Bienen sind die Popstars der Zukunft


Jubiläumsausstellung in der werkschau.galerie

20 Jahre apicultura

Eröffnung am Mittwoch, den 23. Mai ab 19 Uhr
Ausstellung vom 24. Mai bis zum 21. Juni
Finissage am Donnerstag, den 21. Juni ab 19 Uhr



Was hier als Bild erscheint, gibt es mit derselben Einstellung auch als Film.








Hier sitzt der Stock auf einem Hocker. Das Flugloch, heißt es, soll etwa 30 Zentimeter vom Erdboden entfernt sein.

Die Zucht ist für mich völlig undurchschaubar und ich habe ihr den Rücken gekehrt. (Schon das Wort befremdet mich.) Es geht darin beispielsweise um Inzuchtreihen, die zur Reinzucht notwendig sind.
Übrigens gibt es eine ganz abscheuliche Art der Befruchtung. Das ist die künstliche Besamung. Die Königin wird fest geschnallt und ein Röhrchen wird ihr in den Hinterleib gerammt. Durch das pumpt man ausgesuchten Drohnensamen in sie hinein. Diese Methode wurde in den Siebziger Jahren häufig angewandt.








Während wir uns bezüglich der Biene mit unseren germanischen Wurzeln herumschlagen, mit Imme und Bien, bezeichnen die Italiener die Imkerei geschmeidig als Bienenkultur. Das hielt ich für ausbaubar, da der Kulturbegriff darin so mühelos zum Einsatz kommt. Was ist in diesem Fall Kultur, fragt sich ein Bienenlexikon und gibt sich selbst die Antwort: Haltung und Pflege. Bienen brauchen Haltung und Pflege, das stimmt. Kultur beinhaltet allerdings viel mehr, das weiß man. Der Kulturbegriff ist so weit, dass man seine Ränder nur unscharf sieht. Das hoffe ich zumindest. Das übergeordnete Label für meine zum Teil äußerst wirren Aktivitäten auf diesem Sektor ist vom ersten Tag an apicultura gewesen. So und nicht anders muss es heißen, dachte ich sofort. Besondere Spaßvögel fragten mich anlässlich des achtzehnten Geburtstags von apicultura, ob die Bienen jetzt einen Führerschein machen dürften. Ha ha. „Ja“, antwortete ich, „aber nur für die Ape.“






Die Ape, wer es nicht weiß, ist ein winziges italienisches Nutzfahrzeug der Firma Piaggio. Auf Fotos schaut sie groß aus, wie ein gewöhnlicher Transporter. Doch wenn man neben einer Ape steht, fragt man sich, wie es möglich ist, dass ein Fahrzeug so winzig sein kann. Nachdem die Vespa (Wespe) jugendlich knatternd durch die italienischen Dörfer peste, bekamen die Erwachsenen: hauptsächlich Landwirte und Bauarbeiter ein dreirädriges Transportgefährt mit einer Sitzbank für eineinhalb Personen. Die Ape sitzt über einem zweitaktigen Vespamotor und ist mit einem geraden Lenker versehen. Die kleinste Ape verfügt über 1 PS und fährt nicht schneller als 25 km/h. Da die Ur-Ape eine ovale Sitzkabine, Fenster wie Bienenaugen und einen feinen Steg an der Verbindung zum Hinterleib hatte, nannte man sie logischerweise Biene. Es gab sie in verschiedensten Ausführungen, die im Lauf der Jahre alle vorstellbaren Unwahrscheinlichkeiten aufboten. Neben der geschlossenen Kabine und der offenen Pritsche wurden beispielsweise hydraulische Kipplaster oder Schwerlaster mit verstärkten Achsen und doppelter Bereifung gebaut. Ein Bild zeigt gar einen kleinen Elefanten, der auf einer Ape steht. Seit einigen Jahren wird sie in Indien gefertigt, habe ich gelesen, und es entstehen, dem Zeitgeist entsprechend, Revivalmodelle. Gegen Ende der Achtziger Jahre bewarb der Piaggio-Konzern die Ape mit dem genialen Spruch: Con Ape sí vola.




Ein Nachbau eines mittelschweren B 25-Bombers, wie ihn die Amerikaner im zweiten Weltkrieg verwendeten. Dieser hier ist aus lauter Einladungskarten für apicultura-Ausstellungen zusammen geklebt. Der B-25 war anscheinend nicht einfach zu landen. Er kommt in dem Buch catch-22 vor.




