buch


Lustig ist übrigens eine Geschichte aus dem Buchladen, wo der Stadthonig vertrieben wird. Da kam (der schwarze) Mann wütend herein gestapft und plärrte, dass mein Honig zu günstig verkauft werde. Das gehe nicht. Man müsse mindestens zwölf Euro verlangen. Die Damen dort, weil kaufmännisch hart gesotten, nahmen ihm ein Glas zu 250 Gramm ab. Das verstaubte dann ein halbes Jahr im Regal, während der Absatz von Stadthonig aus dem Rosengarten florierte. Nach der besagten Zeit holte er es murrend wieder ab, ließ sich jedoch nicht entmutigen, sondern brachte 500 Gramm-Gläser, auf denen plötzlich Stadthonig zu lesen steht. Das Etikett ist aber fahl, die Farben wirken gedeckt, ein bisschen wie mit Wasserfarben von einem Kind gemalt, und das Ganze ist selbstgestrickt. „Seids ihr wahnsinnig?“, sagte ich, und was einem in schwachen Augenblicken rausrutscht. Aber die Buchhändlerinnen antworteten trocken: „Das Zeug will eh keiner. Die Gläser stehen ewig herum, ohne dass einer Notiz von ihnen nimmt. Tatsächlich hatten die Schlauen seine Gläser im Regal hinterm Verkaufstresen nach hinten und in eine Ecke gerutscht, als handle es sich um eine unliebsame Bucherscheinung (Sarazzin), die leider nicht fehlen darf. Den echten Stadthonig aus dem Rosengarten betreffend, führten sie hingegen eine Liste der Personen, die sich namentlich angemeldet hatten, weil sie unbedingt ein Glas kaufen wollten. Der Engpass tritt vor allem im Frühjahr auf. Da will jeder Erster sein, wenn der frische Honig auf den Markt geworfen wird. Und die Gläser stehen ohnehin vorne auf dem Tresen.

Bienenkästen


Wie an anderer Stelle bereits geschildert, kommen die Bienen, wenn sie in Styroporkästen überwintert haben, gut gerüstet und kräftig ins Frühjahr. Im Vergleich hatte ich sogar einen Holzkasten am Stand stehen. Die Bienen darin brauchten fast zwei Wochen länger. Und die Zargen, die aus fast drei Zentimeter dickem Tannenholz bestehen, sind übermäßig schwer.
2015 entwickelten ein Freund und ich eine wirkliche Alternative zu den Styroporkästen. Das geschah 23 Jahre, nachdem ich mit der Bienenhaltung begonnen hatte. Ich hatte nicht aufgehört, mir den Kopf über dieses Thema zu zerbrechen. Dabei hatte das Styropor, das ich bis dahin als alternativlos übernommen gehabt hatte, längst in meine Betriebsweise Eingang gefunden. Doch ich war es zunehmend leid. Daher entwickelten wir die Holzkästen, deren Innenräume hohl waren. Selbst war ich aus Gesundheitsgründen nicht in der Lage, diese komplexen Gebilde zu bauen. Der Freund, Künstler und Schreiner, erstellte sie. Und im Frühjahr 2016 strich ich sie mit wasserfester Farbe auf Leinölbasis und begann, sie allmählich einzusetzen. Doch wie ich feststellte, hatte Franz, der elf Jahre begraben lag, unsere sogenannte neue Idee seit vier Jahrzehnten in Grundzügen bereits verwirklicht gehabt. Er hatte ebenfalls mit Hohlräumen gearbeitet, nur hatte er diese wiederum mit Styropor ausgestopft.




