauen konnten. Und gelegentlich schwärmten sie dennoch, falls ich eine Königinnenzelle übersehen hatte. Das geschah, falls sie diese an einem unmöglichen Ort angebracht hatten. Es kam mir so vor, als reagierten sie auf meine Versuche, ihnen die Königinnenzellen auszubrechen, indem sie sie versteckten. Das war ein Grund, anstatt dessen lieber Ableger zu machen und das Muttervolk, falls man es so nennen kann, umzustellen, wenn es in Schwarmstimmung geriet. Denn die Stimmung erlischt durch das Umstellen. Daher veränderte sich die Plazierung der Kästen dauernd.

Das kann als Bienenlatein aufgefasst werden. Doch im Grunde ist es sehr einfach. Während der meisten Sommer, außer beispielsweise im Jahr 2017, haben Bienen die Neigung, sich zu teilen und mit den jungen Bienen einen neuen Staat mit einer frischen Königin zu gründen. Und da man ungern Schwärme, die ausgerissenen Bienen mit der alten Königin, im Baum hängen hat und sie nicht fangen kann, muss man reagieren. Im Rosengarten verschwindet ein Schwarm ohnehin irgendwo in einem der hohen Bäume, hängt dort still und fliegt weiter, bevor man auf ihn aufmerksam wird.

Anstrich in Gold


Eines Tages kam die Zeitung auf mich zu, ich glaube, es war die AZ, vielleicht auch die TZ. Sie baten um ein Interview, zusätzlich versehen mit einem Foto, und ich gewährte ihnen den Wunsch natürlich gerne. Allerdings dachte ich, der Bienenstand sollte vorher ein wenig auf Vordermann gebracht werden, das Zeitungsbild sollte etwas hermachen. Vor allem, dachte ich, müssten die Stöcke noch einmal gestrichen werden. Denn bisher hatte ich sie mit hellbrauner Abtönfarbe angepinselt, so wie Franz es mir gezeigt hatte. Ohnehin bestanden sie aus Styropor, weswegen man draufschmieren konnte, was man wollte. Man hätte sie auch teeren und federn können, ohne dass die Bienen daran Anstoß genommen hätten. Ich dachte ein paar Tage nach und wählte aus den möglichen Farben: Gold. Ich fuhr zu dem Farbenbedarf in München. Ich wusste davon aus der Akademiezeit, zahlreiche Maler gingen dort hin. In dem schmalen, hohen, länglichen Laden stehen Regale bis an die Decke und alles ist angefüllt mit klarsichtigen Plastiksäckchen voller Pigmente in unterschiedlichen Farbtönen. Das überforderte mich völlig. Natürlich waren einige Goldtöne vorrätig und ich schnürte unentschieden in und vor dem Geschäft herum. Wie soll man, wenn man die Welt plastisch sieht, in dem vielfarbigen Wust eine Auswahl treffen? Schließlich entschied ich mich für Pigmente in einem verhältnismäßig dunklen Goldton. Im Anschluss diskutierte ich ewig mit dem Verkäufer herum, welcher Binder draußen Bestand haben könnte. Bald hatte ich den Eindruck, er nehme so lebhaft Anteil, dass er sich fast so umständliche Gedanken machte wie ich. Schlussendlich kamen wir überein, dass ein farbloser Binder auf Acrylbasis, wie er anfangs bereits vorgeschlagen hatte, am geeignetsten sei.
Den Schriftblock APICULTURA ließ ich aus einem hellen Blau ausschneiden und klebte die Folie auf.

Die Fotografin wollte mich dabei zeigen, wie ich eine Wabe aus dem Stock zog. Das sei das allerabgedroschenste Motiv, entgegnete ich, und käme daher überhaupt nicht in Frage. Sie wurde ziemlich wütend, doch ich gab nicht nach. Ich würde die Stöcke nicht einmal öffnen, sagte ich. Es blieb bei einer Gesamtansicht, wobei ich mich, um ihr doch einen Gefallen zu tun, mit auf die Paletten stellte und väterlich die Hand auf einen Kasten legte. Wie das Bild aussehen würde, wusste ich also. Auf den Text hatte ich keinen Einfluss. Leider entsprach er in wenigen Punkten dem, was ich gesagt hatte. Ich lernte wahrscheinlich zum ersten mal, wie die Medien sich Ereignisse aneignen und sie so lange kneten und ummodeln, bis sie in ihre Sprache passen. Zieht man den Umkehrschluss, müssen sich zahlreiche Vorfälle anders abgespielt haben, als von ihnen berichtet wird.