Ausstellungen


Franz besuchte keine Ausstellungen von mir. Auch nicht, wenn es um Bienen ging. Nicht einmal die Zeichnungen zur Bienenanatomie wollte er sehen. Ich schickte ihm regelmäßig Einladungskarten, am Anfang zumindest. Er bedankte sich dann sehr höflich und entschuldigte sein Fernbleiben. Vielleicht wollte er sich davor bewahren, etwas zu sehen, das ihm mutmaßlich nicht gefallen hätte. Trotzdem war es zunächst befremdlich. Denn Franz arbeitete ja in der Akademie und sein Sohn hatte wohl, wie ich später erfuhr, in Rumänien Kunst studiert. Und wenn es um Arbeiten zur Bienenthematik ging, berichtete ich ihm ausführlich davon.
Einmal stellte ich Imkergerätschaften aus, in einem großen Blechregal. Im Haus der Kunst. Nachdem ich das Einverständnis der Hauptstelle in der Rheinpfalz eingeholt hatte, fuhr ich in einen Imkerbedarfsladen nördlich von München. Dort lieh ich mir, der Einfachheit halber, von allem, was dort verkauft wurde, je ein Exemplar. Von Waben über Kästen über Pfeifen bis hin zu Honigbonbons. Ich musste dafür eine riesige Kaution hinterlegen. Aber es war trotzdem fair von den Betreibern, die dabei mitmachten. Nur die Schleuder stellte ich selber hin, denn sie war (...) neu.

Franz kam trotzdem nicht. Er neigte ein bisschen dazu, Dinge ein für alle Mal abzuhaken. Er nahm sich eine Sache vor, prüfte sie genau und dann entschied er. Das Urteil selbst zu überprüfen, hielt er für überflüssig. Ich glaube er war der Ansicht, es sei Zeitverschwendung. Er sah, was die Studenten in der Akademie fabrizierten und hielt rundum nichts davon. Damit war die Sache für ihn erledigt und er wandte sich ab. Seine Auffassung von Kunst war traditionell und an die erscheinungsrichtige Abbildung der Wirklichkeit geknüpft. Das konnte ich mit meinen Projekten nicht einlösen. Er hätte sicher alle Elemente in meinem Regal gekannt, aber die Frage, was daran Kunst sei, hätte ihn zu einer Verneinung geführt.

aus den Honiggeschichten

Missweisungen


Karl von Frisch löste mit seinen aufregenden Berichten zum Bienentanz, die sich darauf beziehen, den ersten Begeisterungssturm aus. Aus heutiger, nüchterner Sicht könnte man sagen: Alle Welt war entzückt, dass Bienen tanzen. Dafür überreichte man Herrn von Frisch, der diese Entdeckung im Jahr 1927 veröffentlicht hatte, den Nobelpreis. Das geschah jedoch erst im Jahr 1973, Karl von Frisch war zu dieser Zeit bereits 87 Jahre alt. Von Frisch, ebenfalls nüchtern, schrieb später, dass seine eigentliche Entdeckung sich zwar auch auf Bienen bezogen habe, jedoch eine andere gewesen sei und er den Nobelpreis zwar zu Recht erhalten habe, jedoch für die falsche Sache. (Es handelte sich ebenfalls eine Missweisung.) Karl von Frisch bezeichnet den Unterschied zwischen dem geografischen und dem magnetischen Nordpol als Missweisung.