VEB Bienenkultur


Im Frühjahr des Jahres 1990, unmittelbar nach den verheerenden Stürmen, die riesige Schneisen in den westdeutschen Fichtenwald schlugen und manchmal ganze Gebiete davon einfach umlegten, fuhren meine damalige Freundin und ich in die DDR. Das Wort verwende ich bewusst. Denn sie hatte zwar im November des Vorjahres offiziell aufgehört zu bestehen, doch sie existierte noch in den Köpfen der Bewohner, und in unseren. Es wurde mit einem Schlag still in den Gaststätten, wenn man herein kam. Die Tische waren alle gleich groß und standen wie Zinnsoldaten ausgerichtet in Reih und Glied. Man bekam eine Speisekarte in die Hand gedrückt, auf der als Vorspeise Soljanka stand, was wir in Westdeutschland nicht kannten und für eine ostdeutsche Spezialität hielten. Das Hühnchen hieß Broiler und man passierte VEB Broilergaststätten. In den Läden lagen kaum westdeutsche Produkte in den Regalen, und wenn, dann nur vereinzelt und keiner konnte sie sich leisten. Es gab nicht zehn Sorten Zahnpasta, sondern nur eine. Die Verpackungen bestanden hauptsächlich aus grauer Pappe, wie in den Wirtschaftswerten von Beuys. Wir stempelten abends mit Buchstaben, die ich mitgebracht hatte, auf weiße Karteikarten, die ich ebenfalls mitgebracht hatte, unsere Tageseindrücke in einzelnen Worten. Dort kaufte ich einen Haufen Karteikarten im Format DIN A 5, da es andere nicht gab. Sie waren liniert, bestanden aus einem weichen graugrünen Karton, waren holzig. Wir benutzten sie nicht.
Manchmal übernachteten wir bei fremden Leuten, bei denen wir uns einbettelten wie Bienen in fremde Völker. Bei denen saßen wir in seltsam überfrachteten Wohnzimmern und diskutierten die halbe Nacht, während wir Vodka tranken. Sie wollten zunächst alle die CDU wählen, sagten sie. Später käme vielleicht die SPD, darauf wollten sie sich noch nicht festlegen. Der Wein war zu süß und wurde aus Bulgarien bezogen, einzig das Bier und wie gesagt den Schnaps bekamen wir hinunter. Auf einem winterlichen Stadtplatz hatte sich ein feister Mann aus dem Westen postiert, mit einem dunkelblauen, protzigen, neuen Achtzigerjahre-Merzedes. Er schenkte aus seinem Kofferraum Underberg aus und zog dazu haufenweise Schnapsgläser aus Kisten. Hinter dem Wagen hatte sich eine Menge versammelt. Er erwartete, dass das Stimmvieh entsprechend des Schnapses mindestens CDU wählen ging, wenn nicht rechter. „Auf die Freiheit“, sagte er bei jedem Glas, nickte und erwartete ein bestätigendes Nicken.
Mit Gleichaltrigen kamen wir gar nicht ins Gespräch. Sie redeten einfach nicht mit uns. Saßen wir in der Wirtschaft nebeneinander, drehten sie sich weg.
Wir besuchten Buchenwald.
Diesen graugrünen Karton bedruckte ich später mit einem dunkelgelben sechseckigen Raster. Ich hatte eine Wabe zurecht geschnitten und sie mit Linoldruckfarbe eingewalzt. Der Druck erfasste genau den Bereich unter der oberen Trennlinie, im Textblock, wo der Karton schwach liniert ist. Darüber stempelte ich mit alten, in eine Plastikschiene gesetzten Buchstaben VEB Bienenkultur. VolksEigenerBetrieb. Bienenkultur ist ja das deutsche Wort für apicultura. Die Idee war natürlich, dass das gegenseitige Protzen und Wettrüsten aus dem Kalten Krieg sich nicht auf die Bienen erstreckt haben konnte. Durch das geteilte Deutschland war zwar die Grenze zwischen Westen und Osten verlaufen, doch die Wabengröße musste in beiderlei Deutschland gleich gewesen sein. Im Gegensatz zu den Menschen hatte ein im Osten gestarteter Bienenschwarm durchaus im Westen ankommen können und umgekehrt. Ich fragte mich, wann eine Arbeit anfängt, politisch zu sein.

Im Jahr 2011, als ich einen Raum im Atelierhaus Baumstraße zwischengemietet hatte, genau um die Zeit, als die Arbeit finnegans bees langsam entstand, konnte jeder Mieter den scan eines Motivs einreichen. Davon sollten 1000 Stück auf einen starren, leicht glänzenden Karton im Format DIN A 5 gedruckt werden. Die Rückseite war reinweiß und enthielt den Titel und den Namen. Ich gab meinen damaligen Druck ab. Ich arbeite im Grunde nie exakt auf diesem Format, selten einmal auf DIN A 4, und nur, wenn es nicht anders geht.
Nachdem ich die 1000 Stück in einer schweren Kiste erhalten hatte, rutschte ich sie unter den Tisch und wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.

