Edition Karbit


Leonardo von Pisa, das steht bereits an anderer Stelle, war ein bedeutender italienischer Mathematiker und stammte aus dem Dreizehnten Jahrhundert. Sein Vater war Händler und nahm ihn auf Reisen durch den arabischen Raum mit. Später studierte Leonardo in Nordafrika. Seine bedeutendste Leistung war der Import des arabischen Zahlensystems, in dem die Zahl Null vorkam und mit dem sich erstmals auf moderne Weise rechnen ließ. Allerdings war diese Art von Indien, von den Hindus aus, in die islamische Welt gelangt, weshalb er sie als „Zahlen der Inder“ bezeichnete.

Leonardos frühe Schriften, die nicht erhalten sind, werden indessen von anderen zitiert.
Eine seiner mathematischen Beschreibungen (die sowohl den Indern, als auch den Griechen bereits bekannt war) wird heute die Fibonacci-Folge genant. Fibonacci ist ein anderer Name dieses Leonardo. (Figlio di Bonacci). Er veranschaulichte die Reihe mithilfe von Kaninchen, die sich rasant vermehren. Es handelt sich um jene Zahlenfolge, die in der Ausstellung I Due Leonardo aus dem Jahr 2006 bereits verwendet wurde. (In meiner Arbeit werde ich ständig auf sie gestoßen.) Sie nähert sich der Teilung durch den Goldenen Schnitt umso genauer an, je weiter sie fort schreitet, erreicht ihn jedoch nicht. Als Fibonacci sein Beispiel einbrachte, handelte es sich nicht um biologische Kaninchen, was für Verwirrung sorgte und dazu führte, dass man ihn (aus den falschen Gründen) widerlegte. Jedoch gibt es ein genetisches Vermehrungsbeispiel bei den Bienen, das damals keinem einfallen konnten, weil man noch keine genauen Kenntnisse über sie besaß. Im Stammbaum der Drohnen liegt die Fibonacci-Reihe unbestritten vor. In diesem Fall, dem genetischen Verhältnis, sind Königinnen und Drohnen gemeint, während der Stammbaum der Arbeiterinnen wohl ebenfalls einer Fibonacci-Reihe gehorcht, allerdings zeitlich versetzt. Übrigens ist bei einer Menge anderer natürlicher Wachstumsmuster, Tannenzapfen oder Muscheln oder eben Sonnenblumen, die Reihe sichtbar.


Bei den Drohnen ist, wie ich fand, das zeitlich Hindernis nicht ausreichend berücksichtigt. Drohnen treten im Bienenjahr zu kurz auf und die Vererbungsfolge wird daher nur im Ansatz veranschaulicht. Das ändert jedoch nichts an der Richtigkeit des Beispiels.

Fehlt in einem Bienenvolk die Königin über längere Zeit, können einige Arbeiterinnen dazu kommen, Eier zu legen. Da sie aber nicht befruchtet wurden, schlüpfen nur Drohnen daraus. Man erkennt das zunächst daran, dass mehrere Eier ungeordnet am Boden einer Zelle stecken, manchmal auch seitlich. Und da die Zellen der Drohnen größer sind, modellieren die Bienen ganze Waben um. Wird das Problem schlimmer, nennt man das Volk drohnenbrütig. Es gibt wohl Abhilfe, wie ich gelesen habe. Doch ich löse solche Völker auf, indem ich sie hinter dem Bienenstand ins hohe Gras schüttle. Die Bienen betteln sich dann bei Nachbarvölkern ein und die provisorischen Königinnen verenden im Gras. Eine Biene, falls sie Honig in ihrem Magen mitbringt, wird von den Wächterinnen, die am Eingang eines anderen Volkes sitzen, eingelassen. So habe ich es von Franz gelernt. Daher räuchert man Völker, die man aufzulösen beabsichtigt, beispielsweise zu kleine Ableger, bei denen sich das Einwintern nicht lohnt, vorher kräftig ein, damit die Bienen zu ihren Honigtöpfen getrieben werden und sich dort vollfressen.

