more than honey


Am 21. Januar 2013 fanden in Neustadt an der Weinstraße insgesamt drei Filmvorführungen statt. Es ging um „more than honey“. Zu dem Film gibt es auch ein Buch. Die Organisatoren waren der Kinobesitzer und der BUND für Naturschutz. Nach einer Vorführung um 20 Uhr sollten mein Freund Yonas und ich auf der Bühne vor der geschlossenen Leinwand stehen und Fragen aus dem Publikum beantworten. Zunächst sprach ich von dem klassischen „Gute Nachricht“ - „schlechte Nachricht“ - Spiel. Die schlechte ist, dass jährlich etwa 20 % der Bienen in Deutschland sterben. Die gute Nachricht ist, dass es mehr Nachwuchsimker gibt. Vor einigen Jahren las ich statistische Erhebungen über das durchschnittliche Alter der Imker. Es lag in astronomischer Höhe. Damals kamen die hohen Verluste zustande, da alte Imker ihre wenigen Völker durch einen ungünstigen Winter ganz einbüßten und sich nicht mehr aufraffen konnten, neue anzulegen. Die meisten von ihnen sind steinalte, in sich selbst verschraubte Bastler. Man bekommt gelegentlich mit ihnen zu tun und Franz, mein Bienenlehrer, hatte mich längst vorgewarnt. Sie versuchen sofort, einem ihre Meinung und ihr System aufzuzwingen und alle übrigen Ansätze auszuschließen. Zunächst sprach ich von der besseren Vernetzung der jungen Imker untereinander. Dann beantwortete Yonas einige Fragen. Er hat vor geraumer Zeit selbst Bienen gehalten. Sein Thema sind der Garten und die Pflanzen. Dadurch kam eine gute Ergänzung zustande, da der Film naturgemäß beide Temen berührt und das Interesse des Publikums in die doppelte Richtung geht.
Tatsächlich saß einer dieser oben beschriebenen Imker in der letzten Reihe und sagte in einem stillen Moment laut zu seiner Frau: „Der hat ja keine Ahnung, der da vorne steht.“ Damit meinte er mich. Die Bemerkung war vermutlich für die Ohren seiner Frau bestimmt, aber beinahe alle im Raum hörten sie. Der Mann lief nach und nach zu ganzer Form auf und entwickelte sich von einer Person, die anderer Ansicht ist zu einem richtiggehenden Störer. Er riss Teile des Gesprächs an sich, verhaspelte sich und seine Beiträge versandeten. Sobald ich etwas gesagt hatte, widersprach er sofort. Schließlich tat er seine entgegen gesetzte Auffassung bereits kund, bevor ich überhaupt angesetzt hatte, zu sprechen, sobald sich aber das ungefähre Thema abzeichnete. Oder er beantwortete eine neue Frage, die jemand gestellt hatte, besser selbst, da sie ihm dadurch schlüssiger erklärt schien. Er sprach über Hummeln und fragte provozierend, warum die denn keine Varroamilben auf sich sitzen hätten. Richtig, sagte er überdeutlich, richtig, die brüten nämlich erst im Sommer. Dann wollte er etwas nachschieben, stellte aber verwirrt fest, dass er sich ins Aus manövriert hatte. Es wurde lustig. Ich meldete mich, als bräuchte ich seine Erlaubnis zu sprechen. Vielleicht, dachte ich, bemerkt jemand im Publikum meine Geste. Schließlich kam ich doch dran und sagte, dass die Hummeln sehr wohl von Milben befallen seien, wenngleich, soweit ich weiß, nicht von der Varroa. Andererseits könne man unseren Bienen schwerlich die Erlaubnis entziehen, ab März in Brut zu gehen. Bienen, sagte Yonas später, sind der bessere Wirt, und damit hat er natürlich Recht.
Zwischenzeitlich ging es um die Gruppe der Neonicotinoide, wie sie in den meisten Pflanzenschutzmitteln vorkommen. Frankreich hat unlängst ein Verbot dafür erwirkt. Doch bei uns ist die Lobby, die hinter diesen bienengefährlichen Mitteln steht, beinahe übermächtig. Es ist nicht mein Thema, muss ich zugeben, da Stadtimker damit nicht zu tun haben. Doch begrüße ich natürlich den Vorstoß Frankreichs. Ob er auf unsere Verhältnisse übertragbar ist, bezweifle ich.