Erst im Jahr 2015 begann ich Texte zu suchen, die Dichter oder Wissenschaftler über Bienen verfasst hatten. Die Palette reichte von Hölderlin bis Darwin. Ich stellte meine mechanische Schreibmaschine so ein, dass sie den roten Teil des Farbbands verwendete, tippte Zitate, die ich mir heraus geschrieben hatte und suchte neue. Die Schreibmaschine hatte große Schwierigkeiten, den starren Karton einzuziehen und alle Buchstaben musste ich doppelt anschlagen, damit sie sich überhaupt von dem dunklen Untergrund abhoben.
Ich war mir über diese Arbeit nie ganz im Klaren.


Im Jahr 2015 entwarf ich außerdem eine Arbeit, die nicht über das Anfangsstadium hinaus kam. Ich bemühte mich, aber es wurde nichts draus und sie ist hier nicht aufgenommen. Es ging um Blumenbriefmarken, die die Deutsche Post ungefähr vom Jahr 2014 bis zum Jahr 2016 heraus gegeben und von denen ich einen Haufen in einer Schachtel gesammelt hatte. Die wollte ich verwenden. Allerdings wollte ich unter Umständen auch die vorher erwähnten Bäckereibienen einbauen und auf jeden Fall noch einen Poststempel erstellen, der anstatt des Briefzentrums und dessen Nummer den Schriftzug APICULTURA trug. Obwohl die Arbeit weit gediehen schien, versandete sie doch. Selbst als ich die Bienen wegließ, kam ich nicht weiter. Es öffneten sich die verschiedensten Wege, aber keiner führte zu einem Ergebnis. Womöglich springt eines Tages ein haltbarer Entwurf hervor, aber dafür, wie lange ich mir den Kopf zerbrochen und daran gearbeitet hatte, einen gesamten Sommer durchgehend, war der Ertrag spärlich. Jetzt noch nicht, dachte ich, als ich aufgab. Einige der Blumenbriefmarken und auch ein wunderschönes Gedicht von Heinrich Heine und Textzeilen aus Finnegans Wake baute ich später in besondere Honigetiketten für drei Editionen ein. Das ist natürlich dokumentiert.

Von der Kunst zur Bienenkultur


Sehr geehrte Damen und Herren

Der große Überbau, unter dem der Vortrag eingeordnet wird, ist das Projekt apicultura. Der Titel der Ausstellung heißt 35° C. Frau Dohrmann hat sich als Bezeichnung für die heutige Lesung ausgedacht: „apicultura: Von der Kunst zur Bienenkultur“, und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich damit anfreunden konnte.
Ich möchte es Ihnen nahe bringen, indem ich aushole und Ihnen meinen künstlerischen Werdegang schildere. Dabei beginne ich dort, wo solche sogenannten Initiationen stattfinden. Etwa als ich 17 Jahre alt war, begann ich mühsam, den Ulysses von James Joyce zu lesen. Geprägt haben mich Joyce, Beckett und Uwe Johnson. Und John Cage. Es wird Sie wundern, dass meine ursprüngliche Erfahrung, auf die ich heute zurück greife, das erste Wahrnehmen künstlerischen Ausdrucks, über das Lesen geschah. Damals achtete ich übrigens darauf, mindestens eine Stunde pro Tag zu zeichnen. Aber das passierte gewissermaßen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke oder so, als ob man die Rechtschreibung erlernte. Dann stieß ich auf John Cage, und ich entdeckte eine Vielfalt an Verknüpfungen zu Künstlern, Musikern, Architekten der damaligen amerikanischen Moderne.
Im Anschluss mäanderte ich ein halbes Jahrzehnt ortlos durch die Landschaft. Erst Mitte der Achtziger Jahre geriet ich in einen Kreis von Leuten, die sich um Beuys geschart hatten. Man spricht heute meistens abfällig von Jüngern, womit man Beuys umgekehrt unterstellt, er sei ein Guru gewesen. Dazu kann ich wenig sagen. Es kam nicht dazu, dass ich ihn kennen lernen konnte. Mein Kontakt war Johannes Stüttgen. Er vermittelte mir seine Sicht. Die nahm ich als Original. Ausgestattet mit diesem Rüstzeug, mit seiner Art, die Beuys´schen Objekte aufzuschlüsseln, betrachtete ich beinahe alles, was es in der Öffentlichkeit zu sehen gab. Die Zeichnungen waren damals weniger zugänglich, so dass ich auf Kataloge angewiesen war.
Eines der großen Geheimnisse von Beuys ist, das wurde mir klar, seine Arbeiten in den Ausstellungsräumen anzuordnen. Er spürte Raumachsen auf, die ich nicht erkannt hätte, und an denen entlang richtete er seine Objekte aus. Mir bleiben diese Linien verborgen, ich erkenne Hauptraumachsen und empfinde es als schlüssig, mich an ihnen zu orientieren.
Während nun Joyce und Cage mich beflügelt hatten und ich buchstäblich in den Wolken getrieben war, packte Johannes Stüttgen oder packte die Beuys´sche Arbeit mich und stellte mich mit beiden Beinen fest auf den Boden.

