talk show


Eine Bekannte, die ich bisher nur über lange Emails kennen gelernt habe, ist eine Berliner Stadtimkerin, die aus der Oberpfalz stammt, und auf dem Dach einer ehemaligen Fabrik einige Völker hielt. Sie hatte auch einen Imkerpaten gefunden, einen alten Mann, der sie mit Bienen versorgte und ihr beibrachte, was er wusste. Von ihr stammt das unglaublich lustige Etikett mit dem Titel „Tresorhonig“, das mich sofort an Dagobert Duck erinnerte. Ich weiß nicht mehr genau, wie sie auf meinen Namen gekommen war oder ich auf ihren, jedenfalls schrieben wir uns eine Weile hin und her. Dann schlief die Konversation leider ein. Sie war mehrfach im Fernsehen und ich fand die Art, wie sie die Imkerei betrieb, ziemlich erfrischend. Etwa Anfang des Jahres 2013 beispielsweise war sie in eine Talkshow eingeladen. Mit in der Runde von Gästen, die alle gemütlich zurückgelehnt auf Sofas und Sesseln fläzten, war Henning Baum, der in einer Fernsehserie einen Polizisten aus dem Ruhrpott spielt. Ich verstand überhaupt nicht, welchen Zusammenhang es zwischen den Gästen gab, jedenfalls war er nicht politisch. Erika, als sie zu Wort kam, stand auf und stülpte dem Moderator einen Schleier und das zugehörige, mit einem Reißverschluss daran befestigte Hemd über. Sie sagte ihm sinngemäß, er solle das mal anprobieren. Dann verteilte sie Löffel, die sie mitgebracht hatte, und öffnete einige ihrer Honiggläser und ließ die Gäste der Runde probieren und forderte sie auf, zu ergründen, welche Pflanzen sie aus dem Honig heraus schmecken konnten. Henning Baum lag nahe dran. Der Moderator war indessen völlig außer Betrieb, da er einige Minuten nicht mehr aus dem Schleier und dem Oberteil heraus fand. Er zappelte und wand sich. Als er dann wieder zur Gruppe zurück gefunden hatte, war das Ereignis bereits gelaufen.




Die Bekannte erzählte von einem Berliner Imker, der sich für eine eigene Zuchtlinie eingesetzt hatte, eine Biene, die sanftmütig und leistungsstark sein soll. Die war bis nach Polen exportiert worden. Man hatte sie matka berlinska genannt.

"I welcome whatever happens next." (Cage)




Kurz vor meiner Abreise hatte sich der hundertste Geburtstag von John Cage gejährt. Im entsprechenden Zeitungsartikel hatte ich einen umwerfenden Satz gelesen. Als John Cage zum Thema Zukunft befragt wurde, antwortete er: „I welcome whatever happens next.“


Die auf dem Boden liegenden Pendeltürenplatten hingen im Jahr 1992 bei meiner ersten Ausstellung zum Thema in einem doppelten, durch ein halbes Geschoß auseinander liegenden Raum. Sie waren von unten in ein umlaufendes Aluminiumprofil gesteckt. Zwischen jeweils zwei der gelblichen Platten sind Zeichnungen eingelegt. Damals sprach ich von dem Prinzip Vorratshaltung, das auch die Bienen betreiben.
Mein Plan, das Ganze auf dem Boden zu präsentieren, bestand lange, wenngleich nicht zwanzig Jahre. Die Jahre 1992 und 2012 sind miteinander durch zwei Jubiläen verbunden. Das erste ist mit einer Ausstellung abgehandelt. Das zweite folgt in dieser kleinen Präsentation.





Zum einen ließ ich hier zwischen den Platten fußbreite Abstände, zum anderen sollten die Zeichnungen nicht nur von einer Seite gelesen werden. Wer sich alles näher ansehen oder die klein gestempelten Texte entziffern wollte, musste sich entscheiden, ob er auf eine der Platten trat oder seinen Schuh auf den dazwischen frei gelassen Boden setzte. In die Zwischenräume zu steigen, erforderte Akrobatik, wenngleich nicht besonders anspruchsvolle. Das Betreten der Platten und insofern der Kunst, spielte mit dem Übertreten einer Hemmschwelle. Einige sagten: „Das macht mir gar nix aus, da steig ich gleich extra drauf.“ Doch ich vermute, dass so die wenigsten reagierten. Die Legung geschah meinerseits nicht als Test, wie frech oder unverfroren oder sensibel die Besucher bei der Betrachtung handelten. Sie liest sich zwar leicht so, doch tatsächlich war mein Antrieb, die Platten einmal auf dem Boden liegend sehen zu wollen und sie nicht vorzuenthalten. Die Legung war ein Test. Sollte eine spätere Ausstellung folgen, wüsste ich, wie ich es hinzulegen hätte.







