Ausstellungen


Franz besuchte keine Ausstellungen von mir. Auch nicht, wenn es um Bienen ging. Nicht einmal die Zeichnungen zur Bienenanatomie wollte er sehen. Ich schickte ihm regelmäßig Einladungskarten, am Anfang zumindest. Er bedankte sich dann sehr höflich und entschuldigte sein Fernbleiben. Vielleicht wollte er sich davor bewahren, etwas zu sehen, das ihm mutmaßlich nicht gefallen hätte. Trotzdem war es zunächst befremdlich. Denn Franz arbeitete ja in der Akademie und sein Sohn hatte wohl, wie ich später erfuhr, in Rumänien Kunst studiert. Und wenn es um Arbeiten zur Bienenthematik ging, berichtete ich ihm ausführlich davon.
Einmal stellte ich Imkergerätschaften aus, in einem großen Blechregal. Im Haus der Kunst. Nachdem ich das Einverständnis der Hauptstelle in der Rheinpfalz eingeholt hatte, fuhr ich in einen Imkerbedarfsladen nördlich von München. Dort lieh ich mir, der Einfachheit halber, von allem, was dort verkauft wurde, je ein Exemplar. Von Waben über Kästen über Pfeifen bis hin zu Honigbonbons. Ich musste dafür eine riesige Kaution hinterlegen. Aber es war trotzdem fair von den Betreibern, die dabei mitmachten. Nur die Schleuder stellte ich selber hin, denn sie war (...) neu.

Franz kam trotzdem nicht. Er neigte ein bisschen dazu, Dinge ein für alle Mal abzuhaken. Er nahm sich eine Sache vor, prüfte sie genau und dann entschied er. Das Urteil selbst zu überprüfen, hielt er für überflüssig. Ich glaube er war der Ansicht, es sei Zeitverschwendung. Er sah, was die Studenten in der Akademie fabrizierten und hielt rundum nichts davon. Damit war die Sache für ihn erledigt und er wandte sich ab. Seine Auffassung von Kunst war traditionell und an die erscheinungsrichtige Abbildung der Wirklichkeit geknüpft. Das konnte ich mit meinen Projekten nicht einlösen. Er hätte sicher alle Elemente in meinem Regal gekannt, aber die Frage, was daran Kunst sei, hätte ihn zu einer Verneinung geführt.

aus den Honiggeschichten

Missweisungen


Karl von Frisch löste mit seinen aufregenden Berichten zum Bienentanz, die sich darauf beziehen, den ersten Begeisterungssturm aus. Aus heutiger, nüchterner Sicht könnte man sagen: Alle Welt war entzückt, dass Bienen tanzen. Dafür überreichte man Herrn von Frisch, der diese Entdeckung im Jahr 1927 veröffentlicht hatte, den Nobelpreis. Das geschah jedoch erst im Jahr 1973, Karl von Frisch war zu dieser Zeit bereits 87 Jahre alt. Von Frisch, ebenfalls nüchtern, schrieb später, dass seine eigentliche Entdeckung sich zwar auch auf Bienen bezogen habe, jedoch eine andere gewesen sei und er den Nobelpreis zwar zu Recht erhalten habe, jedoch für die falsche Sache. (Es handelte sich ebenfalls eine Missweisung.) Karl von Frisch bezeichnet den Unterschied zwischen dem geografischen und dem magnetischen Nordpol als Missweisung.

