Papierarbeiten 2




VolksEigener Betrieb

: Befestigte und bewachte Grenzen wie die innerdeutsche zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil desselben Landes werden von Menschen barbarisch und willkürlich gezogen. Bienen können daran nicht gebunden sein, (sie sehen die Sache ohnehin von oben) und die Zellgröße innerhalb einer Wabe muss in beiderlei Deutschland identisch sein, da sonst die Bienen gar nicht erst brüten.
Die ostdeutschen Erzeugnisse versprühten nach der sogenannten Wende einen altbackenen Charme, als sei man mithilfe einer Zeitmaschine in die Fünfziger Jahre zurück katapultiert worden. Das gescannte, später aber auch gedruckte Karteiblatt ist graugrün und versetzt einen in die Rolle eines fahlen Kunstbeamten. Das gelbe, sechseckige Muster ist ein Linoldruck direkt von einer genormten, gepressten Mittelwand aus Wachs.

Die Zeichnungen begleiteten von Anfang meine Arbeit. Ohne sie käme ich nicht voran. Als ich im Jahr 1999 mit frischem Schub begonnen hatte, entstanden vorwiegend kleine Formate, nicht größer als meine Hand. Gerade der Drang ins Kleinformatige, wie sich später heraus stellte, begründete die Eigenständigkeit. Während meine zukünftige Mailänder Galeristin und ihr Mann mich erstmalig im Atelier besuchten, lagen die zahllosen Blätter ungeordnet herum. Im Zuge einer Aufräumgeste pinnte ich sie an eine reichlich große Wand. Das besondere ist, und das ist schwer verständlich zu machen, dass die Blätter keine Entwürfe mehr sind, sondern sozusagen abgespeckt haben. Sie wollen nicht mehr sein, als sie selbst.






: Diese hier war eine der ersten Ereignis-Zeichnungen, die kleine Vorkommnisse des Tages festhalten und abbilden. Ich stand vor einem Supermarkt und eine Biene landete unerwartet auf meinem Finger. In einer Werbezeitung fand ich die einzige zu diesem Zeitpunkt verfügbare Hand, zeichnete mit Kugelschreiber eine Biene auf den ausgestreckten Finger und stempelte den Text darunter.




: Hier ist das apicultura-Label kreisförmig gestempelt und der Innenraum mit Buntstiften farbig ausgeführt. Natürlich handelt es sich dabei um das Emblem einer damals von mir heiß geliebten italienischen Automarke.




: An den italienischen Namen dieses Spielzeugs kann ich mich nicht erinnern. Möglicherweise habe ich ihn damals nur erfunden, vielleicht heißt es dort aber wirklich so. Bei uns schleudern Kinder an langen Bindfäden ähnliche Spielzeuge in einer kreisförmigen Bahn über dem Kopf und erzeugen so ein helles, surrendes Geräusch. Vielleicht hat mich der lautmalerische italienische Ausdruck verlockt. „sussurro“ bedeutet Rauschen, Flüstern, Murmeln und Säuseln, diese ähnlichen Begriffe also.
Die Zeichnung erklärt den Rest.




: Von hier oben ist der Blick fantastisch.




: Über diese Zeichnung muss man nicht viel sagen. Bienen sind Bildhauer.




: Bienenlupe
auf der Rückseite steht: üben, üben, üben




: Zeichnungen toter Bienen




: Bienen beginnen ab einer Temperatur von 10° C zögernd zu fliegen. Lieber ist ihnen wärmeres Wetter und ab 15° C und Sonnenschein geht es richtig los.
Auf der Rückseite der Zeichnung steht gestempelt: „Jap. Trawler“, zu dieser Zeit fing ein japanischer Fischkutter Wale.




: Manche Bienenhalter markieren ihre Königinnen, indem sie ein kleines, mit einer Zahl versehenes Blättchen auf ihren Rücken kleben. Dadurch lässt sich die Königin in der Menge der Bienen leichter auffinden. Da die Farbe des Blättchens jährlich wechselt, kann der Mensch zusätzlich ihr Alter bestimmen und sie notfalls auswechseln. Auf all diese Eingriffe, obwohl sie von vielen als sachdienlich und notwendig erachtet werden, verzichte ich und überlasse es den Bienen höchstpersönlich, heraus zu finden, ob ihre Königin noch etwas taugt.
Der Bienenstock in Seitenansicht. Die Bienenkönigin ist mit der Zahl 33 markiert. Ich verwendete sie öfters. Sie markiert ein Alter.


Die Mittelwand mit der beidseitig geprägten sechseckigen Struktur und ihre Befestigung in der Mitte des Rähmchens ist zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts eingeführt worden, damit der Imker die ausgebauten Waben innerhalb eines Stockes und sogar zwischen den Stöcken tauschen kann. Durch das Umhängen können beispielsweise schwache Völker aufgebaut und starke geschröpft werden. Innerhalb eines Stockes lassen sich frisch ausgebaute, noch leere Honigwaben ganz nach unten in den Brutbereich hängen, wo die Bienen kaum bauen. Auf diese Weise lässt sich Wabenerneuerung betreiben.



: Biene, Sechseck, Rechteck

Die bis an den unteren Rand und in die Ecken reichende Mittelwand zwingt die Bienen gegen ihre Natur, die Wabe rechteckig auszubauen. Weiter gewährleistet man, dass die Bienen, wenn man von oben hinein schaut, nach links und rechts etwa gleich lange Zellen ziehen. Das Wachs wird aus acht winzigen Drüsen, die am unteren Hinterleib der Bienen, zwischen den Schuppen sitzen, ausgeschwitzt, mit den Beinen nach vorne befördert und zwischen den Kiefern geknetet.
Bienen lassen jeweils einen bis auf den halben Millimeter genauen Abstand zwischen zwei Waben. Soweit ich weiß, entspricht er etwa ihrer doppelten Körperhöhe, was sinnvoll erscheint, da sie sich dadurch in der Ebene fort bewegen können. Im Wildbau runden Bienen ihre Waben unten ab, so dass diese im Großen und Ganzen wie hängende Taschen aussehen. Bienen halten sich beim ungehinderten Ausbau einer Wabe an den Gliedern ihrer Füße fest, sie verhaken sich ineinander, wodurch sogenannte Bauketten entstehen. Wilde Waben erhalten diese kettenartige, gewellte Form. Daher wirkt der Bau auf den ersten Blick vielleicht chaotisch. Doch die Bienen errichten ihre eigene Ordnung. Das ist beispielsweise in den früher verwendeten Bienenkörben aus geflochtenem Stroh der Fall. Im Blätterstock hingegen drängt der Mensch den Bienen eine Ordnung auf, die der Nützlichkeit dient. In diesen Kästen hängen die Waben wie Karteikarten.
Während für bauende Bienen ein sechseckiges Ordnungsprinzip zweckmäßig ist, scheint dem Menschen das rechtwinklige zupass zu kommen. Es gab einige Ausreißer, die versucht haben, dem orthogonalen Trieb des Menschen eigene Strömungen entgegen zu setzen. Dazu fällt jedem als erstes Rudolph Steiner ein. Unter den Bienenhaltern gab es einen in der Eifel lebenden Freund von Beuys, Günter Manke, der versucht hat, eine hängende, eiförmige Bienenbehausung zu etablieren. Es ist der Weißenseifer-Hängestock. Dem orthogonalen System, das der Mensch in seiner Ordnung bevorzugt, auch wenn es häufig als abwegig kritisiert wird, konnten diese Leute nur innerhalb gedanklich isolierter Inseln etwas entgegen setzen.