Magazin


apis mellifera ... ist die altmodische Bezeichnung, um Bienenrassen zu unterscheiden. Heute benutzt man, glaube ich, mellifica. Der Beiname mellifera bezeichnet die Biene als die honigtragende, während mellifica sich auf den Nektar bezieht, den die Biene in ihrem Magen erst zu Honig fermentiert. Doch oft wird das Zwischenstück ohnehin weggelassen. Daher denke ich, die Schreibweise ist nicht von großer Bedeutung.


Ein zweiter Hinweis bezieht sich auf einige Ausdrücke, die im laufenden Text verwendet werden. Die meisten sind erklärt, aber im Grunde muss als Erstes die Beschreibung folgen. Da es so viele Arten von Kästen gibt, bezieht sich meine Beschreibung auf die Magazinbeute, in der ich meine Bienen halte.
Zuunterst haben wir das Bodenbrett. Es dient vorne den Bienen als Landebahn und hat mittig und zum Boden hinunter eine große, rechteckige Öffnung, die mit einer Aluminiumgaze verschlossen ist. Von dort kommt im Sommer kühlender Wind in den Stock und im Winter wird von hinten, ganz am Boden, ein Brett eingeschoben, das den kalten Luftzug abhält. Aluminium wird im Gegensatz zu Eisen eingesetzt, da es nicht so anfällig gegen die Dämpfe der Ameisensäure ist, mit denen ich meine Völker im Herbst gegen die Varroamilbe behandle. Die Maschen des Gitters sollten gerade so weit sein, dass die abgetöteten Milben hindurch auf das darunter liegende Brett fallen. Dadurch erhält man eine Übersicht, wie stark ein Volk befallen ist.
Nach dem Boden folgt die erste Etage des Brutraums, danach die zweite. Ich versuche, meine Völker auf zwei Etagen einzuwintern, was realtiv viele Bienen voraus setzt. Große Völker, heißt es, seien weniger anfällig gegen Krankheiten. Vorne an die erste Etage ist ein buntes Blech gehefetet. Es eröffnet unten den Eingang und dient als Anflughilfe. In jeder der Etagen, die als Zargen bezeichnet werden, hängen genau zehn Waben, wie in einem Hängeregister beim Finanzamt. Falls ein Volk zum Winter hin doch einmal kleiner ausfällt, setze ich Schiedbretter ein, um es beispielsweise auf zweimal sieben Waben zu verengen. Der Rest wird mit zerknülltem Zeitungspapier ausgestopft. Diese Maßnahme nehmen die Bienen, was mich anfangs überraschte, gut an. Im Winter werden die Völker zusammen gerutscht, bis ihre Wände seitlich eng aneinander liegen. Sie wärmen sich gegenseitig. Über das Ganze spanne ich einen Gurt, der sie aneinander drückt, und zurre ihn unten an den Paletten fest. Im Frühling löse ich diesen Gurt und rücke sie auseinander. Franz sagte, man könne einen Bienenstock etwa um eine handbreit pro Woche verrutschen. Das hängt mit der exakten Orientierung der Bienen, die man keinesfalls stören darf, auf einen bestimmten Standort zusammen. Kommt es im Frühling zu den ersten Trachten, also größeren Mengen von Blüten, setzt man einen sogenannten Honigraum auf jedes Volk. Der ist durch ein Absperrgitter vom restlichen Volk getrennt. Denn es sollen die Arbeitsbienen hinauf gelangen, nicht aber die Drohnen mit ihrem dickeren Hinterleib und schon gar nicht die Königin, da diese dort Eier legen würde. Dann könnte man später den Honig nicht aus den Waben schleudern, da er mit Brut vermischt wäre. Niemand möchte Eiweißschlieren in seinem Frühstückshonig schwimmen sehen. Das Absperrgitter hat eine auf den Millimeter genormte Weite. Selbst zur Zeit des Kalten Krieges, worauf sich eine meiner Arbeiten bezieht, konnte man nicht mit weiteren Maschen protzen, weder im Westen noch im Osten. Als Mittelwände bezeichnet man die Wabenplatten, die beidseitig in einem sechseckigen Muster geprägt sind. Die meisten Kinder sollen vor Weihnachten Dochte in Mittelwände einlegen und Kerzen für die Großmütter rollen. Im Honigraum bauen die Bienen am liebsten eine Mittelwand zu einer Wabe aus. Das heißt, dass sie auf der vorgegebenen Sechseckstruktur ihre Zellen in leicht nach oben geschrägtem Winkel zu exakt gleich großen Zellen ausbauen. In die werden Honig oder Pollen gelegt oder Bienen wachsen darin heran. Die Zellen werden vor der Nutzung mit Propolis ausgestrichen, damit sie desinfiziert sind. Ist der Honig reif, verdeckeln die Bienen ihn mit Wachsplättchen, sie konservieren ihn genau genommen für den Winter. Der Mensch entnimmt die Waben und verbringt sie zum Ausschleudern in einen geschlossenen Raum. Dann werden die Wachsplättchen entfernt. Danach werden die Waben in eine Zentrifuge gestellt. Der Honig fließt an den Rändern herab, fließt durch einen Quetschhahn in mehrere verschieden feine Siebe und wird schließlich in Eimern gesammelt. Dennoch befinden sich noch feine Wachsreste darin. Sie steigen in den folgenden Tagen auf und werden abgeschöpft. Danach rührt man den Honig mit einem Quirl ausgiebig. In meinem Fall verwende ich eine starke Bohrmaschine und einen Baustellenquirl. Die Bohrmaschine befestige ich mit Expandern an einem Tischbein oder Regal. Dann lasse ich sie eine halbe Stunde laufen. Schließlich muss der Honig von den Eimern noch in Gläser abgefüllt und etikettiert werden.
Als oberer Abschluss des Kastens kommt der Deckel. Der ist unspektakulär. In manchen Fällen ist er etwas höher und belüftet, damit die sommerliche Hitze abziehen kann. Meistens wird jedoch nur ein Stück Plane eingelegt und der Deckel aufgesetzt. Die Plane benutzt man, damit die Bienen den Deckel nicht festkleben. Die Plane lässt sich leichter abziehen. In meinem Fall sind die Kästen hellbraun, golden und neuerdings grau angestrichen. Hinten auf den Deckel steht in hellblauer Farbe das Wort apicultura geschrieben.
Als Werkzeuge benötigt man ein wenig Rauch, der aus einem sogenannten Schmoker quillt, einen Stockmeissel, das ist ein gebogenes Stück gehärteter Stahl, mit dem man beispielsweise Zargen auseinander hebelt und einen Wabenheber, mit dem man in die Fugen zwischen die Waben fährt und diese heraus hebelt, so dass man sie greifen kann. In Sonderfällen, beispielsweise beim Schleudern ist noch ein Besen angebracht. Da soll man wenig Rauch verwenden, damit der Honig nicht nach verbrannten Tannenzapfen schmeckt. Im Rosengarten gibt es zahlreiche Arten von Nadelbäumen und die meisten haben eigene Zapfen. Wenn es warm ist, sammle ich die und benutze sie zum Räuchern.

