con ape sì vola





Als ich ein Kind war, hantierte meine Mutter oft mit Schnittmusterbögen. Man bekam sie –glaube ich- in Frauenzeitschriften für die modische Kleidung der Saison. Später bemerkte ich, dass es auch gebundene Bücher davon gab mit jedwedem Anzug und Kleid darin. Da das dicke Buch in ausreichend hoher Auflage gedruckt war, musste die Bekleidung im weitesten Sinn zeitlos sein, das schien klar, aber dank der Revival-Moden wissen wir heute, dass Zeitlosigkeit nur innerhalb eines begrenzten Zeitraumes gegeben ist. Danach kommt der loop und es geht zurück auf Los.
Im Schnittmusterbogen wurde das dreidimensionale Kleidungsstück in der Fläche konzipiert, indem man sich vorstellte, verschiedene Stoffe an den Rändern zusammenzunähen. Wie es heute ist, kann ich nicht sagen, aber die damaligen Schnittmuster waren komplizierte Formen, die meine kindliche Vorstellungskraft überforderten. Es waren beigefarbene Papierbögen, übersäht mit gestrichelten und durchgezogenen Linien, an deren Sinnhaftigkeit ich zwar glaubte, sie aber nicht erfasste. Ich erinnere mich, dass meine Mutter zunächst immer mit Zeitungen hantierte, um ihre neu gekauften Stoffe nicht zu verpatzen.
(Natürlich haben viele Künstler das inzwischen ausgewertet, da braucht man gar nicht erst suchen. Vermutlich hat man sich heute enstprechend der materialbedingten Machbarkeit zu plastischen Entwürfen hochgeschraubt. Man denkt sich Kleidung von der endlichen Form her.)




In meiner künstlerischen Arbeit kopiere ich Umrisse zuerst auf alte Zeitungen, das verdeutlicht mir die spätere Form. Meistens benutze ich Seiten, auf denen in winziger Schrift das Handelsregister gedruckt erscheint, weil mich bei ihnen der Text nicht stört. Es sind also Blätter, die alles in allem, bei zugekniffenen Augen grau erscheinen. Sie erinnern mich, darauf läuft es hinaus, an die Schnittmusterbögen der Kindheit.





Die Geschichte der ape ist lang und reich an Ausführungen und an den witzigsten Eigenbearbeitungen durch die Besitzer. Die erste Ape der Firma Piaggio wurde 1947 gebaut. Sie war ein einfaches, schmales Transportfahrzeug und hatte eine Zuladung von immerhin 200 Kilogramm. Sie kam steile Straßen hoch, konnte ständig bis an die Grenze und darüber hinaus beladen werden, worauf die schräg ausgestellten Hinterräder hinweisen, und sie konnte enge Weinberggassen durchfahren. Außerdem war sie billig im Vergleich zu einem Auto. Inzwi­schen wird sie in Indien gefertigt, soviel ich weiß und der Name ist heute möglicherweise nicht mehr so passend wie anfangs. Sie war eine umgebaute Vespa, das heißt anstatt eines Lenkrades gab es nur den üblichen Querlenker mit Griff und Viergangschaltung. Es gibt sie noch immer in der Ausführung mit der geringsten Motorstärke von einem PS, aber inzwischen auch mit einer Tragkraft von 900 Kilogramm.

Bedeutend fand ich auf meinen Italienreisen Ende der Achtzigerjahre den entsprechenden Werbeslogan: „Con Ape sì vola“: mit der Biene fliegt man. Das bezieht sich direkt auf die eigentliche Bedeutung des italienischen Wortes ape: Biene. Und wenn man die Form der Ur-Ape betrachtet, diese Einschnürung zur Pritsche oder zum Laderaum hin und die elyptische Form der Fahrerkabine wie ein Insektenkopf, und sie mit der Gestalt des Bienenleibes vergleicht, erschließt sich augenblicklich, woher der Name kommt. „Con Ape sì vola“ ist ein ziemlich weitsichtiger und beinahe genialer Slogan. Im Übrigen heißt Vespa: Wespe, was vermutlich auf das sengende Fahrgeräusch zurückzuführen ist, und so war die baldige Einführung der Biene als zweitem Insekt beinahe zwingend. Die Vespa ist das klassische Fahrzeug der Jugendlichen, die mit schnarrendem, nervtötendem Sound um die Häuser fegen. Die Ape ist das klassische italienische Lastfahrzeug der Ladenbesitzer, der Gemüsehändler, der Weinhändler, der Bauern, Landarbeiter und Bauarbeiter. Außerdem wurden damit Sonderlasten transportiert, was bedingt, dass sie in verschiedenen Ausführungen bestellt werden kann. Es gibt beispielsweise eine Ape als Kipplaster, bei dem die Ladefläche bis zu einem Winkel von etwa dreißig Grad hoch gestemmt werden kann. Einmal habe ich sogar das Bild eines kleinen Elefanten gefunden, der hinten auf einer Schwerlast-Ape steht, die mit zusätzlichen Achsen und Rädern ausgestattet ist.

Leider kam mir ein Atelierumzug dazwischen, so dass die plastische Erfassung des Themas nicht gänzlich zustande kam und noch immer auf ihre vollständige Ausführung wartet. Doch einen ersten Teil erkennt man auf dem Atelierfoto.