Ein Fotograf, der im vergangenen Winter einige Aufnahmen zu einem Artikel in einem Begleitheft einer Tageszeitung gefertigt hatte, kontaktierte mich. Er suchte für ein bekanntes Journal Menschen zwischen vierzig und sechzig Jahren, für jedes Jahr einen. Diese Personen sollten ungewöhnliche Tätigkeiten ausüben. Zudem sei gefragt, dass sie einige prägnante Sätze über das Thema Zukunft aussagten. Es schien ihm peinlich zu sein, doch er musste mich nach meinem Alter fragen. Das Bienenthema hatte er bereits im Kasten. Ich schrieb zurück, dass ich 49 Jahre alt sei und unter Zukunft stelle ich mir die sich in der jeweiligen Zukunft ereignende Gegenwart vor. Zugegebenermaßen ist mein Weltbild weder optimistisch noch pessimistisch. Als Antwort kam zurück, dass es ihm unangenehm sei, mich aufgescheucht zu haben, aber jemanden, der 49 Jahre alt sei, habe man bereits. Sie brauchten aber noch Personen beispielsweise im Alter von 59 Jahren. Als ich zurückschrieb, ein guter Freund sei genau 59 Jahre alt, engagiere sich für alternative Energien, Gartenbau, Landschaftsbau und sei staatlicher Spielplatzprüfer, wohne jedoch in Neustadt an der Weinstraße, also etwa 350 km entfernt, kam keine Rückantwort.





In den Zeichnungen sind das Figurale und das Modellieren thematisiert. Anfänglich zeichnete ich auf eine Weise, die ich mittlerweile aufgegeben habe. Damals entstanden Unikate. Vielleicht nahm ich die Bienen, die Waben, die Stöcke und den Imker bevorzugt figural wahr. Daran kann ich mich zwar nicht erinnern, könnte der Fragestellung allerdings einmal nachgehen. Heute lässt jede Zeichnung, auch wenn sie nur einmal besteht und das sogar beabsichtigt ist, die Möglichkeit offen, dass sie mehrmals hergestellt werden könnte. Selbst wenn Vervielfältigung und Kopie nur als Konjunktive bestehen, sind sie im Bild anwesend.


Bienen sind reine Energie. Gelegentlich verglich ich den offenen Bienenstock provokativ mit einem Atomreaktor, was viele Menschen dazu verleitete, zurück zu zucken, entweder vor dem ungültigen Vergleich oder vor den Bienen.







In diesem Jahr schnitt ich eine Drohnenwabe aus, die an den Rändern voll mit frischem, stockwarmem Honig war. Dabei hatte ich übersehen, dass auf der Rückseite eine tote Biene klebte. Als ich hineinbiss, konnte ich den Honig, die Wabe und die Biene unterscheiden. Ich konzentrierte mich auf die Biene, da in ihr sozusagen eine Premiere lag. So stellte ich fest, dass eine tote Biene nach Papier schmeckt.

Die Zahnfee






Martin Lindauer war ein bedeutender Bienenforscher

Jemand, der mir ein Kompliment machen wollte, sagte, ich sei sozusagen Materialist in einem frühen Bedeutungssinn. Ich forsche nach allem, was sich aus dem Boden herausholen lässt.
Tatsächlich halte ich mich ans sinnlich Erlebbare.
Früher, auf Spaziergängen, formte ich aus feuchter Erde, die ich aus Pfützen geholt hatte, kleine Statuen, setzte sie auf Bänke und überließ sie dem nächsten Regen.





