lorem ipsum



Christoph Scheuerecker

vertreten in "lorem ipsum"
eine Ausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler, Landesverband Bayern
Eröffnung: 2. März 2008, 14 Uhr
in der Balanstraße 73, 81541 München
Ausstellungsdauer: 2. März bis 2. April 2008
Öffnungszeiten: Sa und So jeweils 12 -19 Uhr





Alle, die mit Schrift umgehen, wissen es: lorem ipsum ist ein Synonym für Blindtext. Vielen anderen wird es nicht bekannt sein, deshalb sind hier einige Bemerkungen zusammengetragen.
Da der Text aus der römischen Antike stammt, genauer aus einem Abschnitt von Ciceros Werk "de Finibus Bonorum et Malorum", das 45 vor Christus geschrieben wurde, gibt es keine copyright-Probleme. Das ist überraschend, da heute beinahe jeder versucht, die Hand auf etwas zu legen und ein Eigentum zu behaupten. Verwendet wurde der Text ab etwa dem 16ten Jahrhundert von ersten Buchdruckern, die Verzeichnisse ihrer Schriftarten erstellten und offenbar zu prüfen begannen, wie ein günstiger Satzspiegel aussehen muss.
Überraschend ist ferner die Auswahl genau dieses Abschnittes. Darin steckt völlige Beliebigkeit, so als hätte jemand irgendein Buch aus dem Regal gegriffen und blind den Finger auf eine zufällig aufgeschlagene Seite gelegt. Andererseits ist der Text so bedeutungsvoll, dass es schwer fällt, darin keine Absicht auszumachen. Zugeordnet wurde der Abschnitt erst in den 60er Jahren von einem amerikanischen Lateinlehrer, der offenbar lange und eindringlich gesucht hatte, zunächst andere Abschnitte bei Cicero im Blick gehabt hatte und, bereits im Ruhestand schließlich stieß. In wörtlicher Übersetzung bedeutet der originale Abschnitt, von dem lorem ipsum nur ein verstümmelter Rest ist, folgendes: „Es gibt niemanden, der den Schmerz selbst liebt, der ihn sucht und haben will, einfach, weil es Schmerz ist ... .“ Im Grunde passt diese Textzeile in keiner Weise zur Tatsache des Blindtextes. Es sei denn man erweitert flapsig die Bedeutung dummy, die englische Bezeichnung für Blindtext, und fragt sich, ob Puppen bei Crashtests Schmerz fühlen.
Die Verwendung des Blindtextes beruht auf einer wahrnehmungspsychologischen Feststellung. Ein Leser ist geneigt, dem Entziffern eines Textes den Vorzug zu geben. Es fällt ihm daher schwer, das Layout zu prüfen, ohne sich beeinträchtigen zu lassen. Wird sein entziffernder Blick enttäuscht, wendet er sich der äusseren Form zu.
Ab etwa 1960 wurde lorem ipsum in letrasets verwendet, was als erster Sprung in die Moderne gedeutet wird, und heute gibt es im internet sogar kostenlose Textgenerier-Maschinen, die einen beliebig langen Text erstellen, man muss nur die Anzahl der Worte und Absätze undsoweiter eingeben. Verwendet wird der Blindtext heute im Graphikdesign und im Buchsatz. Das Besondere ist, dass verschiedene Sprachen unterschiedliche Satzbilder erzeugen. Beispielsweise schreibt die deutsche Sprache alle Hauptwörter groß, was in den meisten anderen europäischen Sprachen nicht der Fall ist.

Seltsam ist ferner, dass lorem ipsum, der Blindtext wenig erzählbare Tatsachen bietet. Eine halbe Seite genügt. Wichtig mag seine Verwendung sein, aber die Begleitumstände, seine Herkunft und so weiter sind im Nu zusammengetragen.