catch 22


Das Projekt catch 22 war zunächst auf ein anderes Material bezogen und für eine andere Ausstellung gedacht. Diese erste Arbeit, die zwar weiter den Titel trug, entwickelte sich schließlich in eine fremde Richtung. Im Nachhinein nahm ich den Faden noch einmal auf und formte die Arbeit daraus, die mit Bienenhaltung zu tun hat. Daher scheint es mir wichtig, die Anfänge zu präsentieren und die ersten bildlichen Darstellungen zu zeigen. Fünf Jahre später, als ich die Sache überdachte, begann ich, B 25 Bomber und Spitfire Jäger aus gefalteten und gebogenen Einladungskarten, die mit den zahlreichen Bienenausstellungen zu tun hatten, zusammen zu kleben. B 25 sind mittelschwere Bomber, die im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern eingesetzt wurden. Soweit ich weiß, sind sie nicht einfach zu landen. Sie wurden wohl seltener gebaut und verwendet als die sogenannten fliegenden Festungen, die schweren, viermotorigen B 17 Bomber. Die Spitfire, ein wendiger englischer Jäger, erlangte erst seine volle Leistungsfähigkeit, nachdem sie mit einem amerikanischen Motor bestückt worden war. Verbände von Abfangjägern dienten zur Begleitung von Bombern.
Das Buch catch 22 von Joseph Heller, das 1961 in New York erschien, ist in der Nachkriegszeit berühmt geworden, da es den widersprüchlichen Charakter der kriegerischen Handlungen und der darin verwickelten Personen beschreibt. Im Deutschen ist dieser Widerspruch nicht durch eine geflügeltes Wort ausgedrückt, so etwas wie Trick 17. Daher taucht in den Übersetzungen oft das behelfsmäßige Wort X-Haken auf. Wenn eine Sache als catch bezeichnet wird, ist damit figurativ ein Haken gemeint, der darin steckt. Je nach Zusammenhang kann damit aber auch Aufmerksamkeit bezeichnet werden, die etwas auf sich zieht. Ein catch 22 ist dagegen ein unauflöslicher Widerspruch. So ist das gesamte Buch letztlich angelegt und steckt voll absurder, komischer und bedrückender Dialoge, die sich ständig um die eigene Achse drehen, die am einen Punkt anfangen, sich drehen und drehen und am selben Punkt wieder heraus kommen. Es ist die Geschichte eines Bomberpiloten, der bereits unzählige Einsätze geflogen hat und dem es kaum gelingt, den Fängen des Militärs zu entkommen.



Neben den Blättern über B 17 Bomber, mit deren Hilfe ich mir das Thema zugänglich machte, versuchte ich ein Modell zu bauen, das mit nur einer Gussform abgeformt werden konnte und dennoch weiter kenntlich war. Auch dieses Modell verwendete ich nicht weiter und goss es in keinem anderen Material ab. Es liegt auf der Arbeitsplatte im Atelier und führt mir vor Augen, dass ich damit nicht vorwärts komme.

Hummelpavillon


Hummeln sind die engsten Verwandten der Bienen. Doch sie bilden, wie alle anderen Insekten mit Ausnahme der Bienen, keine Wintervölker. Viele Hummelarten sterben derzeit aus, da ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden. Wie die einzeln lebenden Bienen, die Solitärbienen, haben sie nicht die entsprechende Lobby. Für Hummeln, obwohl sie effektive Bestäuber sind, interessieren sich weit weniger Menschen und die allgemeine Betroffenheit über ihr Verschwinden ist gering. Selbst Franz, der sich aufs Lebhafteste für Bienen interessierte, waren sie gleichgültig. Als ich daher, ganz wie es im Handbuch vorgeschrieben ist, einen Hummelkasten baute und es mir gelang, ein Volk darin anzusiedeln, im Jahr 1996, nahm er es gleichgültig hin, als ich ihm voller Stolz davon erzählte. Im Jahr 2007 entwarf ich einen eigenen (ellipitschen) Hummelkasten, da mir das herkömmliche Modell der Firma Schwegler nicht genügte. Es ist zwar geeignet, einem Sommervolk den erforderlichen Unterschlupf zu bieten, aber es drückt nicht den emotionalen Gehalt aus, mit dem die Menschen die Hummeln aufladen.