Als mir "Bienen sind die Popstars der Zukunft" in den Sinn kam, vor etwa drei Jahren, dachte ich mir nichts. Später meinte ich, dieser Satz könne sich in Zukunft verwenden lassen. Er verblieb in der Warteschleife in meinem Hinterkopf und kreiste dort.
Ich hatte seit sicher zehn Jahren vor, einen Schmoker vor einer weißen Wand zu filmen. Er sollte der Hauptdarsteller sein. Als ich schließlich dazu kam, hängte ich hinter den rauchenden Schmoker den Text. (Weiter sammelte ich denselben Satz in verschiedenen Sprachen, in japanisch, türkisch, rumänisch, italienisch, englisch und so fort. Daraus sollte ein eigenes Projekt werden.)



Auf der Oberseite des Objektes steht: "So hat jede Kultur ihre Wasserträger." Diesen Satz äußerte Manfred Ellenrieder eines Tages während unserer Akademiezeit. Zweieinhalb Jahrzehnte später kaufte er das kleine Flugzeugmodell.


Nachdem das Foto und ein kurzes Video daraus geworden waren, formten sich daraus eine Ausstellung und ein popkultureller Fernsehbeitrag im ZDF. Während das Fernsehen bei mir am Bienenstand drehte, wurden mir aus dem Off Fragen gestellt, die mich zu spontanen Aussagen verleiten sollten. Vielleicht ist es gut, wenn man die Fragen nicht vorher kennt, denn man legt sich sonst etwas zurecht, das zu kompliziert ist. Vielleicht ist es andererseits nicht gut, da man unvermutet den größten Blödsinn schwafelt.







Vor der Kamera machte mich für den Ansatz stark, dass vor allem für die Bienenforschung mehr Geld zur Verfügung gestellt werden müsste. Es wird häufig betont, dass die Biene das drittwichtigste Nutztier der Erde ist. Insofern muss die Forschung in die Lage gebracht werden, alle Energie darauf zu verwenden, ein haltbares Mittel gegen die Varroamilbe zu finden. Aus dem riesigen Staatshaushalt müsste mehr für diesen Belang abgezweigt werden. Mein Anliegen geht exakt auf die Bekämpfung der Milbe, denn ich sehe in ihr den Bienenschädling Nummer eins. Von dieser Seuche ist heutzutage jedes Bienenvolk infiziert. Und man muss sich dringend daran setzen und Abhilfe finden.




Eine "Bienenlupe" aus Aluminium, Propolistinktur und ein kleiner Wachskegel

Im Grunde habe ich gar nicht mehr zu sagen. Ob ich das jedoch wirklich so knapp ausdrückte und ob es im Fernsehen wirklich zu verstehen war, weiß ich nicht mehr. Ich habe den Verdacht, dass ich sehr weitschweifig argumentierte. Vermutlich verglich ich diese Geldmittel mit jenen, die für andere Arten von Popstar-Belangen zur Verfügung stehen. Denn ständig wird ja mit dem Auffinden von tatsächlichen oder vermeintlichen Superstars ein ungeheuerer Aufwand betrieben. Doch der Vergleich bedingt, dass große Teile meiner Aussage heraus geschnitten werden mussten. Und vielleicht waren das gerade die falschen.
Natürlich verschickte ich nun den link zu der Fernsehsendung. Jedoch darf man sich diesbezüglich nichts vormachen. Der Beitrag hatte natürlich keinen Makel. Er war perfekt in der Reihung von einprägsamen Bildern, unterschiedlichen Blickwinkeln, in Unschärfe, die langsam ins Scharfe gezoomt wurde, in schnellem Vorlauf und einer perfekten Taktung. Aber die makellose Oberfläche, kann man umgekehrt folgern, ist der Makel. Der Clip reihte sich mühelos in die unermessliche Flut, die täglich auf jeden einstürzt, wenn er sein Gerät anschaltet. Kann daher eine ernst gemeinte Anschauung durch die allgemeine Gleichheit dringen?





Bienen sind die Popstars der Zukunft


Jubiläumsausstellung in der werkschau.galerie

20 Jahre apicultura

Eröffnung am Mittwoch, den 23. Mai ab 19 Uhr
Ausstellung vom 24. Mai bis zum 21. Juni
Finissage am Donnerstag, den 21. Juni ab 19 Uhr



Was hier als Bild erscheint, gibt es mit derselben Einstellung auch als Film.








Hier sitzt der Stock auf einem Hocker. Das Flugloch, heißt es, soll etwa 30 Zentimeter vom Erdboden entfernt sein.