Spätestens ab der Edition formulierte sich in mir eine Frage, die ich nicht lösen konnte. Die Drohnen sind unbestreitbar der männliche Teil innerhalb des Bienenkörpers. Sie suchen keinen eigenen Nektar, sondern lassen sich im Stock mit Honig füttern. Sie sind daher kaum vor dem Stock zu finden, strecken höchstens einmal die Köpfe zum Flugloch heraus. Sie haben keinen Stachel, sind aber anatomisch im Wesentlichen den Arbeiterinnen gleich oder zumindest ähnlich. Sie sind Bienen. Sie sind für die Befruchtung einer jungen Königin aus einem anderen Volk zuständig. Dazu krabbeln sie aus dem Stock und schwingen sich hoch in die Luft und finden ohne vorherige örtliche Kenntnisse die Sammelplätze. Dort erreichen aber nur diejenigen von ihnen, das sind dann etwa drei oder vier, die wohl aus verschiedenen Völkern stammen und die der Königin am weitesten in die Luft hinauf folgen können, ihr Ziel. Das ist die Begattung, und zugleich bedeutet es den Tod, da der Begattungsapparat bei diesem Vorgang heraus gerissen wird. Ansonsten lungern die Drohnen ab April im Inneren des Stocks herum und werden ab der Sonnwende hinaus gedrängt, wo sie verhungern, oder sie werden im Inneren abgestochen. Sie können (wie die Königinnen) wegen ihrer dickeren Hinterleibe nicht durch die Absperrgitter in die Honigräume gelangen. Manchmal stecken sie abgetötet zwischen den Stäben der Gitter. Man nennt es die „Drohnenschlacht“, womit wohl eine Schlachtung gemeint ist. Unsentimental betrachtet ist es ein Entschlackungsvorgang. Das Volk wird schlanker, es bereitet sich darauf vor, mit den bis zu diesem Zeitpunkt angetragenen Futtervorräten über den Winter zu kommen. Was die Funktion der Drohnen ist, wurde hinreichend geklärt, dass sie nur ein Vierteljahr im Stock verbringen, ebenfalls. Da sie aber nur zwischenzeitlich hervorgebracht werden, kommen sie mir wie eine vorübergehend männliche Ausstülpung des Bienenkörpers vor. Genauer formuliert, könnte man sie als kurzfristig männlichen Anteil innerhalb eines rein weiblichen Systems bezeichnen.



Mitte Dezember des Jahres 2017 fand die Edition Karbit in der Galerie Heufelder statt und ich war neben einem Haufen anderer Künstler, von denen ich zahlreiche kannte, zur Teilnahme eingeladen. Die Galerieräume liegen nahe des Ateliers, das ich bewirtschaftete, nur auf der anderen Straßenseite. Das Verbindende zwischen den Künstlern war kein Thema, sondern das Format. Man sollte jeweils drei gleiche Blätter vorlegen, alle im Maß 22 Zentimeter mal 32 Zentimeter, hochkant oder quer. Eines dieser Blätter wurde dann gerahmt und aufgehängt. Das Format empfand ich als unglücklich, da es so nahe am DIN A 4 liegt. Ich mühte mich im Atelier daran ab, stempelte und wurschtelte, wobei unentwegt Ausschuss entstand. Zwar wurde ich rechtzeitig damit fertig und brachte eine passable Version zustande, doch erstaunte mich, wie stark meine Arbeit beeinträchtigt wurde oder zum Erliegen kam, wenn das Format vorgeschrieben war. Letztlich stempelte ich den Stammbaum der Drohnen. Damit ließ ich es bewenden. „Drohnen haben keinen Vater“, dieser einfache Satz ist, man muss es so sehen, die Zusammenfassung des Problems.