Schließlich ging es um Melezitosehonig. Er kommt zum überwiegenden Teil im Wald vor und wird von Blattläusen, die Äste anbohren und den Phloemsaft der Bäume saugen, ausgeschieden. Die Bienen nehmen diese Ausscheidungen auf und tragen sie ein. Belässt man ihn als Winterfutter im Stock, bekommen die Bienen Durchfall, da er schwer verdaulich für ihren Magen ist. Melezitose ist ein Dreifachzucker, der vom Wabengrund her schnell kristallisiert, oftmals bevor ein Imker ihn ernten kann. Den daraus entstandenen Honig nennt man deshalb Zementhonig. Der Mann in der letzten Reihe schaltete sich sofort erbost ein, indem er sagte, dieses ganze Pipapo mit dem Zucker sei Quatsch. Der sogenannte Melezitosehonig kristallisiere wegen der Ballaststoffe darin. Mag sein, dachte ich, das wäre dann nachzulesen.
Als ich später das Internet bemühte und forstete, wusste ich Bescheid.
Viele drängende Fragen, die gern gestellt worden wären, gingen in dem Grabenkampf unter. Später bezeichneten die meisten, mit denen ich sprach, den Mann als alten Deppen. Aber genau mit denen hat man es häufig zu tun, wenn man Bienen hält. So rutschen die wichtigen Themen in die zweite Reihe.
Die obligatorische Frage, die jedes mal kommt, bezieht sich auf den Vergleich zwischen Stadt und Land. Dazu kann ich wenig sagen außer, dass ich jedem Imker empfehle, die Stadt in Erwägung zu ziehen. In der Stadt blühen vorwiegend Bäume. Die werden eifrig beflogen. Was die Menschen jedoch am meisten interessiert, ist die Belastung durch Abgase.Die Bäume verfügen über hervorragende Filtereigenschaften. Und schließlich filtern sogar die Bienen selbst Gifte. Der Nektar wird nur zu bestimmten Uhrzeiten ausgeschieden. Der Ruß, der Feinstaub, die Schwermetalle sind schwerer als die Luft und sinken zu Boden. Die Blüten der Bäume, die entlang befahrener Straßen auf Hochstamm geschnitten sind, sitzen also in einer Krone, die erst ab etwa fünf Metern Höhe beginnt. Schließlich muss der Imker Sorge tragen, dass seine Stöcke nicht in der Nähe einer stark befahrenen Straße stehen, sondern rundum geschützt sind.
Meine Vorschläge an die ländlichen Imker sind im Grunde radikal. Blühen Raps oder Mais, die häufig gespritzt werden, sollten Bienen nicht in der Nähe stehen. Man könnte in grünen Städten, von denen es in Deutschland eine gute Hand voll gibt, durchaus groß angelegte Ausweichquartiere finden. Später könnten die Bienen zurück wandern. Genau genommen sollten Bienen immer dann, wenn der Verdacht aufkommt, dass schädliche Spritzgifte eingesetzt werden, nicht in der Nähe sein. Denn meistens verläuft die Berührung für die Bienen tödlich. Imkern, die dennoch ihre Bienen dort postieren, kann man vorwerfen, dass sie die Gefährdung der ihnen anvertrauten Lebewesen und die Verunreinigung des von ihnen in Umlauf gebrachten Honigs vorsätzlich in Kauf nehmen. Das ist eine bewusste Anschuldigung und sie muss nachhaltig geprüft werden. Sobald der Raps blüht, sollten die Bienen ohnehin weggebracht werden. Die Obstblüte müsste geprüft werden. Eine Aufnahme in den Städten würde sich außerdem günstig auf den Ertrag auswirken. Die Imker müssten nicht jährlich darum bangen. Denn durch die zahlreichen blühenden Bäume lässt sich in der Stadt dreimal soviel Honig erwirtschaften wie auf dem Land.