Die Zucht ist für mich völlig undurchschaubar und ich habe ihr den Rücken gekehrt. (Schon das Wort befremdet mich.) Es geht darin beispielsweise um Inzuchtreihen, die zur Reinzucht notwendig sind.
Übrigens gibt es eine ganz abscheuliche Art der Befruchtung. Das ist die künstliche Besamung. Die Königin wird fest geschnallt und ein Röhrchen wird ihr in den Hinterleib gerammt. Durch das pumpt man ausgesuchten Drohnensamen in sie hinein. Diese Methode wurde in den Siebziger Jahren häufig angewandt.








Während wir uns bezüglich der Biene mit unseren germanischen Wurzeln herumschlagen, mit Imme und Bien, bezeichnen die Italiener die Imkerei geschmeidig als Bienenkultur. Das hielt ich für ausbaubar, da der Kulturbegriff darin so mühelos zum Einsatz kommt. Was ist in diesem Fall Kultur, fragt sich ein Bienenlexikon und gibt sich selbst die Antwort: Haltung und Pflege. Bienen brauchen Haltung und Pflege, das stimmt. Kultur beinhaltet allerdings viel mehr, das weiß man. Der Kulturbegriff ist so weit, dass man seine Ränder nur unscharf sieht. Das hoffe ich zumindest. Das übergeordnete Label für meine zum Teil äußerst wirren Aktivitäten auf diesem Sektor ist vom ersten Tag an apicultura gewesen. So und nicht anders muss es heißen, dachte ich sofort. Besondere Spaßvögel fragten mich anlässlich des achtzehnten Geburtstags von apicultura, ob die Bienen jetzt einen Führerschein machen dürften. Ha ha. „Ja“, antwortete ich, „aber nur für die Ape.“






Die Ape, wer es nicht weiß, ist ein winziges italienisches Nutzfahrzeug der Firma Piaggio. Auf Fotos schaut sie groß aus, wie ein gewöhnlicher Transporter. Doch wenn man neben einer Ape steht, fragt man sich, wie es möglich ist, dass ein Fahrzeug so winzig sein kann. Nachdem die Vespa (Wespe) jugendlich knatternd durch die italienischen Dörfer peste, bekamen die Erwachsenen: hauptsächlich Landwirte und Bauarbeiter ein dreirädriges Transportgefährt mit einer Sitzbank für eineinhalb Personen. Die Ape sitzt über einem zweitaktigen Vespamotor und ist mit einem geraden Lenker versehen. Die kleinste Ape verfügt über 1 PS und fährt nicht schneller als 25 km/h. Da die Ur-Ape eine ovale Sitzkabine, Fenster wie Bienenaugen und einen feinen Steg an der Verbindung zum Hinterleib hatte, nannte man sie logischerweise Biene. Es gab sie in verschiedensten Ausführungen, die im Lauf der Jahre alle vorstellbaren Unwahrscheinlichkeiten aufboten. Neben der geschlossenen Kabine und der offenen Pritsche wurden beispielsweise hydraulische Kipplaster oder Schwerlaster mit verstärkten Achsen und doppelter Bereifung gebaut. Ein Bild zeigt gar einen kleinen Elefanten, der auf einer Ape steht. Seit einigen Jahren wird sie in Indien gefertigt, habe ich gelesen, und es entstehen, dem Zeitgeist entsprechend, Revivalmodelle. Gegen Ende der Achtziger Jahre bewarb der Piaggio-Konzern die Ape mit dem genialen Spruch: Con Ape sí vola.




Ein Nachbau eines mittelschweren B 25-Bombers, wie ihn die Amerikaner im zweiten Weltkrieg verwendeten. Dieser hier ist aus lauter Einladungskarten für apicultura-Ausstellungen zusammen geklebt. Der B-25 war anscheinend nicht einfach zu landen. Er kommt in dem Buch catch-22 vor.




Modell für einen Anhänger. Beim Entwurf hatte ich kleine Wohnwagenanhänger aus Aluminium im Sinn. In den USA sieht man gelegentlich aluminische Anhänger, die wie Zigarren geformt sind.