Das Handbuch für Bienenkunde widmet der Orientierung der Bienen (und anderer Tiere) und den entsprechenden Organen ein Kapitel von über acht Seiten: Die Missweisungen werden dort als notgedrungener Übersetzungsfehler gedeutet. Eine Sammlerbiene liefert im Stock Honig ab und führt im Dunklen einen Tanz auf, der aber wegen der hängenden Waben ins Senkrechte und wegen der Ausrichtung der Waben seitlich verdreht ist. Kaum ein Bienenstock steht so, dass seine Wabengassen in Ost-West-Richtung verlaufen. Der Imker passt die Aufstellung einerseits der empfohlenen Himmelsrichtung an, das wäre Süd-Süd-Ost, andererseits den Gegebenheiten des Geländes. Folglich muss die Biene ihre Tanzebene zusätzlich drehen. Hinzu kommt die Tagesperiodik des Magnetfeldes. Es pendelt jeweils gleichmäßig innerhalb eines Feldes von etwa 15° diesseits und jenseits der Nullinie. Um das aufzufassen, benötigt die Biene einen Zeitsinn. Die Informationen werden übermittelt, indem die Bienen, die informiert werden sollen, die Achterschleifen der Informantinnen nachahmen. Doch würden sich die Nachtänzerinnen bei der anschließenden Futtersuche eins zu eins danach richten, kämen sie falsch an. Die neu Informierten rechnen das Fehlerhafte zurück ins Richtige. Um wieviele Ebenen die Information gebrochen ist und rückgeführt wird, wie die Orientierung am polarisierten Sonnenlicht und an landschaftlichen Gegebenheiten stattfindet und wie aus all dem eine Richtungsweisung wird, blieb mir lange verborgen. Man kann nur festhalten, dass Bienen den Zeitsinn, den Schweresinn, den Bewegungssinn, die Orientierung am Magnetfeld, am Sonnenlicht und an der Landschaft besitzen und schließlich noch von Duft und Farbe der Blüten gelenkt werden. Letztens habe ich gelesen, dass man mittlerweile akustische Informationen genauer untersucht.
Karl von Frisch widmete seine Forschung den Sinneswahrnehmungen der Tiere, vornehmlich der Bienen. Er gliederte die einzelnen Bereiche, Tasten, Schmecken, Riechen und so weiter und versuchte, sie bestimmten Organen zuzuordnen. Mithilfe seiner erstaunlichen Versuchsanordnungen, die bereits ein tieferes Verständnis erfordern, erlangte er Kenntnisse, über welche Bereiche sich die Wahrnehmungen erstrecken, welche Farben beispielsweise die Bienen sehen können. Er entdeckte, dass sie ultraviolettes Licht sehen, wodurch sich ihr Farbspektrum gegenüber dem des Menschen erheblich verschiebt. Für sie wirkt ein grüner Hintergrund, den wir eindeutig als farbig erkennen, einfach wie ein lichtes Grau mit leicht gelblicher Einfärbung. Für uns käme das beinahe dem Farblosen gleich. Dem gegenüber leuchten ihnen einige der Blüten, die uns weiß erscheinen, nicht nur deutlich farbig auf und in gänzlich anderen Farben als uns, sie bilden dadurch den schärfsten Kontrast zum Farblosen. Und noch mehr, denn beispielsweise bei den für uns einfarbig gelben Blüten des Kriechenden Fingerkrautes erkennen sie ein sogenanntes Saftmal. Dem menschlichen Auge ist das vom Vergissmeinnicht bekannt, ein gelber Ring in blauer Umgebung. Das Saftmal verleiht der Blüte im Grau oder im Farblosen der Umgebung, wozu auch die grünen Blätter der Pflanze selbst gehören, eine zusätzliche Leuchtkraft, es erleichtert den Bienen sofort den Weg ihres Saugrüssel zu den Nektardrüsen und -das kommt hinzu- es riecht kräftiger, als der äußere Teil der Blüte. Auch das ist durch Versuche nachgewiesen. „Bienen riechen plastisch“, heißt es bei Karl von Frisch. Die inneren Elemente einer Blüten strömen einen stärkeren, vielleicht auch würzigeren Duft aus, als die äußeren. Und während unsere Nasen das nicht erspüren können, da der Luftstrom darin verwirbelt wird und die unterschiedlichen Düfte sich vermischen, können Bienen mit ihren Fühlern fein unterscheiden und werden zu Nektar und Pollen hin dirigiert.
Für bedeutend halte ich Informationsströme. Es gibt eine Vortänzerin, die Informantin, die eine Reihe von Nachtänzerinnen auf der Wabe findet. Sie laufen die Figuren der Vortänzerin nach und erlangen so Kenntnisse.