sculpture sonore


Die Wertschätzung, die John Cage für Marcel Duchamp empfand, erstreckte sich über ein halbes Jahrhundert und bezog sich nicht nur auf dessen Kunstausübung, sondern auf die Präsenz, mit der er im Leben stand. Cage und Duchamp waren zeitlich mindestens eine Generation voneinander entfernt. Cage hatte übergroßen Respekt vor dem Älteren und näherte sich vorsichtig an. Er benahm sich wie ein schüchternes Kind, dem die Tante erklärt, dass es stört. Cage stellte eines Tages Teeny Duchamp die Frage, ob es wohl sehr aufdringlich sei, ihren Mann zu bitten, ihm das Schachspielen beizubringen. Teeny antwortete lapidar: „Frag ihn.“ Cage fand sich von da an wöchentlich ein und spielte gegen den Meister. Man muss dazu vielleicht wissen, dass Duchamp auf professionellem Niveau spielte. Cage berichtet im Jahr 1992 in seinem letzten Interview, dass er kein einziges mal gewonnen habe, allerdings nicht, weil es keine Möglichkeit gegeben hätte, sondern weil seine Absicht nicht im Gewinnen lag. Er suchte einfach Duchamps Gesellschaft. Er berichtet außerdem, dass Duchamp darüber erzürnt war. Ich vermute, dass Duchamp ein paar mal absichtlich eine Öffnung ließ, Cage aber widerstand und nicht in die Lücke vorpreschte. Offenbar unterhielten die beiden sich außerhalb der ausgiebigen Schweigeperioden, die beim Schachspiel üblich sind, über Kunst. Duchamp ging kaum einmal zu einer Ausstellung, wusste aber umfassend Bescheid. Auch mithilfe des Zufalls hatte er bereits komponiert, was Cage den Boden unter den Füßen wegzog, denn das war bereits 1912 gewesen, im Jahr, als Cage geboren worden war. Weiter setzte Duchamp den Zufall als generierendes Prinzip ein, arbeitete jedoch nicht mit Münzen oder Stöckchen, also dem I Ging, sondern erfand auf subtile Weise eigene Möglichkeiten. Cage indessen besetzte diese I-Ging-Nische völlig. In Interviews mit Duchamp steht zu lesen, dass er die Wertschätzung für Cage teilte, er erwähnt besonders dessen Humor und die Leichtigkeit, mit der Cage dem Leben begegnete.
Das besagte Interview mit Cage wurde von Joan Retallack, einer amerikanischen Dichterin, von 15. bis 17. July 1992 geführt und ist in der Wesleyan University Press erschienen. Zu dem Gespräch kommen drei weitere zwischen September 1990 bis 30. Juli 1992. Cage starb am 12. August 1992. Zu dieser Zeit stand eine umfassende Werkschau zu seinem 80. Geburtstag kurz bevor.


In einem Interview aus dem Jahr 1959 mit dem wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin Newsweek, New York, (gesammelt und übersetzt von Serge Stauffer) sagt Duchamp:
"Ich glaube, man könnte sagen, ich verbringe meine Zeit mit Atmen", schloss Duchamp ab mit einer Fröhlichkeit, die seine Lust am Lebensakt bekräftigte. "Ich bin ein respirateur - ein Atmer. Ich genieße das ungeheuerlich."


Blüten





Eine Vorform dieser Arbeit entstand im Jahr 2000. Damals ordnete ich jeweils vier Blätter , teils farbig, teils gemustert oder sogar mit gedruckter Schrift, zu mittelgroßen Rechtecken. Anfangs dachte ich, sie müssten von einer zusätzlichen Spange zusammen gehalten werden. Daher experimentierte ich und legte in zwei oder drei von ihnen eine Blüte ein, und zwar so, dass sie die Mitte bildete und dort saß, wo die Blätter sich schnitten und wo sie in alle vier hinein ragte. Dann unterließ ich die Sache mit den Blüten. Sie war eine Verdoppelung. Denn ich fasste die Blätter an sich als vielfarbige Blüten auf. Sie mussten nicht weiter zusammen gehalten werden. Das besorgte der äußere Rand.