Modell für einen Anhänger. Beim Entwurf hatte ich kleine Wohnwagenanhänger aus Aluminium im Sinn. In den USA sieht man gelegentlich aluminische Anhänger, die wie Zigarren geformt sind.

Viele unterschätzen die Schieflage der Natur und denken: Das geht schon noch. Diese taube, unbeugsame Haltung verschafft ihnen die Möglichkeit, so weiter zu machen, wie bisher. Jeder, der sein Ohr an die Natur legt, weiß seit einem Jahrzehnt, dass es nicht weiter gehen kann, wie bisher. Am meisten wird uns sinnfällig, was wir am eigenen Leib erfahren. Wir können beispielsweise die klimatischen Entgleisungen betrachten. Wir haben eine Menge von extremen Jahreszeiten erlebt.
Ein Beispiel ist der Sommer 2003, in dem es monatelang dermaßen heiß war, dass man sich nicht bewegen wollte. Die Meteorologen sprachen reflexartig von einem Jahrhundertsommer. Vielleicht war das eine sprachliche Unschärfe, da sie noch im Zwanzigsten Jahrhundert feststeckten. Bedenken wir die nachfolgenden Katastrophen, zum Beispiel den Tsunami vor Japan im Jahr 2011 und was damit einher ging, vergeht uns sofort das Lachen. Was genau geschieht, kann ich nicht sagen. Vielleicht erwärmen sich die polaren Randzonen, wie es neuerdings die Klimaforschern behaupten, und die Mitte kühlt ab. Besehen wir die Pflanzen, können wir sagen: Alles blüht um zwei bis drei Wochen früher. Vor siebzig Jahren blühte die Linde ab Mitte Juni, manchmal genau am achtzehnten, wodurch meine Mutter sie als ihr persönliches Geburtstagsgeschenk auffasste. Heute beginnt die Linde Anfang Juni, sich aus dem Fenster zu lehnen. Seit einigen Jahren verlängern sich außerdem die Blühzeiten. Einzelne Pflanzen überschneiden sich in ihrer Blüte, während sie früher aufeinander abgestimmt waren. Das bringt die Bienen zwar noch nicht in Bedrängnis, es verringert aber die Erntemenge. Vor Jahrzehnten funktionierten das alles wie ein Uhrwerk, während die Pflanzen heute ungeordnet dahin schlingern. Möglicherweise zum Beispiel werden bestimmte Pflanzen ungenügend bestäubt, was ihr allmähliches Verschwinden einläutet. Vormals kleine Erscheinungen steigern sich in extreme. Ein Winter dauert anstatt drei Monate plötzlich fünf wie zwischen 2004 und 2005. In meiner Kindheit lag im Februar meistens ein halber Meter Schnee, heute türmen sich entweder drei Meter oder die Schneeglöckchen blühen auf dem kahlen Boden. Ein Sturm fegt nicht kurz, sondern einen Monat. Am einen Tag zeigt das Thermometer eine Temperatur von minus 15° C, am nächsten ist es lau und so geht dieses Gehüpfe drei Monate. Anstatt an einem Tag, regnet es einen Sommer durch und es folgen herbe Überflutungen, die Dämme sprengen. In diesem Jahr ist es nachts lang kalt, meistens drei bis fünf Grad C°. Als es am 25. Februar von einem Tag auf den anderen warm wird und tagsüber 29 Grad C° erreicht, blühen die meisten Pflanzen, die bis vor wenigen Jahren hintereinander angeordnet waren, gleichzeitig auf. Die Bienen sind in den Kirschbäumen zu hören. Auf dem Löwenzahn sieht man kaum eine Biene. Die Traubenkirsche, die als Großbaum neben meinen Bienen steht, verliert nach zwei Tagen ihre Blütenblätter. Sie regnen weiß herunter wie Schneeflocken. Dem Jahr 2012 fehlt der Frühling.



Ein weiteres öffentliches Projekt, das fehl schlug. Ich entwarf Türme aus Beton, und oben saßen Schießscharten. Dahinter sollte sich Raum für je ein Bienenvolk bieten. Die Türme hätte ich in öffentlichen Gärten aufstellen wollen. Die Besiedelung mit Bienen oder anderen Insekten hätte ich weitgehend der Natur überlassen.