Die Firma Schwegler stellt neben anderen Behausungen, die für viele kleinere Tierarten in Parks und Gärten geeignet sind, auch Hummelkästen her. Das Material bereitete mir ein wenig Kopfzerbrechen. Es ist gehäkseltes Holz, das mit Zement versetzt ist, mit Wasser angemacht und in eine Form gepresst wird. Man nennt es Holzbeton. Jedesmal, wenn ich es befühlte, erschrak ich über seine Kälte. Es ist nicht wirklich ein Material, das sich Gießen lässt, da es zu teigig ist. Als ich die neue Form für den Hummelpavillon entwarf, zog ich es in Betracht, schlug es dann jedoch in den Wind. Allerdings fand ich letztlich kein anderes. Denn mir war am Gießen gelegen. Wachs wäre mir maximal noch eingefallen, allerdings ist es wegen der sommerlichen Temperaturen nur für den Winter geeignet, wenn die Hummelvölker jedoch verschwunden sind. So kam ich mit dieser Angelegenheit nicht weiter. Schließlich fand sich ein Schreiner, der einen Prototyp aus OSB-Platten schnitt, er leimte einzelne Ringe zusammen. Später ließ ich ein stark verkleinertes Modell aus Aluminium gießen. Letztlich ist das Problem ungelöst. Holzbeton ist schwer, doch man muss den Kasten im Sommer nicht umsetzen oder mit den Hummeln wandern, überhaupt die meisten Tätigkeiten, die bei den Bienen erforderlich sind, fallen dort weg. Zwar erstellte ich zeichnerisch entsprechende Formen, die meiner Vorstellung einer Hummelbehausung entsprachen, und es gab natürlich ein Modell. Doch konnte ich mich nicht dazu durchringen, eine Gussform zu bauen beziehungsweise Holzbeton überhaupt als gießbares Material zu akzeptieren, und die Arbeit blieb in gewisser Weise unvollendet.





In der Ausstellung sagoma in der Galerie Werkschau, München, präsentierte ich eine (tote) Hummel auf einem Silberbarren.

sagoma





Es gab eine Reihe von Hindernissen, die zu der Ausstellung sagoma führten. Eines davon, nicht unbedeutend, war, dass mir eine der beiden Hummeln fehlte, die ich auf einen Silberbarren gelegt zeigen wollte. Es ist gar nicht so leicht, jemanden zu finden, der eine Hummel zu bieten hat. Mein Freund Uli Panick beispielsweise sagte sinngemäß: Das Bild mit der toten Hummel auf dem Fensterbrett steht mir klar vor Augen. Aber jedesmal, wenn ich hinschaue, ist sie nicht da.
Später lernte ich eine Goldschmiedin kennen, die in einem Restaurant arbeitet. Sie sammelt Insekten und wollte ihre Hummel mit mir tauschen. Gegen Honig. Also brachte ich Gläser Honig in das Restaurant und sie stellte mir in einer Plastikfilmdose Hummeln auf den Tresen. Fair Trade. Wir unterhielten uns eine Weile, dann musste sie weiter arbeiten.
Neben mir am Tresen thronte eine dunkel gekleidete Frau mit starkem, schwarzem Haar und einer kostbaren Tasche, die sie auf den Knien balanzierte. Sie ist Italienerin, auch der Wirt ist aus Italien und ferner der Koch. Der Koch kam aus der Küche gewetzt, ließ sich einen Espresso aus der Maschine und schimpfte, weil jemand vergessen hatte, den Löffel aus der Milchkanne zu nehmen. Dann sprintete er zurück in die Küche. "In Italien ein schwerer Fehler", sagte die Frau und deutete auf den vergessenen Löffel. Ich kann nicht sagen, dass sie sympathisch aussah, aber ich dachte, vielleicht ließen sich Informationen über das Wort sagoma einholen, die ich noch vermisste. Überraschend war, dass sie kaum eine Bedeutung bestätigte, die ich im Lexikon gefunden hatte. Stattdessen berichtete sie, dass das Wort für einen toten Körper verwendet werde. Zur Unterstützung wiederholte sie häufig eine waagrechte Handbewegung. Ob es ein menschlicher Körper ist, habe ich nicht gefragt. Vielleicht ist es die Hummel, dachte ich, und ich freundete mich mit dem Gedanken an, dass auf diese Weise eine weitere Übereinstimmung zustande gekommen war.





Im Lexikon ist sagoma übersetzt mit:
1. Gestalt. Profil, Form, Kontur und Umriss
2. (Zeichen-)Schablone
3. Zielscheibe
4. in figurativer Bedeutung: komischer Kauz, Komiker
Den komische Kauz habe ich zwar in verschiedenen Lexika gefunden, aber es ist ein sehr deutsches Wort. Italiener würden es eher mit seltsamer Typ zurückübersetzen, und das Kauzige können sie dem Wort nicht zuordnen. Neben der Gestalt ist die Schablone, die in der Architekturzeichnung verwendet wird, eine geläufige Bedeutung.