Anders war es diesmal mit den mehrfarbigen Blättern. Ihre Farbigkeit war nicht nur ausgeprägter und exzentrischer, ich ließ die einzelnen, teils quietschbunten, ziemlich großen Papierbögen nach außen ragen. Also setzte ich innen eine gestempelte Zeile, die sie nicht nur zusammen hielt, sondern die in eine andere Dimension wies. Die Zeile stammt aus Finnegans Wake und enthält jeweils einen Blumennamen, Veilchen, Lotus, Amaryllis und so weiter. Die Farbigkeit wurde von der Menge an bunten Blättern bestimmt, die in einer Schublade meines Planschrankes gesammelt waren. Dazu kam eine völlig subjektive Auswahl, die ich traf, und dazu wiederum eine völlig objektive, die aus der gestempelten Zeile besteht, die ich wiederum subjektiv gewählt hatte. Das klingt kompliziert und womöglich verquast, ist aber einfach: Die Subjektivität in den Zusammenstellungen, das Begrenzte in der Auswahl und die Objektivität im Stempeln sind jeweils bis an den Endpunkt gedehnt. Mehr war mir nicht möglich. Zwischen diesen drei finalen Punkten spannt sich schließlich jedes Blatt auf.





Die Entstehung der Blätter zog sich über mehr als ein Jahr hin, ich begann damit in der Mitte des Jahres 2016 und blieb bis weit ins Jahr 2017 daran kleben. Daher ist eine genaue Datumsangabe nicht sinnvoll. Die Sache schlummerte jeweils ein paar Monate, dann fiel mir die nächste Variante ein. Selbst als sich die folgende Arbeit ausrollte, sculpture sonore, auch sie hatte jahrelang vor sich hin gegoren, fuhr ich mit den Blättern fort. Ich wollte sie unbedingt hinter Glas und gerahmt präsentieren.

Mit den Blütenbildern verknüpfte ich mein anfängliches Interesse für Pflanzen, das schon vor dem für Bienen bestanden hatte, mit einer mehrdimensionalen Arbeit.
Einige, wenngleich wenige Textstellen in Finnegans Wake sprechen Blumennamen aus, die uns gebräuchlich sind. Ich stellte fest, dass Joyce häufig üppige Blüten aus angelegten Gärten transportiert, als sei er in der sogenannten freien Natur selten unterwegs gewesen, anders als ich, der selbst kleinsten Blüten hinterher gekrochen war. Bei Joyce findet sich die Blüte wohl in Verbindung mit Weiblichkeit. Kann ich das belegen? Nein. Aber mir kommt es so vor. Das ist eine Menge, wenn man bedenkt, wie tief ich mich in den Text verstrickt habe und wie oft ich mich daraus bediene.





Von Anfang an fasste ich die Bienen nicht nur als Sammlerinnen, sondern als geflügelte Kundschafter und als Botschafter zwischen den einzelnen Blüten auf. Daher wollte ich bei der Vieldimensionalität, die sich den menschlichen Sinnen eröffnet, herauskommen. Mein Weg führte von den Blüten zu den Bienen und zurück. Dem Wissenschaftler gilt als entscheidend und maßgeblich, welche Farben die Bienen sehen, wenn sie zu den Blüten fliegen, welche Gerüche sie in feinster Weise unterscheiden können, wie sie abgegraste Blüten markieren und so weiter. Vielleicht zurecht wird die Wahrnehmungsfähigkeit der Bienen über die des Menschen gestellt. Bienen stehen beispielsweise in enger, notwendiger Verbindung zu den Blüten. Sie orientieren sich im Raum und im dunklen Bienenstock. Der Mensch verfügt über zahlreiche Sinne. Doch einige davon nutzt er nicht oder hat keinen Zugriff. Sie werden überlagert oder die Wahrnehmungsfähigkeit ist schwach ausgeprägt. Beispielsweise können viele Menschen weder den abends bevorstehenden Regen riechen, noch den baldigen Schnee. Andere schmecken zahlreiche Nuancen im Wein. Oder sie schmecken kleine Trachten aus dem Honig heraus.

