Zahlentäfelchen


Eines Tages rieb ich einen meiner apicultura-Stempel mit Linolfarbe ein und bestempelte runde, aus Aluminium geschnittene Täfelchen. An der Stelle, wo der Stempel einen Stern abdruckt, bohrte ich ein Loch. Danach fügte ich in rot die Zahlen von eins bis sieben hinzu. Im Anschluss lackierte ich die Täfelchen, damit sie wetterfest wurden. Es war keine große Sache. Durch das Loch drückte ich sie mit einem Nagel an die Kästen. Letztlich wollte ich die Kästen damit kennzeichnen und die Aufstellung am Anfang eines Sommers mit der am Ende vergleichen.
Franz hatte mir beigebracht, die Schwarmzellen auszubrechen. Aber die kipplige Stimmung im Volk ließ sich dadurch häufig kaum überwinden, selbst wenn ich ihnen viele Waben zusetzte, die sie ausbauen konnten. Und gelegentlich schwärmten sie dennoch, falls ich eine Königinnenzelle übersehen hatte. Das geschah, falls sie diese an einem unmöglichen Ort angebracht hatten. Es kam mir so vor, als reagierten sie auf meine Versuche, ihnen die Königinnenzellen auszubrechen, indem sie sie versteckten. Das war ein Grund, anstatt dessen lieber Ableger zu machen und das Muttervolk, falls man es so nennen kann, umzustellen, wenn es in Schwarmstimmung geriet. Denn die Stimmung erlischt durch das Umstellen. Daher veränderte sich die Plazierung der Kästen dauernd.

Das kann als Bienenlatein aufgefasst werden. Doch im Grunde ist es sehr einfach. Während der meisten Sommer, außer beispielsweise im Jahr 2017, haben Bienen die Neigung, sich zu teilen und mit den jungen Bienen einen neuen Staat mit einer frischen Königin zu gründen. Und da man ungern Schwärme, die ausgerissenen Bienen mit der alten Königin, im Baum hängen hat und sie nicht fangen kann, muss man reagieren. Im Rosengarten verschwindet ein Schwarm ohnehin irgendwo in einem der hohen Bäume, hängt dort still und fliegt weiter, bevor man auf ihn aufmerksam wird.

Anstrich in Gold


Eines Tages kam die Zeitung auf mich zu, ich glaube, es war die AZ, vielleicht auch die TZ. Sie baten um ein Interview, zusätzlich versehen mit einem Foto, und ich gewährte ihnen den Wunsch natürlich gerne. Allerdings dachte ich, der Bienenstand sollte vorher ein wenig auf Vordermann gebracht werden, das Zeitungsbild sollte etwas hermachen. Vor allem, dachte ich, müssten die Stöcke noch einmal gestrichen werden. Denn bisher hatte ich sie mit hellbrauner Abtönfarbe angepinselt, so wie Franz es mir gezeigt hatte. Ohnehin bestanden sie aus Styropor, weswegen man draufschmieren konnte, was man wollte. Man hätte sie auch teeren und federn können, ohne dass die Bienen daran Anstoß genommen hätten. Ich dachte ein paar Tage nach und wählte aus den möglichen Farben: Gold. Ich fuhr zu dem Farbenbedarf in München. Ich wusste davon aus der Akademiezeit, zahlreiche Maler gingen dort hin. In dem schmalen, hohen, länglichen Laden stehen Regale bis an die Decke und alles ist angefüllt mit klarsichtigen Plastiksäckchen voller Pigmente in unterschiedlichen Farbtönen. Das überforderte mich völlig. Natürlich waren einige Goldtöne vorrätig und ich schnürte unentschieden in und vor dem Geschäft herum. Wie soll man, wenn man die Welt plastisch sieht, in dem vielfarbigen Wust eine Auswahl treffen? Schließlich entschied ich mich für Pigmente in einem verhältnismäßig dunklen Goldton. Im Anschluss diskutierte ich ewig mit dem Verkäufer herum, welcher Binder draußen Bestand haben könnte. Bald hatte ich den Eindruck, er nehme so lebhaft Anteil, dass er sich fast so umständliche Gedanken machte wie ich. Schlussendlich kamen wir überein, dass ein farbloser Binder auf Acrylbasis, wie er anfangs bereits vorgeschlagen hatte, am geeignetsten sei.
Den Schriftblock APICULTURA ließ ich aus einem hellen Blau ausschneiden und klebte die Folie auf.

Die Fotografin wollte mich dabei zeigen, wie ich eine Wabe aus dem Stock zog. Das sei das allerabgedroschenste Motiv, entgegnete ich, und käme daher überhaupt nicht in Frage. Sie wurde ziemlich wütend, doch ich gab nicht nach. Ich würde die Stöcke nicht einmal öffnen, sagte ich. Es blieb bei einer Gesamtansicht, wobei ich mich, um ihr doch einen Gefallen zu tun, mit auf die Paletten stellte und väterlich die Hand auf einen Kasten legte. Wie das Bild aussehen würde, wusste ich also. Auf den Text hatte ich keinen Einfluss. Leider entsprach er in wenigen Punkten dem, was ich gesagt hatte. Ich lernte wahrscheinlich zum ersten mal, wie die Medien sich Ereignisse aneignen und sie so lange kneten und ummodeln, bis sie in ihre Sprache passen. Zieht man den Umkehrschluss, müssen sich zahlreiche Vorfälle anders abgespielt haben, als von ihnen berichtet wird.