Winterarbeit Honigeditionen


Am 19. Mai 2017 eröffnete in der Galerie Werkschau eine Ausstellung, in der alle Künstler vertreten waren, die je dort ausgestellt hatten. Es gab das zehnjährige Bestehen der Galerie zu feiern. Es sollte ein Galeriefest und ein Hoffest werden. Aber da es regnete, kamen wenige Besucher. Dagegen war in der Küche ein üppiges Büffet aufgebaut. Doch während Inge, die Galeristin, noch ihre Einführungsrede hielt, wanderten viele in die Küche und fraßen das Büffet kahl. Als ich später dorthin kam, ragten zwei Stangen Baguette aus einem Topf, auf einem großen Teller lagen drei Oliven und ein wenig Joghurt mit Knoblauch dümpelte in einer enormen Schale.






Mit Honigetiketten herumzuspielen ist eine der typischen Winterarbeiten. Man hat den Honig verarbeitet und in die Gläser gebracht und es geht um das Ausliefern. In diesem Fall drehte es sich um ein Sonderkontingent von zwei Schachteln kleiner Gläser, 250 Gramm, die ich eigens abgefüllt hatte. Mir lag im Sinn, eine Edition mit den entsprechenden Etiketten zu entwerfen. Einen verhaltenen Anfang, in dem ich ein wunderschönes Gedicht von Heine verwendete, hatte ich im Jahr 2015 bereits getan.





Der Anfang bestand darin, dass meine üblichen Etiketten, die ich bereits einmal habe nachdrucken lassen, wieder zu Ende gehen. Für das Jahr 2017 mögen sie noch genügen, aber danach müssen neue parat stehen. Es gab mittlerweile einige Beschwerden hinsichtlich des Motivs. Zwar teile ich sie nicht und sie sind mir sogar unverständlich, doch wollte ich sehen, ob mir selbst etwas Überzeugendes gelingt. Da versagte ich völlig. Die bestehenden Etiketten sind -nach meinen Wünschen zwar- von einem Grafiker entworfen worden, was man auch sieht. „Du kannst ja nur Kunst“, sagt ein Freund ab und zu. (Das beschreibt die Spezialisierung des Künstlers aufs Ozeanische.) Sobald ich also anfing, auszuprobieren, was möglich war, öffneten sich so viele Möglichkeiten, dass ich um Begrenzung bemüht sein musste, damit überhaupt Editionen zustande kamen. Ich ging mit mir zu Rat und dachte schließlich, drei konnten es sein.




Das eine Drittel der Editionen bestand aus graubraunen Streifen mit Blumenbriefmarken und den jeweiligen Stempeln, fremden gemischt mit eigenen. Die Post hatte die Blüten zwei bis drei Jahre lang ausgegeben hatte. Sie folgten auf Bienen, die mitten im gelben Blütenstaub einer rosafarbnen Blüte mit fingrigen Blütenblättern saßen. Das ist einige Jahre her, denn meines Wissens kostete der Brief damals 55 Cent, und für die emsigen Flüge kreuz und quer durch Deutschland waren die Bienen gedacht.





Zuvor, in den Jahren 2003 und 2004 hatte es schon einmal übergroße, schwülstige Marken mit Rosen- und Kamelienblüten gegeben, ebenfalls zu 55 Cent. Es stand dort in geschwungener Pseudohandschrift "für dich" und "Grüße", als ob man einer entfernten, aber innig geliebten Tante im Ruhrpott schreiben würde. Die Marken erinnerten mich sofort, wie Großmütter und Tanten in ihre mit Kölnisch-Wasser getränkten Taschentücher spuckten, um mir den schokoladigen Mund sauber zu wischen. Nur die stahlharten Poststempel, die auf die Briefe gedroschen wurden, milderten diese Assoziationen ab.
Erst später ließ sich die Post dazu hinreißen, die nüchternen, aber umso romantischeren Blüten in Vielfalt, jeweils mit einem eigenen Wert versehen, aufzulegen. Eines Tages, als ich schier endlos auf einen Zug warten musste und sich ein Postamt neben dem Bahnsteig befand, stapfte ich hinein und sagte, ich wolle von jeder Blütensorte mindestens eine Marke kaufen. Später stellte ich fest, dass der Beamte einige Werte unterschlagen hatte oder sie dort nicht vorrätig gewesen waren oder sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedruckt worden waren. Ich denke mir, dass es mehr Spaß macht, einen Brief voller Blüten in den Postkasten zu stopfen, als beispielsweise frankiert mit der trockenen „600 Jahre Universität Leipzig“ Marke.
In der Zeit der Blütenschwemme bat ich einige Freunde, diese Briefmarken für mich zu sammeln. Später bastelte ich daraus Etiketten. Natürlich hatte ich auch persönliche Favoriten, beispielsweise die Kuhschelle zu 58 Cent oder das Tausengüldenkraut zu 28 Cent. Die Schokoladen-Kosmee zu 70 Cent kam mir verwegen vor. Dass die Blüten der selteneren Pflanzen umso höheren pekuniären Werten zugeordnet sind, erschien mir logisch. So kam der Frauenschuh, eine seltene heimische Orchideenart, mit Viereurozehn enorm heraus. Allerdings ist die weiß blühende „Federnelke“, mit einem rotblauen Saftmal, im Naturspektakel selten zu finden, und doch bleibt sie mit 85 Cent auf den unteren Rängen.







Eine labyrinthische Spur, die sich in Zusammenhang mit meiner gesamten künstlerischen Arbeit aufdrängte, sind knappe, verrätselte Sätze über Bienen und Wachs und Honig, die bumble bee und sprachliche Verdrehungen. Natürlich ist wieder von Finnegans Wake die Rede. Es ist die unerschöpfliche Quelle. Von dort zu zitieren ist immer ergiebig. Joyce ist ein Meister der Verknappung. Der Wake ist das Buch der Moderne. Man kann sich damit nicht an den Strand legen und schmökern und die Zeit vergessen. Doch einige würden es heute auf die immaginierte einsame Insel mitnehmen.






Eine dritte Quelle und somit die dritte Edition bildete ein Thema, das mich vor allem im vergangenen Jahr beschäftigte. Es sind Filmchen auf youtube, die ich oft gemeinsam mit meiner Tochter anschaute. Jedem, der weiß, worum es geht, ist sofort verständlich, dass ich hier nicht mehr preisgeben kann.

Übrigens rief mich später, als die Ausstellung bereits am Laufen war, eine Frau an und erbat sich, ein goldenes Etikett mit einem Text aus finnegans wake angefertigt zu bekommen. Und im Glas sollte frischer Honig von 2017 sein. Der war zu Beginn der Ausstellung noch nicht geerntet worden. Sie wolle eine Verwandte damit beschenken, sagte sie. Doch als ich für ein vorgefundenes Glas das Etikett anfertigte und frisch geschleuderten, beinahe noch bienenwarmen Honig einfüllte, wies sie es zurück. Das sei nicht das Glas, das sie erwartet habe. Es war etwas höher und schlanker und obenauf saß ein Blechdeckel mit Sechseckmuster. Man konnte gerade bei diesem Glas besonders gut den hellen, fast klarsichtigen Honig betrachten.