Kein Schwarmjahr


Es gibt Jahre, in deren Frühling und Sommer die Bienen nicht die geringste Neigung zeigen, zu schwärmen, das heißt sich zu teilen (und dann als Schwarmtraube im Baum zu hängen). Umgekehrt gibt es Jahre, während derer sie nichts anderes im Sinn zu haben scheinen. Von starken Völkern bildete ich häufig Ableger, allein schon, um junge Königinnen zu bekommen. Während des Jahres 2017 war es ruhig am Stand. Die Bienen werkelten still und geschäftig vor sich hin. Sie bastelten gelegentlich lose ein paar Weiselnäpfchen. Manche Imker habe ich sie als Spielnäpfchen bezeichnen hören. In diese runden, leicht bauchigen Wachswiegen müsste die alte Königin ein befruchtetes Ei legen, damit eine junge Königin anfinge, darin zu entstehen. Als ich feststellte, wie ruhig die Völker saßen, hielt ich keine Nachschau mehr. Es genügte, die Drohnenwaben auszuschneiden. Und erst im Herbst, nachdem ich die Damen zwei Monate in Ruhe gelassen hatte, stellte ich fest, dass die Königinnen weiter Eier legten.
Ich hatte bemerkt, dass Bienen ihre eigene Ordnung im Stock finden. Ihre Vorgehensweise unterscheidet sich nicht wesentlich von der, die berühmte Bienenforscher entdeckt haben. Nur zeigt der Honigkranz die natürliche und optimale Form des Volkes. Im Zandermaß-Betrieb ist es nahe liegend, mit einem Brutraum zu imkern, der aus zwei Zargen besteht. Diese beiden bilden nahezu einen Kubus. Wie gesagt. Dadurch ist genügend Platz für das in etwa kugelförmige Volk garantiert und wenn der Winter kommt, wird in die Ecken Futterhonig gestopft. Im Herbst sitzt das Volk übrigens weiter unten. Man kann das Ohr an den Kasten legen und mit dem Fingerknöchel eine Klopfprope machen. Im Frühjahr haben sich die Bienen allmählich nach oben gefressen.

(Zeichnung Absperrgitter)

Stempeln


Das Stempeln ist ein Druckvorgang, wenn man des Ergebnis betrachtet. Jedoch in der Ausführung ist es ein plastischer Vorgang. Die Hand nimmt ein beschichtetes Stück Holz auf, taucht es in ein Farbkissen und drückt es ab, und dieser Vorgang wiederholt sich hunderte Male über zwei Jahrzehnte und auf die verschiedensten Untergründe bis hin zur weißen Wand. Alle neuen und viele der alten Texte, die ich benutzte, sind Buchstabe für Buchstabe gestempelt. Eine Ausnahme ist der runde APICULTURA Schriftzug in verschiedenen Größen.
Die allerfrühesten Arbeiten, noch bevor ich Bienen hielt, bestanden gelegentlich aus einem Wort, das so oft abgedruckt werden sollte, dass sich eine winzige Plastikschiene, auf die es geheftet war, dafür lohnte. Anfangs benutzte ich zusätzlich Bilder, vorgefundene Motive, die ich in Stempel umfunktionieren konnte, beispielsweise jene berühmte Dame mit dem schwingenden Rock, die die Gauloise-Zigarette auszeichnet, (ich schnitt sie aus und klebte sie auf einen Holzklotz) oder robuste Blätter, beispielsweise die des Ginkgo-Baumes.