Seit etwa 1984 beschäftigte ich mich mit Pflanzenkunde. Das für mich wichtigste Buch, das ich damals unentwegt mitführte, trägt den sportiven Titel: „Was blüht denn da?“ (Davon ist an anderer Stelle bereits die Rede.) Zur Bestimmung werden weder die Keimblättern genutzt, noch die grundständigen Blätter, noch der Stängel oder alles zusammen einschließlich Blüte, sondern die Gliederung erfolgt hinsichtlich der Blütenfarbe. Die meisten von Ihnen kennen dieses Buch wahrscheinlich, denn es ist keineswegs speziell, man bückt sich hier und dort und fragt: „Was blüht denn da?“ Zusätzlich bekommt man ein geringes Hintergrundwissen, das man durch gerichtete Forschung vertiefen kann. Wächst beispielsweise übermäßig viel Löwenzahn auf einer Wiese nahe eines Bauernhofes, kann man sein letztes Hemd verwetten, dass der Bauer es mit dem Odeln hält. Löwenzahn ist ein Stickstoffzeiger.
Ich wusste zunächst nichts über Pflanzen und lernte, ging Hinweisen nach und reicherte Grundwissen an. Ich stellte sogar wässrige oder alkoholische Auszüge her und bereitete Brennesselsaft oder Ringelblumensalbe zu. Ich war allerdings weit entfernt, ein Pflanzendoktor zu werden. Das Interesse bestand nicht, sonst hätte ich mich dazu aufgeschwungen. Genau genommen war ich zu versessen auf die Blüte.
Vor dem Studium übrigens, das möchte ich noch kurz erzählen, unterhielt ich für kurze Zeit einen kleinen Nutzgarten. Dazu musste ich natürlich ein Grundstück urbar machen, schwere Grassoden ausreißen, festgetretene Erde lockern, papierne Samenpäckchen aufreißen und die mickrigen Körnchen ausstreuen, was eben so anfällt. Es war eine elendige Plackerei, und ich kann im Nachhinein ohne Scham sagen: „Mir gelang eine ausgezeichnete Brennnesseljauche.“ Bei günstigem Wind stank sie über einen halben Kilometer hin. Den Rest konnte man an die Haie verfüttern, wie man sagt. Die Beete hielten dem Unkrautdruck nicht stand. Ich zog Karotten aus dem Boden, die halb so lang waren wie mein kleiner Finger. Ich konnte, um gleich beim Ursprung zu bleiben, nicht zwischen den Keimblättern des Unkrauts und denen der Nutzpflanzen unterscheiden und riss das Falsche heraus. Binnen kurzem stellte ich fest, dass ich womöglich geeignet gewesen wäre. Doch es blieb beim Konjunktiv. Der grüne Daumen wuchs an anderen Händen.
Zu Beginn des Studiums verfolgte ich die Angelegenheit mit den Blüten und versuchte, sie in die Kunst zu holen und stellte weiter fest, dass es nur gelegentlich funktionierte. Ich rannte gegen eine Wand. Oder es gelang auf Umwegen. Ich hatte einen Stempel gesetzt, auf dem „Erotisierung“ stand. Damit schlenderte ich im Mai 1990 durch verschiedene Münchener Parks und stempelte Blütenblätter von Heckenrosen. Und ich machte lustige Arbeiten mit tschechischen Blumenpostkarten oder elektrischen Lichterketten aus Blüten.

