Karl von Frisch


So unwahrscheinlich es klingen mag, Karl von Frisch war mir zunächst kein Begriff. Zwar wurde ich nach ihm gefragt, wusste aber nichts zu antworten. Der Grund fiel mir später ein. Ich musste in der Bienenhaltung zunächst das Praktische bewältigen. Damit hatte ich die größten Schwierigkeiten und es war noch lange nicht Zeit, aufzuatmen. Daher las ich im Winter und versuchte im Sommer, das Gelesene, sofern ich es nicht vergessen hatte oder es zu kompliziert war oder die Bienen sich weigerten, in die Praxis zu übertragen.


Karl von Frisch rückte erst gegen Ende der Neunziger Jahre in meinen Gesichtskreis. Da beschäftigte mich die Farbwahrnehmung der Bienen. Die Aufdeckung der sogenannten Tanzsprache, wofür man von Frisch später den Nobelpreis verliehen hatte, reihte ich unter die Gesamtheit der Verständigungsformen ein. Denn es gibt sie ja nicht nur zwischen Biene und Biene und umgekehrt, sondern auch zwischen Blüte und Biene und umgekehrt.
Karl von Frisch widmete seine Forschung den Sinneswahrnehmungen der Tiere, vornehmlich der Bienen. Er gliederte die einzelnen Bereiche, Tasten, Schmecken, Riechen und so weiter und versuchte, sie bestimmten Organen zuzuordnen. Mithilfe seiner erstaunlichen Versuchsanordnungen, die bereits ein tieferes Verständnis erfordern, erlangte er Kenntnisse, über welche Bereiche sich die Wahrnehmungen erstrecken, welche Farben beispielsweise die Bienen sehen können. Er entdeckte, dass sie ultraviolettes Licht sehen, wodurch sich ihr Farbspektrum gegenüber dem des Menschen erheblich verschiebt. Für sie wirkt ein grüner Hintergrund, den wir eindeutig als farbig erkennen, einfach wie ein lichtes Grau mit leicht gelblicher Einfärbung. Für uns käme das beinahe dem Farblosen gleich. Dem gegenüber leuchten ihnen einige der Blüten, die uns weiß erscheinen, nicht nur deutlich farbig auf und in gänzlich anderen Farben als uns, sie bilden dadurch den schärfsten Kontrast zum Farblosen. Und noch mehr, denn beispielsweise bei den für uns einfarbig gelben Blüten des Kriechenden Fingerkrautes erkennen sie ein sogenanntes Saftmal. Dem menschlichen Auge ist das vom Vergissmeinnicht bekannt, ein gelber Ring in blauer Umgebung. Das Saftmal verleiht der Blüte im Grau oder im Farblosen der Umgebung, wozu auch die grünen Blätter der Pflanze selbst gehören, eine zusätzliche Leuchtkraft, es erleichtert den Bienen sofort den Weg ihres Saugrüssel zu den Nektardrüsen und -das kommt hinzu- es riecht kräftiger, als der äußere Teil der Blüte. Auch das ist durch Versuche nachgewiesen. „Bienen riechen plastisch“, heißt es bei Karl von Frisch. Die inneren Elemente einer Blüten strömen einen stärkeren, vielleicht auch würzigeren Duft aus, als die äußeren. Und während unsere Nasen das nicht erspüren können, da der Luftstrom darin verwirbelt wird und die unterschiedlichen Düfte sich vermischen, können Bienen mit ihren Fühlern fein unterscheiden und werden zu Nektar und Pollen hin dirigiert.
Für bedeutend halte ich Informationsströme. Es gibt eine Vortänzerin, die Informantin, die eine Reihe von Nachtänzerinnen auf der Wabe findet. Sie laufen die Figuren der Vortänzerin nach und erlangen so Kenntnisse.