Den Stock bezeichnet etwas altmodisch man als die Verbindung von Volk und Kasten.

Franz Wagner


Während der Zeit, zu der ich an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte, war Franz Wagner dort einer der Hausmeister. Er hielt sich im Hintergrund, aber die Studenten kannten die Hausmeister, nicht nur da man sich auf den Gängen oder in der Cafeterria begegnete, sondern da sie häufig etwas brauchten und es von den Hausmeistern erbaten. Franz stand bei den monumentalen, rauschenden Festen zudem meistens im Ausschank. Dorthin ging ich Anfang der Neunziger Jahre und harrte neben ihm aus, um Fragen über Bienen zu stellen.
Franz wird häufig im Text erwähnt. Deshalb sei er gleich zu Anfang gewürdigt. Er war Rumäniendeutscher. In Temeshvar hatte er als Meister in einer Eisengießerei gearbeitet. Nun besaß er ein überaus ordentliches Bienenhaus in einem Wäldchen nahe der Schleißheimer Flugwerft. Bevor er nach Deutschland gekommen war, hatte er mit seinem Schwiegervater, zuhause, im Banat, 400 Bienenvölker im Nebenberuf gehalten. Die meisten, die damals an der Akademie studierten, erinnern sich selbstverständlich an ihn. Man kannte sich. Manche können Geschichten erzählen.
Franz wurde zu meinem Imkerpaten.



Sterbebild von Franz