Im Lexikon der Bienenkunde las ich, dass es bis dahin fraglich war, ob die heimkommenden Bienen in der Duftlenkung von den sterzelnden Bienen ihres Stockes angezogen würden. Diese erzeugen mithilfe einer bestimmten Drüse eine Duftwolke, die zunächst der jungen Königin, die sich auf dem Paarungsflug befindet, und den Jungbienen, die sich einfliegen, als Anflughilfe dient. Das bedeutet, dass sich die Gerüche, die die Stöcke während der Trachtzeit verströmen, unterscheiden. Von unseren Nasen ist das nicht wahrnehmbar. Andererseits finden auch die Sammlerinnen zuverlässig den eigenen Stock. Ihnen helfen beim Anflug die Orientierung am polarisierten Sonnenlicht, die am Magnetfeld, die an der Landschaft und schließlich die farbigen Anflugbrettchen. Verstellt man einen Bienenstock um einen Meter, suchen die heimkehrenden Sammlerinnen danach an dem Platz, wo er vorher stand. Andererseits gibt es Wächterbienen an jedem Flugloch. Falls sie, wie vermutet wird, die zurück kommenden Bienen an ihrem spezifischen Geruch erkennen, was bedeutet, dass diese den Stockgeruch an sich tragen, dann vermute ich im Umkehrschluss, dass sich die Stockgerüche unterscheiden.
Ich war auf den Sachverhalt der Missweisung im Zusammenhang mit den Sinnesorganen gestoßen, die die Bienenorientierung leisten. Wie ich durch die Zeichnungen zur Bienenanatomie feststellte, sitzt im vorderen Bereich des Hinterleibes, das heißt kurz nach dem engen Durchgang, ein kleines Kompassorgan. Es ist mit mikroskopisch winzigen, eisenhaltigen Kristallplättchen bestückt, die sich, da sie voneinander isoliert beweglich gelagert sind, entlang des Erdmagnetfeldes ausrichten.

Die Euphorie, die Karl von Frisch auslöste, überraschte ihn möglicherweise selbst. Das Wort Tanz verband man damals so sehr mit dem Menschen und seinen amourösen Neigungen, mit Nachtclubs, Flirts und Foxtrott, später mit Jive und Boogie Woogie, dass man die kleine Biene wie durch eine gigantische Lupe betrachtete, in deren Feld hinein alle neugierig die Hälse reckten. Mit dem Bienentanz, den man sich ein wenig wie einen streng festgelegten frühen Renaissancetanz vorstellen kann, werden Auskünfte übermittelt, wie weit entfernt und in welcher Richtung eine Nahrungsquelle liegt. Die Bienen bewegen sich in liegenden Achter-Schleifen, deren mittlere Achse wellig ist und in die gewünschte Richtung zeigt. Außerdem gibt es einen Rundtanz. Wie in der Frührenaissance wird die Auskunft von Tänzerin zu Tänzerin durch praktische Nachahmung weitergeleitet.


Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage nach den Gefühlen. Denn diese benötigen, um entstehen zu können, die Sinneswahrnehmungen.



Alpenblumen


Durch Zufall, vielleicht während eines Flohmarktgangs, geriet ich an das Buch Alpenblumen. Es heißt darin, dass die Gewächse der Hochlagen mehr mit ihren Verwandten in der arktischen Tundra gemeinsam haben, als mit den hier heimischen. Das Buch spricht von einem möglichen Klimawandel und erschien bereits im Jahr 1977.
Die Arbeit besteht aus möglichst hell gehaltenen, schwarzweißen Kopien der Blüten im Buch, einige waren vergrößert beziehungsweise dem Format DIN A 3 angepasst. Und diese alle kolorierte ich mit Buntstiften nach der Vorlage im Buch. Während der Schulzeit, mindestens zwanzig Jahre zuvor, hatte mir jemand ein dreißigteiliges Buntstiftset geschenkt. Das verwendete ich. Die Arbeit bezieht, wenn man sie genau betrachtet, die unterschiedlichen Ebenen des Abbildens in sich ein. Final ist es so, als drehe man sich einmal im Kreis.
Es war ein warmer, gleichmäßiger Frühling und kein zu heißer Sommer, und ich arbeitete vorwiegend im Garten. Dort saß ich und strichelte auf den Blättern herum. Den schwarzweißen Untergrund kann man kaum mehr ausmachen, zehn bis fünfzehn Schichten Farbe überdecken ihn.
Für die höheren Lagen existiert bei uns eine eigene Bienenrasse, von der im Film more than honey die Rede ist. Sie heißt apis nigra und ist nicht zu verwechseln mit der apis nera, die im großen Stil auf den Liparischen Inseln rückgezüchtet wird. Denn sie war früher auf Sizilien heimisch, wurde jedoch von einer anderen Rasse vertrieben, ich vermute, es ist die carnica. Allmählich soll sie nun ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet rückerobern. Diese Maßnahme wird vom slow-food-Verband in Italien finanziell unterstützt.
Die Alpen sind das natürliche Habitat der nigra. Das hat gute Gründe, denn sie geht spät in Brut. Das ist auf den örtlichen Bewuchs abgestimmt. Mich erstaunte, als ich das Buch durchblätterte und die darin abgebildeten Pflanzen sah, dass ich einigen, außer natürlich Glockenblumen und Krokussen, und den Lilien, dem Löwenzahn, den Karthäusernelken, nie zuvor begegnet war. Um die dazu gehörige Biene kümmern sich die örtlichen Imker. Darüber hinaus ist sie kaum bekannt. Sie eignet sich nicht für das flache Land. Sie ist eine zähe Gebirgsrasse.