Ich werde häufig gefragt, mit welchem Material ich arbeite. Und ich kann nicht antworten. Soll ich sagen, dass ich Installationskünstler bin? Dabei habe ich keine Ahnung, was das sein soll, ein Installationskünstler? Oder noch schlimmer, soll ich die Wahrheit sagen und mich unmöglich machen? Beuys hielt an einer altmodischen Klassifizierung fest, nach der es Bildhauer und Plastiker gibt. „Die Bildhauer schlagen alles vom Stein weg, was nicht nach Löwe ausschaut“, so hat eine Bekannte es einmal mit einem Grinsen formuliert. Im richtigen Leben wäre ich daher Gießer geworden. Das ist nahe dran. Metalle wie Blei, Eisen, Aluminium und Zinn, und dazu Wachs, Gips, Beton kommen mir unter die Hände.
1987 begann ich zu studieren, Kunst, an der Akademie der Bildenden Künste in München. Da grub ich mich zu dem verbindenden Element zwischen den Blüten vor: Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und alle restlichen bestäubenden Insekten. An vorderster Stelle standen die Bienen. Es hatte einen kleinen "Zeitstau" (ein Ausdruck von Johannes Stüttgen) gebraucht, eine Schwelle, bevor ich in dieses System eintreten konnte. Denn als ein Freund während der frühen Achtziger Jahre Bienen gehalten hatte, war ich davon unbeeindruckt geblieben. Nun aber war ich Feuer und Flamme. An der Akademie lernte ich Franz Wagner kennen, der dort als einer der Hausmeister arbeitete. Er lief meistens in einem grauen Kittel herum und er hielt in einem Lärchenwäldchen außerhalb der nördlichen Autobahnumgehung, ganz versteckt, in einem gepflegten Bienenhaus etwa dreißig Völker. Sein Stand lag sowohl in der Nähe der Schleißheimer Flugwerft als auch nahe am Lehrbienenstand Hochmutting. Franz war Rumäniendeutscher und hatte bei Temesvar, wo er Gießermeister gewesen war, nach der Arbeit mit seinem Schwiegervater 400 Völker gehalten. Franz wurde mein Bienenlehrer. Nachdem ich ihm hundert Löcher in den Bauch gefragt hatte, stellte er mir 1992 drei übervolle Stöcke in den Garten der Akademie. Die Hausleute schleppten dafür einen aufklappbaren Verschlag herbei, in dem jemand früher Bienen gehalten hatte. Wo heute das unpraktische Gebäude der Coop Himmelblau steht, befand sich damals die u-förmige Baracke, in der unsere Klasse untergebracht war. In diesem stillen Gartenabschnitt begann die Geschichte. Jemanden im Hintergrund zu wissen, den man fragen kann, ist ein Schatz. Man kann von niemandem, der mit der Bienenhaltung beginnt, diese Vorleistung verlangen. Doch sie scheint beinahe unabdingbar. Lang nach dem Tod von Franz hatte ich seine Telefonnummer noch gespeichert und ihr eine Kurzwahltaste zugewiesen. Bei unklaren Situationen am Bienenstand, begann ich nervös nach dem Handy zu fischen. Im Fall von Franz war ich nicht sicher, wer wen gesucht hatte.
Kurz bevor er mir die Bienen hingestellt hatte, dachte ich mir das Projekt apicultura aus. Ich kann mich nicht mehr erinnern, worauf sich die allerersten Bezüge gründeten. Später glaubte ich, es sei die Formensprache der Bienen, das Sechseckige, das Taschenförmige, das Runde und so weiter im Verhältnis zur Formensprache des Menschen gewesen. Das wären natürlich ganz und gar bildhauerische Gedanken und das würde perfekt zur Legende passen. Heute tun sich derart viele Bezüge auf, dass ich nicht sicher bin. Beispielsweise lässt sich erkennen, dass die Magazinbeute ein Hängeregister ist. Ich will darauf nicht näher eingehen, sondern mit einem Paradox antworten: Ich arbeite innerhalb eines Reservoirs, das mit jeder Arbeit größer wird.
In Bezug auf unsere Klasse tönte es aus der Akademie, also von Seiten des Mutterschiffs, dass es „beuysle“. Manche, die das behaupteten, kräuselten ein wenig die Nase dabei, als ob es fischle. Sie meinten, dass Beuys, obwohl bereits verstorben, in unserer Klasse eine übergroße, verheerende, dogmatisierende Rolle spiele, dass Beuys uns geknebelt hielte und Heribert Sturm, unser Professor, das auch noch zuließe. Es wurde gemunkelt und geraunt, und die Hexen bei Faust waren nichts dagegen. Wir Barackenkinder galten ohnehin als etwas unterbelichtet, doch indem man die übermächtige Figur auf uns projizierte, hielt man sich selbst in Schach. Folglich schwebte der aufblasbare Mann mit Hut über der Hütte aus Nachkriegsschutt. Das ist natürlich poetisch gesprochen. Das Fass kam zum Überlaufen, als ich die Stirn besaß, Bienen zu halten. Unbekannte feindeten mich auf den Gängen des Haupthauses an.