Beim googeln des Wortes sagoma wird man von einer weiteren Fülle an unerwarteter Information überrascht. Zum Beispiel finden sich die Seiten von Konzernen wie Sagoma-Industries, deren Gebiet mir schleierhaft geblieben ist, es gibt diese und jene schrullige Seite, viele auf italienisch und schließlich blättert sich nach und nach der hitzige Diskurs über einen "Vorfall" auf, der den verstorbenen Papst betrifft. Am 2. April dieses Jahres fand in Beskid Zywiecki, das in der Nähe des Geburtsortes von Karol Woytyla liegt, eine religiöse Feier statt, und man muss gleich erfahren, dass es sich um den Todestag von Johannes Paul II handelt. Man stand im Freien, wahrscheinlich wurde gesungen, eine Menge Menschen war anwesend und es wurde ein in der Folge hoch loderndes Feuer angezündet. Die Flammen züngelten mehrere Meter empor und ein polnischer Arbeiter fotografierte nebenbei mit seiner Digitalkamera, nichts Ungewöhnliches bis dahin. Dann durchstreifte die Uhrzeit den exakten Todeszeitpunkt des Pontifex und die Flammen verwandelten sich für einen Augenblick in einen großen, geisterhaften Schemen. Beim googeln des Wortes sagoma wird man von einer weiteren Fülle an unerwarteter Information überrascht. Zum Beispiel finden sich die Seiten von Konzernen wie menschenähnlichen Schemen. Das ist zumindest auf dem Bild zu sehen. Und man kann sagen: In diesem Augenblick begannen die Probleme. Denn die einen deuteten die Flammenform sofort als Figur, in der der verstorbene Papst ihnen erschienen war. Folglich: ein Wunder. Folglich: Es ist höchste Zeit, den Mann heilig zu sprechen. Keine Umwege mehr über Seligsprechung, keine Zeitvergeudung durch bislang kirchlich gebotenes Abwarten, sofort Nägel mit Köpfen machen. Die Flammenerscheinung, die auf dem Foto zu sehen ist, wird im Italienischen als sagoma bezeichnet. Der Corriere della Sera übrigens druckte das Bild wenige Tage später ab, was vielen als Bestätigung galt. Der Vatikan allerdings zaudert, und ich kann mir vorstellen, dass den hohen kirchlichen Herren eine Erscheinung wie diese alles andere als angenehm ist. Da kommt ein Haufen unliebsame Arbeit auf sie zu. Es muss beispielsweise die Echtheit der Aufnahme geprüft werden, was im Zeitalter der digitalen Bildmanipulation das Schwierigste ist. Ferner muss geklärt werden, ob die Erscheinung, la sagoma, wirklich als päpstlicher Auftritt zu deuten ist. Hier melden sich sarkastische Stimmen aus der italienischen Bloggerszene. Einer witzelt, die Flamme sei wohl die Folge eines Ozonlochs über Polen. Ein anderer antwortet, die Flamme sehe eher aus wie Obi Wan Kenobi, und man solle lieber den heilig sprechen. Das ist ein Witz, über den man mitten in der Nacht, wenn man plötzlich aufwacht, noch lachen kann. Denn Obi Wan Kenobi aus dem Filmmonument der Star-Wars erteilt aus dem Jedi-Ritter-Jenseits als halbdurchsichtiger Schemen dem jungen Luke Skywalker teuflisch weise Ratschläge. Auf einer weiteren Seite wird die tausendmal gesehene Tanzpose von John Travolta aus Saturday-Night-Fever in die Flamme hineininterpretiert. Auch das passt wie ein Maßanzug. Viele sehen in dem verstorbenen Papst sowieso einen Popstar.
Auf der Originalseite, in der es um die Flammenerscheinung geht, sind die aufgeregten Beteiligten zu sehen, zuvorderst natürlich der Arbeiter, und wie er seine Kamera, auf der wiederum das Feuerfoto abgebildet ist, ins Bild hält. Dazu der Bürgermeister, der Priester, allerlei wichtige Gäste und stolze Honoratioren.





Mit Manfred Ellenrieder hatte ich ein Gespräch über das Vorfinden. Er hatte zugesagt, einen Text für einen Katalog zu schreiben, und er brauchte einige Anhaltspunkte. Ich sagte: Was diesen Gesichtspunkt betrifft, unterscheiden sich meine ersten Arbeiten, die zwanzig Jahre alt sind, in nichts von den heutigen. Er sagte: Was wir sagen wollen, läßt sich mithilfe des bereits Bestehenden sagen. Wir müssen nichts erfinden, sondern die Augen offen halten. Für das Verfahren der künstlerischen Aneignung hat Manfred Ellerieder vor einigen Jahren den Begriff "Originalkopie" geprägt. Soweit ich das verstanden habe, bezeichnet er damit sowohl die Auswahl als auch die Umwandlung von vorgefundenem Material. Man balanziere dabei auf einer Kippe, sagt er sinngemäß: links die Fremdheit des Materials, rechts das Verhängnis der Autorenschaft.