Vom imkerlichen Standpunkt her ist die Arbeit nicht besonders wichtig, speziell was die Eigenart ihres Aufbaus betrifft. Sie kreist ja in sich und stellt keinen aktiven Bezug zu den Bienen her. Dennoch ist sie hier aufgenommen. Das hat mit der Verschränkung von Bienen und Blumen zu tun. In zahlreichen Büchern, vor allem in älteren, ist davon stets am Anfang die Rede. Meistens wird Goethe zitiert, der einen kleinen Zweizeiler geschrieben hat, dessen Schluss lautet: „ ... sie müssen füreinander sein.“ Detailierte wissenschaftliche Kenntnisse über das gesamte Ausmaß der Verschänkung sind, soweit ich weiß, erst in den Zwanziger oder Dreißiger Jahren hinzu gekommen. In diesem Zusammenhang hat mich die Hummelragwurz erstaunt. Sie ist eine wilde Orchidee, die auf halbtrockenen, lößhaltigen Böden wächst, sehr selten vorkommt und in ihrer Form den bestäubenden Hummeln nicht gleicht, aber sie dennoch anatomisch anspricht.

Parallel fertigte ich zum ersten Mal im großen Stil eine Stempelarbeit. Schließlich brachte ich beide in Zusammenhang und stellte sie zusammen aus. Zwei befreundete Künstler und ich hatten die Rathausgalerie zur Verfügung bekommen.


Papierarbeiten 2




VolksEigener Betrieb

: Befestigte und bewachte Grenzen wie die innerdeutsche zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil desselben Landes werden von Menschen barbarisch und willkürlich gezogen. Bienen können daran nicht gebunden sein, (sie sehen die Sache ohnehin von oben) und die Zellgröße innerhalb einer Wabe muss in beiderlei Deutschland identisch sein, da sonst die Bienen gar nicht erst brüten.
Die ostdeutschen Erzeugnisse versprühten nach der sogenannten Wende einen altbackenen Charme, als sei man mithilfe einer Zeitmaschine in die Fünfziger Jahre zurück katapultiert worden. Das gescannte, später aber auch gedruckte Karteiblatt ist graugrün und versetzt einen in die Rolle eines fahlen Kunstbeamten. Das gelbe, sechseckige Muster ist ein Linoldruck direkt von einer genormten, gepressten Mittelwand aus Wachs.

Die Zeichnungen begleiteten von Anfang meine Arbeit. Ohne sie käme ich nicht voran. Als ich im Jahr 1999 mit frischem Schub begonnen hatte, entstanden vorwiegend kleine Formate, nicht größer als meine Hand. Gerade der Drang ins Kleinformatige, wie sich später heraus stellte, begründete die Eigenständigkeit. Während meine zukünftige Mailänder Galeristin und ihr Mann mich erstmalig im Atelier besuchten, lagen die zahllosen Blätter ungeordnet herum. Im Zuge einer Aufräumgeste pinnte ich sie an eine reichlich große Wand. Das besondere ist, und das ist schwer verständlich zu machen, dass die Blätter keine Entwürfe mehr sind, sondern sozusagen abgespeckt haben. Sie wollen nicht mehr sein, als sie selbst.






: Diese hier war eine der ersten Ereignis-Zeichnungen, die kleine Vorkommnisse des Tages festhalten und abbilden. Ich stand vor einem Supermarkt und eine Biene landete unerwartet auf meinem Finger. In einer Werbezeitung fand ich die einzige zu diesem Zeitpunkt verfügbare Hand, zeichnete mit Kugelschreiber eine Biene auf den ausgestreckten Finger und stempelte den Text darunter.




: Hier ist das apicultura-Label kreisförmig gestempelt und der Innenraum mit Buntstiften farbig ausgeführt. Natürlich handelt es sich dabei um das Emblem einer damals von mir heiß geliebten italienischen Automarke.