Viele unterschätzen die Schieflage der Natur und denken: Das geht schon noch. Diese taube, unbeugsame Haltung verschafft ihnen die Möglichkeit, so weiter zu machen, wie bisher. Jeder, der sein Ohr an die Natur legt, weiß seit einem Jahrzehnt, dass es nicht weiter gehen kann, wie bisher. Am meisten wird uns sinnfällig, was wir am eigenen Leib erfahren. Wir können beispielsweise die klimatischen Entgleisungen betrachten. Wir haben eine Menge von extremen Jahreszeiten erlebt.
Ein Beispiel ist der Sommer 2003, in dem es monatelang dermaßen heiß war, dass man sich nicht bewegen wollte. Die Meteorologen sprachen reflexartig von einem Jahrhundertsommer. Vielleicht war das eine sprachliche Unschärfe, da sie noch im Zwanzigsten Jahrhundert feststeckten. Bedenken wir die nachfolgenden Katastrophen, zum Beispiel den Tsunami vor Japan im Jahr 2011 und was damit einher ging, vergeht uns sofort das Lachen. Was genau geschieht, kann ich nicht sagen. Vielleicht erwärmen sich die polaren Randzonen, wie es neuerdings die Klimaforschern behaupten, und die Mitte kühlt ab. Besehen wir die Pflanzen, können wir sagen: Alles blüht um zwei bis drei Wochen früher. Vor siebzig Jahren blühte die Linde ab Mitte Juni, manchmal genau am achtzehnten, wodurch meine Mutter sie als ihr persönliches Geburtstagsgeschenk auffasste. Heute beginnt die Linde Anfang Juni, sich aus dem Fenster zu lehnen. Seit einigen Jahren verlängern sich außerdem die Blühzeiten. Einzelne Pflanzen überschneiden sich in ihrer Blüte, während sie früher aufeinander abgestimmt waren. Das bringt die Bienen zwar noch nicht in Bedrängnis, es verringert aber die Erntemenge. Vor Jahrzehnten funktionierten das alles wie ein Uhrwerk, während die Pflanzen heute ungeordnet dahin schlingern. Möglicherweise zum Beispiel werden bestimmte Pflanzen ungenügend bestäubt, was ihr allmähliches Verschwinden einläutet. Vormals kleine Erscheinungen steigern sich in extreme. Ein Winter dauert anstatt drei Monate plötzlich fünf wie zwischen 2004 und 2005. In meiner Kindheit lag im Februar meistens ein halber Meter Schnee, heute türmen sich entweder drei Meter oder die Schneeglöckchen blühen auf dem kahlen Boden. Ein Sturm fegt nicht kurz, sondern einen Monat. Am einen Tag zeigt das Thermometer eine Temperatur von minus 15° C, am nächsten ist es lau und so geht dieses Gehüpfe drei Monate. Anstatt an einem Tag, regnet es einen Sommer durch und es folgen herbe Überflutungen, die Dämme sprengen. In diesem Jahr ist es nachts lang kalt, meistens drei bis fünf Grad C°. Als es am 25. Februar von einem Tag auf den anderen warm wird und tagsüber 29 Grad C° erreicht, blühen die meisten Pflanzen, die bis vor wenigen Jahren hintereinander angeordnet waren, gleichzeitig auf. Die Bienen sind in den Kirschbäumen zu hören. Auf dem Löwenzahn sieht man kaum eine Biene. Die Traubenkirsche, die als Großbaum neben meinen Bienen steht, verliert nach zwei Tagen ihre Blütenblätter. Sie regnen weiß herunter wie Schneeflocken. Dem Jahr 2012 fehlt der Frühling.



Ein weiteres öffentliches Projekt, das fehl schlug. Ich entwarf Türme aus Beton, und oben saßen Schießscharten. Dahinter sollte sich Raum für je ein Bienenvolk bieten. Die Türme hätte ich in öffentlichen Gärten aufstellen wollen. Die Besiedelung mit Bienen oder anderen Insekten hätte ich weitgehend der Natur überlassen.