Bild Gummitypen


Die ersten Texte waren entlang einer Bleistiftlinie oder eines Lineals gestempelt. Dann entdeckte ich auf einem Flohmarkt, bequem in Holzkästen hängend, ganze Stempelsätze mit jeweils einer bestimmten Schrifttype in einer besonderen Größe. Man hatte sie im vordigitalen Zeitalter dazu verwendet, um in Schaufenstern die Waren auszuzeichnen. Auf ein Holzklötzchen geklebte Gummi-Buchstaben sitzen in derselben Entfernung vom unteren Rand. Auf der Oberseite des Holzes ist der jeweilige Buchstabe in seiner genauen Größe abgedruckt. Die Schrift sitzt also auf einer Grundlinie, was in Worten etwas schwierig zu beschreiben ist, sich jedoch im Anblick sofort erschließt. Man schreibt damit sozusagen wie ein Erstklässler. Die Neuerung war, dass die Buchstaben nicht frei aufs Papier gedruckt werden, sondern entlang einer L-förmigen Schiene, auf der ein Schlitten läuft. Dadurch bildet sich eine Ecke, die man Buchstabe für Buchstabe weiter nach rechts rutscht und in die hinein man den Holzblock drückt. Seitlich liegen Lineale, damit man die Buchstabenreihen gleichmäßig nach unten verschieben kann. Jedoch ist der Abstand zwischen den Buchstaben frei. In manchen Worten zappeln sie nur so herum. Dass sie dennoch auf einer gerade Linie sitzen, wirkt zunächst verwirrend. Wenn ich einen Text stemple, lerne ich oft erst gegen Ende, die Abstände gleichmäßig zu setzen, das e beispielsweise etwas näher unter das w zu rutschen und so weiter.
Eines Tages fuhr ich mit einem Freund zu der Firma in Neu-Ulm, die die Buchstabensätze hergestellt hatte. Dort lagerten noch einige davon und ich nahm alle außer Sonderschriften. Die ärgerliche VW-Type beispielsweise ließ ich ihnen dort. Insgesamt besitze ich jetzt sieben verschiedene, von drei Millimetern Höhe bis zu drei Zentimetern Höhe, von schmal zu fett, von Futura über Helvetica bis hin zu einer, die aussieht wie eine Times. Später ließ ich mir ein längeres Aluprofil schneiden, damit ich lange Texte nicht nur auf größeres Papier, sondern auch auf die Wand stempeln kann.

Gewisse Blätter scheinen ohne Sinn, dienten jedoch dazu, die Gummitypen von einer dunklen Farbe zu säubern, um auf eine helle wechseln zu können.










Während der letzten zehn Jahre ist in geringem Maß Schreibmaschinenschrift hinzu gekommen. Ursprünglich benutzte ich sie nur, um die Honigetiketten zu beschriften. Heute fertige ich auch bestimmte Texte damit. Der Buchstabenabstand ist nicht im Geringsten variabel, so dass jedes Wort starr und unharmonisch aussieht. Das hat seinen Reiz, aber ich setze diese Art nur selten ein. Im Übrigen ist die Breite jedes Papiers, das man mit der Schreibmaschine einzieht, begrenzt. Bei uns entspricht das in etwa dem DIN A 4 Format. Zieht man vom Ergebnis her den gleichen Rückschluss auf die Fertigung, landet man ebenfalls bei der Hand. Sie drückt Taste für Taste nieder und lässt den blechernen Buchstaben zum Papier sausen.

Jack Kerouac tippte die erste Fassung seines berühmten Buches On The Road auf einzelne Bögen von länglichem Zeichenpapier, die er aber aneinander klebte, so dass eine schier endlos lange Rolle entstand. Literaturwissenschaftler vergleichen sie heute natürlich mit der Straße, auf der er sich bewegt hatte. Er lieferte die Rolle beim Verlag ab. Dann machte er sich sofort an eine Überarbeitung und danach sofort ein weiteres mal, ich weiß nicht, wie oft. Auf der rororo Ausgabe, die man hier zu kaufen bekommt, steht eigens vermerkt, es sei die Urfassung, aber wie zur Strafe häufen sich darin 130 Seiten lang die Nachworte.

Papierarbeiten 7


Die Arbeiten auf Papier begleiteten mich unablässig, manchmal schienen sie den größeren Teil auszumachen, denn vieles ist überhaupt nur auf Papier sichtbar. Als ich mit einem Freund alle großen Blätter fotografierte, die sich seit dem Jahr 1992 zum Bienenthema angesammelt hatten, und mithilfe des Scanners die kleineren erfasste, bekam ich erst einen Eindruck von deren purer Vielzahl.
Der Freund und ich beispielsweise waren einen ganzen Tag zugange. Am Schluss überreichte er mir einen USB-Stick, auf dem sich 293 Dateien befanden. Schließlich waren es tausendeinhundert Arbeien. Damit konnte man kaum einen Katalog bestücken, so großartig aufgemacht er auch sein mochte. Die Auslese musste die unbarmherzigste sein. Einige Kapitel, das kam hinzu, waren sogar so geschrieben, dass sie gar keine Bilder erforderten. Sie waren kurz und nur Zitate aus den Honiggeschichten. Mich erstaunte, wie sehr sich meine Arbeitsweise im Laufe der Jahre verändert hatte.