Bei der Veranstaltung trat noch ein Mann auf, der Werbung für EM machte. Ich habe vergessen, wofür das genau steht. Er saß in der ersten Reihe, fragte, ob man nicht die natürlichen Resourcen verstärkt bemühen könne (womit er meinte, Medikamente wegzulassen), und er habe dazu eine Informationsbroschüre mitgebracht.


Über den Film ließ sich selbstverständlich wenig sagen, da die Bilder für sich sprechen. Es war nicht unser Anliegen, weitere Kommentare hinzu zu fügen. Nur ein inhaltlicher Fehler fiel mir spät abends ein. Da der Filmemacher Schweizer ist, kommen die schweizer Imker, die sich im Hochgebirge um die Erhaltung einer eigenen Bienenrasse mühen, nicht besonders gut weg. Das fand ich ein wenig bemüht. Es kommt einem vor, als sei es so etwas wie Ehrensache für ihn, auch kritisch zu beleuchten, wie im eigenen Land mit den Bienen umgesprungen wird. Die gezeigte gebirgstaugliche Rasse, das fiel mir später ein, ist die gelegentlich erwähnte apis nigra. Der alte Schweizer Imker, der sich ausschließlich in mittelhohen Gebirgslagen bewegte, zerdrückt im Film nachhaltig mit dem Fingernagel eine seiner Königinnen und sagt dazu in etwa: „So, das ist der Preis fürs Fremdgehen.“ Damit meint er, dass diese sich mit den Drohnen einer anderen Rasse drunten im Tal gepaart haben muss. Diese Geste überdachte ich und schließlich fiel mir auf, dass der Mann gar nicht gewusst haben konnte, dass die Königin sich mit einer anderen Rasse gekreuzt hatte. Er hätte das erst an der schlüpfenden Brut gesehen und dann wäre es zu spät gewesen. Die Nahaufnahme des riesigen Daumennagels, der die Königin zerquetscht und auf einem Brettchen zurück lässt, wonach aufgeregte Bienen herbei eilen, ist zwar unstimmig, aber bildmächtig.





Das Photo eines amerikanischen Berufsimkers aus dem Film more than honey. Der Mann sitzt in seinem Auto, einem Truck und lässt das Fenster herunter. Er sagt: „Listen!“ Man spitzt die Ohren hin und hört zigtausend Bienen summen. Der Mann wandert mit Größenordnungen von Anzahlen, die uns völlig utopisch vorkommen. Ebenso verrückt scheinen aber seine Verluste, die während der Fahrt auftreten. Die Bienen verbrausen. Sie gehen daran ein, dass ihnen zu heiß wird und sie verrecken elendiglich in ihren Kästen, weil sie nicht genug belüftet sind. Nach einer Kunstpause, die der Mann gemacht hat, ein Herr Miller, sagt er: „This is the sound of money.“




More than honey
Hermann Scherrer, Vorsitzender der Neustadter Kreisgruppe von BUND für Umwelt und Naturschutz sowie Christoph Scheuerecker, seit über 20 Jahren Stadtimker aus München, werden nach der 20.00-Uhr-Vorstellung als Gäste anwesend sein und für Fachfragen und Diskussion zur Verfügung stehen.
Großartige Dokumentation über das rätselhafte weltweite Bienensterben und die Bedeutung der Bienen für den Menschen und die Natur.
1 Std 40 Min - ab 6
Montag 17.30 + 20.00