Die Bienenorientierung, obwohl sie ein wichtiges Thema ist, beschäftigte mich tatsächlich wenig. Zwar verschaffte ich mir einen Überblick und schaute mir an, wovon sich die Bienen lenken lassen, aber es mündete in keine künstlerische Arbeit. Im Lexikon der Bienenkunde, das 1987 erschien, las ich, dass es bis dahin fraglich war, ob die heimkommenden Bienen in der Duftlenkung von den sterzelnden Bienen ihres Stockes angezogen würden. Diese erzeugen mithilfe einer bestimmten Drüse eine Duftwolke, die zunächst der jungen Königin, die sich auf dem Paarungsflug befindet, und den Jungbienen, die sich einfliegen, als Anflughilfe dient. Das bedeutet, dass sich die Gerüche, die die Stöcke während der Trachtzeit verströmen, unterscheiden. Von unseren Nasen ist das nicht wahrnehmbar. Andererseits finden auch die Sammlerinnen zuverlässig den eigenen Stock. Ihnen helfen beim Anflug die Orientierung am polarisierten Sonnenlicht, die am Magnetfeld, die an der Landschaft und schließlich die farbigen Anflugbrettchen. Verstellt man einen Bienenstock um einen Meter, suchen die heimkehrenden Sammlerinnen danach an dem Platz, wo er vorher stand. Andererseits gibt es Wächterbienen an jedem Flugloch. Falls sie, wie vermutet wird, die zurück kommenden Bienen an ihrem spezifischen Geruch erkennen, was bedeutet, dass diese den Stockgeruch an sich tragen, dann vermute ich im Umkehrschluss, dass sich die Stockgerüche unterscheiden.

Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage nach den Gefühlen. Denn diese benötigen, um entstehen zu können, die Sinneswahrnehmungen.


Der Stadtimker


Im September oder Oktober 1998 wurde ein Rundfunkbeitrag mit dem Titel „Der Stadtimker“ in Bayern2Radio ausgestrahlt. Der Urheber war Burhard Mücke und ich war etwa eine Woche zuvor befragt worden. Zum Glück hatte jemand alle ähs, die sich unwillkürlich in meine Rede geschlichen hatten, herausgeschnitten. Damals war das Thema noch weniger virulent und ich konnte entsprechend gemächlich aus dem Nähkästchen plaudern.





Eines Tages im Herbst besuchte ich Burkhard und seinen Freund, einen amerikanischen Biologen, auf deren luxuriös ausgebautem Dreiseithof in Niederbayern. Mir fielen sofort die zahlreichen Blumen auf, die in einem riesigen runden Beet in der Auffahrt noch blühten. Und ich fragte mich, wie die beiden das hinbekommen hatten. Wir schritten das Gelände, das zum Hof gehörte, gemächlich ab, stapften durch Matsch und liefen über gemulchte Brachflächen. Die beiden machten kaum Aufhebens davon, aber es war schnell zu sehen, dass der Grund in eine riesige Gärtnerei umgewandelt worden war. Burkhards Freund experimentierte mit Pflanzen und natürlichem Dünger. Später, nachdem wir Kaffee getrunken hatten, nahmen Burkhard und ich den später ausgestrahlten Text auf. Wir saßen dazu am Küchentisch, von dem aus man in einen Wintergarten sehen konnte.
Burkhard hatte mit einem Kamerateam auch Filmaufnahmen am Bienenstock gedreht, doch sie waren nicht zu einem Fernsehbeitrag zusammen geschnitten worden. Er hatte vor, sie später in der Sendung Querbeet zu zeigen, aber das fiel ins Wasser. Er führte mich in ein Arbeitszimmer und öffnete einen riesigen Schrank, der voller Aufnahmen steckte, zog diese und jene heraus, alle waren per Hand beschriftet, und schließlich händigte er mir aus, was sie von mir aufgenommen hatten. Doch ich war nicht interessiert. Es befremdete ihn. Das erkannte ich. Wäre die Sendung im Fernsehen gelaufen, hätte ich sie aufgenommen und später verarbeitet. Doch bis dahin waren es unzusammenhängende Auszüge, denen ich nichts abgewinnen konnte. Mir fehlte sozusagen eine ordnende Hand. Er ließ mich allein, damit ich mir das Material auf einem riesigen Bildschirm ansehen konnte. Indessen saß ich still auf einer dunklen Ledercouch und schaute aus dem Fenster und beobachte, wie der Abend sich herein senkte.

Wieder später unterhielten wir drei uns bis in die Nacht. Und am folgenden Morgen fuhr ich wieder ab.