Nachdem ich die ersten Stiche erhalten hatte, bekam ich damit nicht nur die Immunität gegen Bienengift, sondern gegen Ideologie. Ich benötigte kein Übersinnliches. Ich war kuriert. Ich fragte mich eher, wie ich das Weitere hienieden durchstehen sollte. Denn nachdem sich die Stecherei gelegt hatte, weil ich beschlossen hatte, mich nicht weiter beeindrucken zu lassen, folgten neue und neue Blöcke, die mich ans Tatsächliche banden.
Das Projekt apicultura ist nicht gegossen. Oder doch? Um es mit einem Wortspiel zu sagen: Es passt wie angegossen. Ich stemple, bearbeite Wände, nutze Bienen als Ursprung für Einfälle, habe mein eigenes Label, verkaufe Honig, gieße Wachs, gieße im Übrigen auch Honig, und so weiter. Die Ausformungen sind vielfältig. apicultura ist die Quelle und der Zielordner. Wenn ich mich als Bildhauer bezeichne, dann nur, um darauf hinzuweisen, dass ich dreidimensional arbeite. Selbst das Abdrücken eines Stempels oder sogar der Anschlag einer Schreimaschinentype ist für mich ein plastischer Vorgang.
apicultura bedeutet für mich Bienenhaltung und künstlerisches Handeln in Verschränkung. Der direkte Umgang mit den Bienen war all die Zeit über ständig Bestandteil. Man sieht davon wenig, aber er lief und läuft im Hintergrund wie ein verborgener Motor. apicultura ist das Wort, das die romanischen Sprachen gebrauchen und an dessen Stelle wir Imkerei setzen. Bienenkultur, wie sie hier im Prospekt steht, ist die wörtliche Übersetzung von apicultura ins Deutsche. In unserer Sprache fühlen wir, wie das Wort uns etwas behäbig über die Zunge rutscht. apicultura hingegen eignet sich sowohl als Projektname, als auch als Label, beispielsweise dasjenige, unter dem der Stadthonig vertrieben wird.
Mich hat in apicultura sofort der Kulturbegriff angesprungen. Während ich dieser Spur nachging, stieß ich auf die Grundbestandteile Haltung und Pflege. Nur bekommen Bienen keinen Schnupfen und man muss ihnen keinen Kamillentee kochen. Deren Krankheit besteht hauptsächlich in der Varroamilbe und man kann ihnen den ärgsten Druck vom Hals schaffen, aber sie nie ganz befreien. Im nächst folgenden Jahr geht alles von vorne los. Die verbliebenen Milben vermehren sich exponentiell. Man wandert stets auf einem schmalen Grat, ob man beispielsweise zuviel Ameisensäure zur Behandlung einsetzt und die Bienen schädigt oder zu wenig und nicht ausreichend Milben erwischt.

Die Kunst ist nicht mit dem Projekt verbunden, das ist unscharf ausgedrückt, sondern das Projekt ist seit 25 Jahren meine Art, mich künstlerisch zu äußern. Nur möchte ich, wie ich es vorher getan habe, die Person des Franz Wagner, der mich während der ersten zehn Jahre unterstützt hat, manchmal nur als stiller Beobachter im Hintergrund, als unabdingbar herein nehmen. Ohne ihn wäre das alles nicht denkbar. Er rümpfte, obwohl Hausmeister an der Akademie, über die Kunst die Nase und man durfte ihm damit nicht kommen. Das war das Absurde. Franz hat keine meiner Ausstellungen besucht.
Bedeutend ist eine Aussage des frühen Cage: Fragen ist wichtiger als antworten. Was sieht die Biene? Was sieht der Mensch, wenn er durch ein präpariertes Bienenauge schaut? Welche Farben sieht die Biene (und der Mensch nicht)? Wie sehen Pflanzenpollen in der Rasterelektronenmikroskopie aus? Welche Wege fliegt die Biene? Heute sind meine Themen oft informatischer Art. Bienen sind eng verzahnt mit Pflanzen und das macht Verständigung notwendig, doch wie geht sie vonstatten? Wie kommuniziert der Bienenkörper als Ganzes mit dem Imker? Ab welchem Augenblick erkennt der Imker, sobald er den Stock geöffnet hat, was mit einem Volk los ist?