Die Bienen in der Stadt konnten sich bisher auf die meisten Unwägbarkeiten einstellen. Bei den Bienen ist es nicht so, dass eine launische Königin weniger Eier legt oder die beleidigten Damen kaum Nektar heran schaffen oder eine allgemeine Mentalität des schlaffen Herumlungerns eintritt. Falls ein Bienenvolk in die Knie geht, geschieht das nicht langsam, sondern wie bei einem Händeklatschen. Die Bienen haben sich in ihrem straff organisierten System weitgehend von der Umwelt unabhängig gemacht. Sie regulieren die für sie wichtigen Faktoren wie beispielsweise den Wabenbau, die Stocktemperatur, die Brut oder den Feuchtigkeitsgehalt des Honigs unabhängig von äußeren Faktoren.
Die Bienen konnten ohne die geringste Mutation überleben. Ihr System war von Anfang an perfekt. Die ersten bestäubenden Insekten wurden für die Kreidezeit nachgewiesen, das war vor 100 Millionen Jahren. Die heutigen Bienen sind insofern den Bienen von vor einer Million Jahren absolut ähnlich. Wir indessen haben eine Menge geändert: Wir haben alle ehemaligen, natürlichen Lebensräume der Bienen zerstört und ihr Leben damit ganz in unsere Hände gelegt. Wir haben die Varroamilbe, die häufig mutiert, um unseren Giften ein Schnippchen zu schlagen, in ihre Stöcke gebracht und bekämpfen sie seither erfolglos. Die Milbe greift dort an, wo die Biene am verletzlichsten ist: in ihrem eigenen System. Unsere Wertschätzung der Bienenarbeit innerhalb der Stadt hat sich gesteigert.



Soweit ich weiß: eine slowenische Münze. Es gibt eine andere Arbeit, außerhalb des Bienenuniversums, für die ich Münzen sammelte. Diese hier ist die einzige Münze weit und breit, die eine Biene zeigt.




Filmstreifen: Propolis


Für die Bienen kann ich mir eine Zukunft ausdenken.

Fernsehbeitrag ZDF


Als mir der griffige Spruch mit den Bienen und den Popstars eingefallen war, wusste ich zwar, dass er Potential hatte, aber nicht, dass sogar ein popkultureller Fernsehbeitrag im Zweiten Deutschen Fernsehen heraus springen würde.
Während das Fernsehen bei mir am Bienenstand drehte, wurden mir aus dem Off Fragen gestellt, die mich zu spontanen Aussagen verleiten sollten. Vielleicht ist es gut, wenn man die Fragen nicht vorher kennt, denn man legt sich sonst etwas zurecht, das zu kompliziert ist. Vielleicht ist es andererseits nicht gut, da man unvermutet den größten Blödsinn schwafelt.


Vor der Kamera machte mich für den Ansatz stark, dass vor allem für die Bienenforschung mehr Geld zur Verfügung gestellt werden müsste. Es wird häufig betont, dass die Biene das drittwichtigste Nutztier der Erde ist. Insofern muss die Forschung in die Lage gebracht werden, alle Energie darauf zu verwenden, ein haltbares Mittel gegen die Varroamilbe zu finden. Aus dem riesigen Staatshaushalt müsste mehr für diesen Belang abgezweigt werden. Mein Anliegen geht exakt auf die Bekämpfung der Milbe, denn ich sehe in ihr den Bienenschädling Nummer eins. Von dieser Seuche ist heutzutage jedes Bienenvolk infiziert. Und man muss sich dringend daran setzen und Abhilfe finden.
Im Grunde habe ich gar nicht mehr zu sagen. Ob ich das jedoch wirklich so knapp ausdrückte und ob es im Fernsehen wirklich zu verstehen war, weiß ich nicht mehr. Ich habe den Verdacht, dass ich sehr weitschweifig argumentierte. Vermutlich verglich ich die Geldmittel, die für andere Arten von Popstar-Belangen zur Verfügung stehen, mit denen für die Bienen. Denn ständig wird ja mit dem Auffinden von tatsächlichen oder vermeintlichen Superstars ein ungeheuerer Aufwand betrieben. Doch der Vergleich bedingte, dass große Teile meiner Aussage heraus geschnitten werden mussten. Und vielleicht waren das gerade die falschen.

Bienen fliegen nie im geraden Weg von einem Ort zum anderen, beispielsweise von der Blüte zum Stock. Sie ziehen lange, gewundene Schleifen durch den Raum.



Der Beitrag hatte natürlich keinen Makel. Er war perfekt in der Reihung von einprägsamen Bildern, unterschiedlichen Blickwinkeln, in Unschärfe, die langsam ins Scharfe gezoomt wurde, in schnellem Vorlauf und einer perfekten Taktung. Aber die makellose Oberfläche, kann man umgekehrt folgern, ist der Makel.