: An den italienischen Namen dieses Spielzeugs kann ich mich nicht erinnern. Möglicherweise habe ich ihn damals nur erfunden, vielleicht heißt es dort aber wirklich so. Bei uns schleudern Kinder an langen Bindfäden ähnliche Spielzeuge in einer kreisförmigen Bahn über dem Kopf und erzeugen so ein helles, surrendes Geräusch. Vielleicht hat mich der lautmalerische italienische Ausdruck verlockt. „sussurro“ bedeutet Rauschen, Flüstern, Murmeln und Säuseln, diese ähnlichen Begriffe also.
Die Zeichnung erklärt den Rest.




: Von hier oben ist der Blick fantastisch.




: Über diese Zeichnung muss man nicht viel sagen. Bienen sind Bildhauer.




: Bienenlupe
auf der Rückseite steht: üben, üben, üben




: Zeichnungen toter Bienen




: Bienen beginnen ab einer Temperatur von 10° C zögernd zu fliegen. Lieber ist ihnen wärmeres Wetter und ab 15° C und Sonnenschein geht es richtig los.
Auf der Rückseite der Zeichnung steht gestempelt: „Jap. Trawler“, zu dieser Zeit fing ein japanischer Fischkutter Wale.




: Manche Bienenhalter markieren ihre Königinnen, indem sie ein kleines, mit einer Zahl versehenes Blättchen auf ihren Rücken kleben. Dadurch lässt sich die Königin in der Menge der Bienen leichter auffinden. Da die Farbe des Blättchens jährlich wechselt, kann der Mensch zusätzlich ihr Alter bestimmen und sie notfalls auswechseln. Auf all diese Eingriffe, obwohl sie von vielen als sachdienlich und notwendig erachtet werden, verzichte ich und überlasse es den Bienen höchstpersönlich, heraus zu finden, ob ihre Königin noch etwas taugt.
Der Bienenstock in Seitenansicht. Die Bienenkönigin ist mit der Zahl 33 markiert. Ich verwendete sie öfters. Sie markiert ein Alter.


Die Mittelwand mit der beidseitig geprägten sechseckigen Struktur und ihre Befestigung in der Mitte des Rähmchens ist zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts eingeführt worden, damit der Imker die ausgebauten Waben innerhalb eines Stockes und sogar zwischen den Stöcken tauschen kann. Durch das Umhängen können beispielsweise schwache Völker aufgebaut und starke geschröpft werden. Innerhalb eines Stockes lassen sich frisch ausgebaute, noch leere Honigwaben ganz nach unten in den Brutbereich hängen, wo die Bienen kaum bauen. Auf diese Weise lässt sich Wabenerneuerung betreiben.



: Biene, Sechseck, Rechteck

Die bis an den unteren Rand und in die Ecken reichende Mittelwand zwingt die Bienen gegen ihre Natur, die Wabe rechteckig auszubauen. Weiter gewährleistet man, dass die Bienen, wenn man von oben hinein schaut, nach links und rechts etwa gleich lange Zellen ziehen. Das Wachs wird aus acht winzigen Drüsen, die am unteren Hinterleib der Bienen, zwischen den Schuppen sitzen, ausgeschwitzt, mit den Beinen nach vorne befördert und zwischen den Kiefern geknetet.
Bienen lassen jeweils einen bis auf den halben Millimeter genauen Abstand zwischen zwei Waben. Soweit ich weiß, entspricht er etwa ihrer doppelten Körperhöhe, was sinnvoll erscheint, da sie sich dadurch in der Ebene fort bewegen können. Im Wildbau runden Bienen ihre Waben unten ab, so dass diese im Großen und Ganzen wie hängende Taschen aussehen. Bienen halten sich beim ungehinderten Ausbau einer Wabe an den Gliedern ihrer Füße fest, sie verhaken sich ineinander, wodurch sogenannte Bauketten entstehen. Wilde Waben erhalten diese kettenartige, gewellte Form. Daher wirkt der Bau auf den ersten Blick vielleicht chaotisch. Doch die Bienen errichten ihre eigene Ordnung. Das ist beispielsweise in den früher verwendeten Bienenkörben aus geflochtenem Stroh der Fall. Im Blätterstock hingegen drängt der Mensch den Bienen eine Ordnung auf, die der Nützlichkeit dient. In diesen Kästen hängen die Waben wie Karteikarten.
Während für bauende Bienen ein sechseckiges Ordnungsprinzip zweckmäßig ist, scheint dem Menschen das rechtwinklige zupass zu kommen. Es gab einige Ausreißer, die versucht haben, dem orthogonalen Trieb des Menschen eigene Strömungen entgegen zu setzen. Dazu fällt jedem als erstes Rudolph Steiner ein. Unter den Bienenhaltern gab es einen in der Eifel lebenden Freund von Beuys, Günter Manke, der versucht hat, eine hängende, eiförmige Bienenbehausung zu etablieren. Es ist der Weißenseifer-Hängestock. Dem orthogonalen System, das der Mensch in seiner Ordnung bevorzugt, auch wenn es häufig als abwegig kritisiert wird, konnten diese Leute nur innerhalb gedanklich isolierter Inseln etwas entgegen setzen.