Das Handbuch für Bienenkunde widmet der Orientierung der Bienen (und anderer Tiere) und den entsprechenden Organen ein Kapitel von über acht Seiten: Die Missweisungen werden dort als notgedrungener Übersetzungsfehler gedeutet. Eine Sammlerbiene liefert im Stock Honig ab und führt im Dunklen einen Tanz auf, der aber wegen der hängenden Waben ins Senkrechte und wegen der Ausrichtung der Waben seitlich verdreht ist. Kaum ein Bienenstock steht so, dass seine Wabengassen in Ost-West-Richtung verlaufen. Der Imker passt die Aufstellung einerseits der empfohlenen Himmelsrichtung an, das wäre Süd-Süd-Ost, andererseits den Gegebenheiten des Geländes. Folglich muss die Biene ihre Tanzebene zusätzlich drehen. Hinzu kommt die Tagesperiodik des Magnetfeldes. Es pendelt jeweils gleichmäßig innerhalb eines Feldes von etwa 15° diesseits und jenseits der Nullinie. Um das aufzufassen, benötigt die Biene einen Zeitsinn. Die Informationen werden übermittelt, indem die Bienen, die informiert werden sollen, die Achterschleifen der Informantinnen nachahmen. Doch würden sich die Nachtänzerinnen bei der anschließenden Futtersuche eins zu eins danach richten, kämen sie falsch an. Die neu Informierten rechnen das Fehlerhafte zurück ins Richtige. Um wieviele Ebenen die Information gebrochen ist und rückgeführt wird, wie die Orientierung am polarisierten Sonnenlicht und an landschaftlichen Gegebenheiten stattfindet und wie aus all dem eine Richtungsweisung wird, blieb mir lange verborgen. Man kann nur festhalten, dass Bienen den Zeitsinn, den Schweresinn, den Bewegungssinn, die Orientierung am Magnetfeld, am Sonnenlicht und an der Landschaft besitzen und schließlich noch von Duft und Farbe der Blüten gelenkt werden. Letztens habe ich gelesen, dass man mittlerweile akustische Informationen genauer untersucht.
Karl von Frisch widmete seine Forschung den Sinneswahrnehmungen der Tiere, vornehmlich der Bienen. Er gliederte die einzelnen Bereiche, Tasten, Schmecken, Riechen und so weiter und versuchte, sie bestimmten Organen zuzuordnen. Mithilfe seiner erstaunlichen Versuchsanordnungen, die bereits ein tieferes Verständnis erfordern, erlangte er Kenntnisse, über welche Bereiche sich die Wahrnehmungen erstrecken, welche Farben beispielsweise die Bienen sehen können. Er entdeckte, dass sie ultraviolettes Licht sehen, wodurch sich ihr Farbspektrum gegenüber dem des Menschen erheblich verschiebt. Für sie wirkt ein grüner Hintergrund, den wir eindeutig als farbig erkennen, einfach wie ein lichtes Grau mit leicht gelblicher Einfärbung. Für uns käme das beinahe dem Farblosen gleich. Dem gegenüber leuchten ihnen einige der Blüten, die uns weiß erscheinen, nicht nur deutlich farbig auf und in gänzlich anderen Farben als uns, sie bilden dadurch den schärfsten Kontrast zum Farblosen. Und noch mehr, denn beispielsweise bei den für uns einfarbig gelben Blüten des Kriechenden Fingerkrautes erkennen sie ein sogenanntes Saftmal. Dem menschlichen Auge ist das vom Vergissmeinnicht bekannt, ein gelber Ring in blauer Umgebung. Das Saftmal verleiht der Blüte im Grau oder im Farblosen der Umgebung, wozu auch die grünen Blätter der Pflanze selbst gehören, eine zusätzliche Leuchtkraft, es erleichtert den Bienen sofort den Weg ihres Saugrüssel zu den Nektardrüsen und -das kommt hinzu- es riecht kräftiger, als der äußere Teil der Blüte. Auch das ist durch Versuche nachgewiesen. „Bienen riechen plastisch“, heißt es bei Karl von Frisch. Die inneren Elemente einer Blüten strömen einen stärkeren, vielleicht auch würzigeren Duft aus, als die äußeren. Und während unsere Nasen das nicht erspüren können, da der Luftstrom darin verwirbelt wird und die unterschiedlichen Düfte sich vermischen, können Bienen mit ihren Fühlern fein unterscheiden und werden zu Nektar und Pollen hin dirigiert.
Für bedeutend halte ich Informationsströme. Es gibt eine Vortänzerin, die Informantin, die eine Reihe von Nachtänzerinnen auf der Wabe findet. Sie laufen die Figuren der Vortänzerin nach und erlangen so Kenntnisse.

Im Lexikon der Bienenkunde las ich, dass es bis dahin fraglich war, ob die heimkommenden Bienen in der Duftlenkung von den sterzelnden Bienen ihres Stockes angezogen würden. Diese erzeugen mithilfe einer bestimmten Drüse eine Duftwolke, die zunächst der jungen Königin, die sich auf dem Paarungsflug befindet, und den Jungbienen, die sich einfliegen, als Anflughilfe dient. Das bedeutet, dass sich die Gerüche, die die Stöcke während der Trachtzeit verströmen, unterscheiden. Von unseren Nasen ist das nicht wahrnehmbar. Andererseits finden auch die Sammlerinnen zuverlässig den eigenen Stock. Ihnen helfen beim Anflug die Orientierung am polarisierten Sonnenlicht, die am Magnetfeld, die an der Landschaft und schließlich die farbigen Anflugbrettchen. Verstellt man einen Bienenstock um einen Meter, suchen die heimkehrenden Sammlerinnen danach an dem Platz, wo er vorher stand. Andererseits gibt es Wächterbienen an jedem Flugloch. Falls sie, wie vermutet wird, die zurück kommenden Bienen an ihrem spezifischen Geruch erkennen, was bedeutet, dass diese den Stockgeruch an sich tragen, dann vermute ich im Umkehrschluss, dass sich die Stockgerüche unterscheiden.
Ich war auf den Sachverhalt der Missweisung im Zusammenhang mit den Sinnesorganen gestoßen, die die Bienenorientierung leisten. Wie ich durch die Zeichnungen zur Bienenanatomie feststellte, sitzt im vorderen Bereich des Hinterleibes, das heißt kurz nach dem engen Durchgang, ein kleines Kompassorgan. Es ist mit mikroskopisch winzigen, eisenhaltigen Kristallplättchen bestückt, die sich, da sie voneinander isoliert beweglich gelagert sind, entlang des Erdmagnetfeldes ausrichten.

Die Euphorie, die Karl von Frisch auslöste, überraschte ihn möglicherweise selbst. Das Wort Tanz verband man damals so sehr mit dem Menschen und seinen amourösen Neigungen, mit Nachtclubs, Flirts und Foxtrott, später mit Jive und Boogie Woogie, dass man die kleine Biene wie durch eine gigantische Lupe betrachtete, in deren Feld hinein alle neugierig die Hälse reckten. Mit dem Bienentanz, den man sich ein wenig wie einen streng festgelegten frühen Renaissancetanz vorstellen kann, werden Auskünfte übermittelt, wie weit entfernt und in welcher Richtung eine Nahrungsquelle liegt. Die Bienen bewegen sich in liegenden Achter-Schleifen, deren mittlere Achse wellig ist und in die gewünschte Richtung zeigt. Außerdem gibt es einen Rundtanz. Wie in der Frührenaissance wird die Auskunft von Tänzerin zu Tänzerin durch praktische Nachahmung weitergeleitet.


Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage nach den Gefühlen. Denn diese benötigen, um entstehen zu können, die Sinneswahrnehmungen.