Als ich das Buch Honiggeschichten herausgebracht hatte und es einer befreundeten Dichterin schenkte, sagte sie vorwurfsvoll: "Du machst ja alles." Sie meinte: erst den Honig, dann die Gussobjekte, die Zeichnungen, die Intarsien, das Stempeln und zu allem Überfluss noch ein Buch. Sie hat natürlich recht, und vielleicht sagt sie dasselbe auch diesmal beim Betreten der Galerie. Zumindest sind die Arbeiten heute thematisch gebündelt. Alles dreht sich um Insekten, genauer um Hummeln und Bienen.

Girasole






Nach der Ausstellung in Mailand, die mich wegen der langen Vorbereitungszeit erschöpft hatte, fuhr ich eine Weile nicht nach Italien. Zwar telefonierte ich gelegentlich, aber ich konnte mich nicht aufraffen. Stefano Soddu und ich hatten ausgemacht, zum Herausgeber der Edition Pulcinoelefante zu fahren. Seine Druckerei liegt 30 Kilometer von Mailand entfernt auf dem Land. Wie ich später feststellte, benutzt er ein leicht chamoisfarbenes, sicher 300 Gramm starkes Bütten, ich vermute, es ist industriell hergestellt, mit gerissenen Rändern, der deutschen Papiermanufaktur Hahnemühle. In jedes Blatt soll ein Hahn als Wasserzeichen eingelassen sein, den ich jedoch nicht entdeckte. (Im Internet erfährt man, dass die Hahnemühle während des Zweiten Weltkriegs vom Reichssicherheitshauptamt angewiesen wurde, das britische Pfund zu fälschen.) Die Edition, zu der Stefano mit mir fahren wollte, besteht seit dem Jahr 1982. Pulcino heißt übrigens Küken. Dort gehe alles sehr gemächlich zu. Die Anzahl der jährlich produzierten Hefte ist jedoch enorm. Bis zum Februar 2014 waren über 9.000 Hefte gedruckt worden. Jedes wird in 30 bis 40 Kopien hergestellt. Sie bestehen aus zwei Blättern im Format 27 Zentimetern mal 19,5 Zentimetern, die gefaltet und vermittels Fadenheftung verbunden sind. Dadurch kommen acht Seiten zustande. Und vier Seiten davon waren leer, zumindest bei dem von Stefano und mir gestalteten Heft.






Einige fertige Exemplare wandern sofort an Sammler oder an öffentliche Bibliotheken.
Damals bekam ich die leeren Seiten geschickt und sollte dafür eine kleine Papierarbeit herstellen. Ich entschied mich natürlich für Goldpapier, wie ich es in der Ausstellung verwendet hatte. Es war acht Zentimeter breit und dreizehn Zentimeter lang. Diese beiden Zahlen tauchen anfangs der Fibonacci-Reihe, die ich während der Ausstellung bemüht hatte, auf. Ich stach mit einer Stecknadel eine Schlablone in Aluminiumblech. Dabei gestaltete ich die gedrehte Anordnung der Samen in einer Sonneblume nach. Sie wird als explizite Pflanze genannt, die in ihrem Aufbau, ähnlich wie bestimmte Muscheln, den Goldenen Schnitt benutzt. Danach legte ich die gesammelten, zugeschnittenen Blätter darunter und stach mit einer Stecknadel, deren Spitze ich angefeilt hatte, durch die vorgegebenen Löcher. Wie auf der Abbildung zu sehen, kam ein rundes, gedrehtes Muster zustande, das etwa sechseinhalb Zentimeter im Durchmesser besaß, und da die Blätter von hinten nach vorne durchstochen waren, konnte man mit dem Finger eine raue Oberfläche fühlen. Auf die Rückseite jedes einzelnen Blattes schrieb ich mit roter Stempelschrift: Girasole, den italienischen Ausdruck für Sonnenblume, und ich klebte sie, wie Stefano mich angewiesen hatte, an ihrem oberen Rand mittig auf die Seite sieben der Edition. Daher trug die Edition den Namen Girasole. Stefano schrieb ein Gedicht dafür. Auch das ist abgebildet.








Nachdem die Edition fertig gestellt war, bekam ich neun Stück davon zurück geschickt. Ich halte sie für außerordentlich kostbar. Vor allem, wenn man die Namen der berühmten Persönlichkeiten betrachtet, die dort Arbeiten gestaltet haben, wird einem ganzen flau.