Winterarbeit Honigeditionen


Im Mai 2017 eröffnete in der Galerie Werkschau eine Ausstellung, in der alle Künstler vertreten waren, die bisher dort ausgestellt hatten. Es gab das zehnjährige Bestehen der Galerie zu feiern. Es sollte ein Galeriefest und ein Hoffest werden. Aber da es regnete, kamen wenige Besucher. Dagegen war in der Küche ein üppiges Büffet aufgebaut. Doch während Inge, die Galeristin, noch ihre Einführungsrede hielt, wanderten viele in die Küche und fraßen das Büffet kahl. Als ich später dorthin kam, ragten zwei Stangen Baguette aus einem Topf, auf einem großen Teller lagen drei Oliven und ein wenig Joghurt mit Knoblauch dümpelte in einer enormen Schale.






Mit Honigetiketten herumzuspielen ist eine der typischen Winterarbeiten. Man hat den Honig verarbeitet und in die Gläser gebracht und es geht um das Ausliefern. In diesem Fall drehte es sich um ein Sonderkontingent von zwei Schachteln kleiner Gläser, 250 Gramm, die ich eigens abgefüllt hatte. Mir lag im Sinn, für die Ausstellung eine Edition mit den entsprechenden Etiketten zu entwerfen. Einen verhaltenen Schritt, in dem ein wunderschönes Gedicht von Heine zum Einsatz kam, hatte ich bereits im Jahr 2015 getan.





Der Anfang bestand darin, dass meine üblichen Etiketten, die ich bereits einmal hatte nachdrucken lassen, wieder zu Ende gingen. Für das Jahr 2017 mochten sie noch genügen, aber danach mussten neue parat stehen. Es gab mittlerweile einige Beschwerden hinsichtlich des Motivs. Zwar teile ich die Einwände nicht und sie sind mir sogar unverständlich, doch war das himmelblaue Etikett, wie gesagt, von einem Grafiker entworfen worden. Ich hatte damals dessen Mut bewundert, dieses Blau mit so kaltblütiger Präzision zusammen mit einer Westernschrift einzusetzen. (Einer Frau, die vor zwei Jahrzehnten mit ihren Kinder beim Honigschleudern zugesehen hatte, war der anthroposophische Schrei entfahren: "Seht nur Kinder, seht nur, flüssiges Gold!") Das Motiv, in das der Grafiker die restlichen Informationen integrierte, hatte ich Jahre vor dem Etikett bereits auf  Einladungskarten und in Zeichnungen verwendet. Daher wollte ich im Jahr 2017 sehen, ob mir selbst etwas Überzeugendes gelingen würde. Da versagte ich völlig. „Du kannst ja nur Kunst“, sagte ein Freund ab und zu. (Das beschreibt die Spezialisierung des Künstlers aufs Ozeanische.) Sobald ich allerdings anfing, auszuprobieren, was außerdem möglich war, öffneten sich so viele Möglichkeiten, dass ich um Begrenzung bemüht sein musste, damit überhaupt Editionen zustande kamen. Ich ging mit mir zu Rat und dachte schließlich, drei Themen konnten es sein.




Das eine Drittel der Editionen bestand aus graubraunen Streifen mit Blumenbriefmarken und den jeweiligen Stempeln, fremden gemischt mit eigenen. Die Post hatte die Blüten zahlreiche Jahre lang ausgegeben. (Darauf wird in dem Kapitel "Postalisches Feld" eingegangen.) Sie folgten auf Bienen, die mitten im gelben Blütenstaub einer rosafarbnen Blüte mit fingrigen Blütenblättern saßen. Das ist einige Jahre her, denn meines Wissens kostete der Brief damals 55 Cent, und die Bienen waren für die emsigen Flüge kreuz und quer durch Deutschland ausgelegt.