Imkerregal


Die umfangreiche Bestückung des Regals war von einer Firma für Imkereibedarf ausgeliehen. Ich hatte zunächst mit der Hauptstelle in der Rheinpfalz verhandelt, dann bekam ich bei einem kleinen Laden nördlich von München die Erlaubnis, mir für einen Monat soviel zu borgen, wie ich brauchte. Der Einfachheit halber nahm ich von jedem Gegenstand ein Stück. Kein Imker hat übrigens Verwendung für all diese Geräte. Die meisten werden nur das grundlegende Rüstzeug besitzen. Als ich anfing, Bienen zu halten, hatte ich einen Stockmeißel, einen Wabenheber und einen Schmoker, ein Rauchgerät also. Erst nach und nach kaufte ich mir Kübel, Schleuder und Rähmchen zusammen, und selbst dann besaß ich kaum ein Zehntel dessen, was im Regal lag.





Aus den Geräten lässt sich konstruieren, worin das Tätigkeitsfeld des Imkers besteht. Während der Ausstellung konnte ich beobachten, wie Besucher neugierig das Regal umstanden und darüber debattierten, wofür die einzelnen Elemente gebraucht werden mochten. Eine überwiegende Reihe von Gegenständen sperrt sich der einfachen Entschlüsselung. So ist allgemein zwar klar, dass es sich um Imkerbedarf handeln muss, das zeigt auch der Titel an, im Einzelnen bleiben die Utensilien in ihrer Verwendung aber rätselhaft.
Die Herkunft der Gerätschaften, die das Berufsbild Imker aufspannen, hat, wie ich meine, zweierlei Wurzeln. Zum einen finden sich Gegenstände, die für bestimmte Erfordernisse entworfen wurden. Sie sind aus einem Bastelgestus entstanden, sie folgen einfach der Spur des Notwendigen, und danach sind sie ohne erhebliche formale Glättung in Serie gefertigt worden. Sie strahlen, kann man sagen, einen gewissen vorindustriellen Charme aus. Die übrigen Geräte sind fremden, manchmal sehr weit entfernten Tätigkeitsbereichen entlehnt. Das maximale Beispiel ist der Baustellenquirl, mit dem anstatt Beton nun Honig gerührt wird. Ein anspruchsvolleres Element ist ein kleiner Transformator, der bei Modelleisenbahnen zum Einsatz kommt. Mit ihm löten Imker, indem sie die Drähte erhitzen, wächserne Mittelwände in gedrahtete Holzrähmchen.





Wie es scheint, gehen Imker erfinderisch und unkonventionell mit Material um, und natürlich fragt man sich, woher das kommt. Denn Imker sind nicht unbedingt Revolutionäre. Wirklich, die meisten sind borniert, stur und beharren grundsätzlich auf ihrer Sicht. Vielleicht spielt die Herkunft der Bienenhaltung aus dem landwirtschaftlichen Nebenerwerb eine Rolle. Heute wird die Imkerei überwiegend als Hobby oder eben im Nebenerwerb betrieben, selten hauptberuflich. Normen und Regeln kommen aus der Sache, aus den Notwendigkeiten, die die Bienen setzen. Von außen, und schon gar vom Gesetzgeber lässt sich keiner gern dreinreden. Die Imkerei ist noch immer eine Nische. Jeder darf Bienen halten und eigenen Honig verkaufen. Es gibt keine Zertifikate und obwohl es möglich ist, üben nur die wenigsten die Imkerei im Lehrberuf aus. So bastelt jeder sozusagen mit eingezogenem Kopf vor sich hin.