Die Bienen in der Stadt konnten sich bisher auf die meisten Unwägbarkeiten einstellen. Bei den Bienen ist es nicht so, dass eine launische Königin weniger Eier legt oder die beleidigten Damen kaum Nektar heran schaffen oder eine allgemeine Mentalität des schlaffen Herumlungerns eintritt. Falls ein Bienenvolk in die Knie geht, geschieht das nicht langsam, sondern wie bei einem Händeklatschen. Die Bienen haben sich in ihrem straff organisierten System weitgehend von der Umwelt unabhängig gemacht. Sie regulieren die für sie wichtigen Faktoren wie beispielsweise den Wabenbau, die Stocktemperatur, die Brut oder den Feuchtigkeitsgehalt des Honigs unabhängig von äußeren Faktoren.
Die Bienen konnten ohne die geringste Mutation überleben. Ihr System war von Anfang an perfekt. Die ersten bestäubenden Insekten wurden für die Kreidezeit nachgewiesen, das war vor 100 Millionen Jahren. Die heutigen Bienen sind insofern den Bienen von vor einer Million Jahren absolut ähnlich. Wir indessen haben eine Menge geändert: Wir haben alle ehemaligen, natürlichen Lebensräume der Bienen zerstört und ihr Leben damit ganz in unsere Hände gelegt. Wir haben die Varroamilbe, die häufig mutiert, um unseren Giften ein Schnippchen zu schlagen, in ihre Stöcke gebracht und bekämpfen sie seither erfolglos. Die Milbe greift dort an, wo die Biene am verletzlichsten ist: in ihrem eigenen System. Unsere Wertschätzung der Bienenarbeit innerhalb der Stadt hat sich gesteigert.



Soweit ich weiß: eine slowenische Münze. Es gibt eine andere Arbeit, außerhalb des Bienenuniversums, für die ich Münzen sammelte. Diese hier ist die einzige Münze weit und breit, die eine Biene zeigt.




Filmstreifen: Propolis


Für die Bienen kann ich mir eine Zukunft ausdenken.

Fernsehbeitrag ZDF


Als mir der griffige Spruch mit den Bienen und den Popstars eingefallen war, wusste ich zwar, dass er Potential hatte, aber nicht, dass sogar ein popkultureller Fernsehbeitrag im Zweiten Deutschen Fernsehen heraus springen würde.
Während das Fernsehen bei mir am Bienenstand drehte, wurden mir aus dem Off Fragen gestellt, die mich zu spontanen Aussagen verleiten sollten. Vielleicht ist es gut, wenn man die Fragen nicht vorher kennt, denn man legt sich sonst etwas zurecht, das zu kompliziert ist. Vielleicht ist es andererseits nicht gut, da man unvermutet den größten Blödsinn schwafelt.


Vor der Kamera machte mich für den Ansatz stark, dass vor allem für die Bienenforschung mehr Geld zur Verfügung gestellt werden müsste. Es wird häufig betont, dass die Biene das drittwichtigste Nutztier der Erde ist. Insofern muss die Forschung in die Lage gebracht werden, alle Energie darauf zu verwenden, ein haltbares Mittel gegen die Varroamilbe zu finden. Aus dem riesigen Staatshaushalt müsste mehr für diesen Belang abgezweigt werden. Mein Anliegen geht exakt auf die Bekämpfung der Milbe, denn ich sehe in ihr den Bienenschädling Nummer eins. Von dieser Seuche ist heutzutage jedes Bienenvolk infiziert. Und man muss sich dringend daran setzen und Abhilfe finden.
Im Grunde habe ich gar nicht mehr zu sagen. Ob ich das jedoch wirklich so knapp ausdrückte und ob es im Fernsehen wirklich zu verstehen war, weiß ich nicht mehr. Ich habe den Verdacht, dass ich sehr weitschweifig argumentierte. Vermutlich verglich ich die Geldmittel, die für andere Arten von Popstar-Belangen zur Verfügung stehen, mit denen für die Bienen. Denn ständig wird ja mit dem Auffinden von tatsächlichen oder vermeintlichen Superstars ein ungeheuerer Aufwand betrieben. Doch der Vergleich bedingte, dass große Teile meiner Aussage heraus geschnitten werden mussten. Und vielleicht waren das gerade die falschen.

Bienen fliegen nie im geraden Weg von einem Ort zum anderen, beispielsweise von der Blüte zum Stock. Sie ziehen lange, gewundene Schleifen durch den Raum.



Der Beitrag hatte natürlich keinen Makel. Er war perfekt in der Reihung von einprägsamen Bildern, unterschiedlichen Blickwinkeln, in Unschärfe, die langsam ins Scharfe gezoomt wurde, in schnellem Vorlauf und einer perfekten Taktung. Aber die makellose Oberfläche, kann man umgekehrt folgern, ist der Makel.