Zuvor, in den Jahren 2003 und 2004 hatte es schon einmal übergroße, schwülstige Marken mit Rosen- und Kamelienblüten gegeben, ebenfalls zu 55 Cent. Es stand dort in geschwungener Pseudohandschrift "für dich" und "Grüße", als ob man einer entfernten, aber innig geliebten Tante im Ruhrpott schreiben würde. Die Marken erinnerten mich sofort, wie Großmütter und Tanten in ihre mit Kölnisch-Wasser getränkten Taschentücher spuckten, um mir den schokoladigen Mund sauber zu wischen. Nur die stahlharten Poststempel, die auf die Briefe gedroschen wurden, milderten diese widerwärtigen Assoziationen ab.
Erst später ließ sich die Post dazu hinreißen, die nüchternen, aber umso romantischeren Blüten in kompletter Vielfalt, jeweils mit einem eigenen Wert versehen, aufzulegen. Eines Tages, als ich schier endlos auf einen Zug warten musste und sich ein Postamt neben dem Bahnsteig befand, stapfte ich hinein und sagte, ich wolle von jeder Blütensorte mindestens eine Marke kaufen. Später stellte ich fest, dass der Beamte einige Werte unterschlagen hatte oder sie dort nicht vorrätig gewesen waren oder sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedruckt worden waren. Ich denke mir, dass es mehr Spaß macht, einen Brief voller Blüten in den Postkasten zu stopfen, als beispielsweise frankiert mit der trockenen „600 Jahre Universität Leipzig“ Marke.
In der Zeit der Blütenschwemme bat ich einige Freunde, diese Briefmarken für mich zu sammeln. (Der Vorgang entsprach dem Sammeln der Bäckereibiene.) Später bastelte ich daraus Etiketten. Natürlich hatte ich auch persönliche Favoriten, beispielsweise die Kuhschelle zu 58 Cent oder das Tausengüldenkraut zu 28 Cent. Die Schokoladen-Kosmee zu 70 Cent kam mir verwegen vor. Dass die Blüten der selteneren Pflanzen umso höheren pekuniären Werten zugeordnet sind, erschien mir logisch. So kam der Frauenschuh, eine seltene heimische Orchideenart, mit Viereurozehn enorm heraus. Allerdings ist die weiß blühende „Federnelke“, mit einem rotblauen Saftmal, im Naturspektakel selten zu finden, und doch bleibt sie mit 85 Cent auf den unteren Rängen.







Eine labyrinthische Spur, die sich in Zusammenhang mit meiner gesamten künstlerischen Arbeit aufdrängte, sind knappe, verrätselte Sätze über Bienen und Wachs und Honig, die bumble bee und sprachliche Verdrehungen. Natürlich ist wieder von Finnegans Wake die Rede. Es ist die unerschöpfliche Quelle. Von dort zu zitieren ist immer ergiebig. Joyce ist ein Meister der Verknappung und der Wake erscheint mir als das Buch der Moderne. Man kann sich damit nicht an den Strand legen und schmökern und die Zeit vergessen. Doch einige würden es heute auf die immaginierte einsame Insel mitnehmen.






Eine dritte Quelle und somit die dritte Edition bildete ein Thema, das mich vor allem im vergangenen Jahr beschäftigte. Es sind Filmchen auf youtube, die ich oft gemeinsam mit meiner Tochter anschaute. Jedem, der weiß, worum es geht, ist sofort verständlich, dass ich hier nicht mehr preisgeben kann.

Übrigens rief mich später, als die Ausstellung bereits am Laufen war, eine Frau an und erbat sich, ein goldenes Etikett mit einem Text aus finnegans wake angefertigt zu bekommen. Und im Glas sollte frischer Honig aus dem Jahr 2017 sein. Der war zu Beginn der Ausstellung noch nicht geerntet worden. Sie wolle eine Verwandte damit beschenken, sagte sie. Doch als ich für ein vorgefundenes Glas das Etikett anfertigte und frisch geschleuderten, beinahe noch bienenwarmen Honig einfüllte, wies sie es zurück. Das sei nicht das Glas, das sie erwartet habe. Es war etwas höher und schlanker und obenauf saß ein Blechdeckel mit Sechseckmuster. Man konnte gerade bei diesem Glas besonders gut den hellen, fast klarsichtigen Honig betrachten. Sie wollte lieber eins der gedrungenen mit Plastikdeckel.