Der Vortrag schließt mit einer aufmerksamen Beobachtung von Frau Dohrmann: Das gesamte Projekt apicultura ist unpolitisch gedacht, wurde aber durch den unglücklichen Wandel unserer Umwelt zu einem politischen. Diese Thema beschäftigte mich früher schon. Natürlich bin ich kein politischer Künstler. Ich weiß nicht einmal, was das sein sollte. Doch jede Arbeit an den Bienen, so entrückt sie wirken mag, ist mittlerweile zu einer politischen Angelegenheit geworden. Leider.

Vielen Dank

35° C


Die Temperaturangabe ist der Titel der Ausstellung. 35° C ist eine Annäherung, im Grunde eine obere Grenze. Denn steigt die Stocktemperatur darüber hinaus, wird es kritisch und die Bienen setzen Einiges in Bewegung, sie fächeln Kühlung und verdunsten Wasser, das sie mit ihren Fühlern verspritzen. Zahlreiche Arbeiterinnen verlassen sogar den Bau, um sich draußen aufzuhalten und die andern nicht bei der Arbeit zu stören. Das nennt man „vorlagern“, man sieht es an heißen Sommerabenden, wenn die Vorderseiten der Kästen außen übervölkert sind. Um die sogenannte Weisel, die Bienenkönigin, sollte es mindestens 30° C haben. Vor allem im Winter schließen sich die Bienen um sie herum zusammen und beheizen sie durch Zittern der indirekten Flugmuskulatur. So steht es im schlauen Buch und teilweise habe ich es so beigebracht bekommen.




Es handelt sich um das zweite Skulpturenprojekt der Stadt Ebersberg in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Ebersberg e.V.
Soviel sei noch gesagt. Denn daraus begründet sich die Ausstellungsdauer.




Zu der Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm. Den nachfolgend gesetzten Vortrag: „Von der Kunst zur Bienenkultur“ habe ich in diesem Rahmen gehalten.
Und diese Skulptur ist das Jahr über, bis Ende März 2016, zu sehen. Es handelt sich um zwei leere Bienenstöcke aus Styropor, die in einer Nische des Ebersberger Kunstvereins hocken, hoch oben, dem menschlichen Zugriff entzogen.




Im Laufe des Jahres waren einige Leute eingeplant, die über Bienen sprechen und Drängendes über die Lage der Biene von heute sagen sollten. Dabei mussten die dramatisch veränderten natürlichen Gegebenheiten draußen auf dem Lande ins Programm Eingang finden. Der Stadtimker ist zwar davon verschont, sitzt aber mit im Boot, und den lokalen Insektenhaltern hätte sich hier eine Plattform geboten. Sie hätten berichten können, wie sie sich mit Neonicotinoiden herumschlagen, mit genmanipuliertem Saatgut, mit Glyphosat und derartigen Freveltaten. Manche der angesprochenen Leute, die zunächst zugesagt hatten, meldeten sich dann aber nicht mehr. Sie waren wie vom Erdboden gefegt. Mit deren Beteiligung hätte sich ein beachtliches Begleitprogramm aufbieten lassen. Herr Kummrov, der erste Vorsitzende des Ebersberger Imkerverbandes, stand als einziger zu seinem Wort. So blieb es bei einem inneren Kreis. Immerhin stellte ich fest, dass durch die stillen Absagen oder gar durch stoffeliges Verhalten das Programm derart schrumpfte, dass im Flyer ein breiter Balken frei wurde. Da dachte ich sofort an das Gedicht von Heinrich Heine. Das wollte ich ohnehin seit geraumer Zeit irgendwo unterbringen, fand aber keinen geeigneten Ort. Hier wird es nun zitiert:


Wie die Nelken duftig atmen!
Wie die Sterne, ein Gewimmel
Goldner Bienen, ängstlich schimmern
An dem veilchenblauen Himmel!