Freitagsbeilage


Die Süddeutsche Zeitung bringt jeweils ein Thema in ihrem Magazin. Es liegt ungefähr im DIN A 4 Format als Heft der Freitagsausgabe bei. Dieses sollte Menschen zeigen, die zuvor einen anderen Beruf ausgeübt hatten, sich nun aber zu wertvollem Essen hingezogen fühlten und es selbst herstellten. Einer der Höhepunkte, nach meinem Ermessen, waren zwei Münchner, die Gin brauten. Einige hatten in wirklich fremden Berufen gearbeitet, eine Frau war im IT-Marketing tätig gewesen, ein Mann, der zuvor Schauspieler gewesen war, betrieb nun ein Restaurant. Auf dem Cover war eine Frau mit Stirntuch abgebildet, die einen Nudelwalker in der Hand hielt und Teig ausrollte. Bei mir lag der Fall anders, da die Bienen mir die Einfälle liefern. Das „vorher“/“nachher“ war nicht gültig. Ein Foto übrigens zeigte mein Gesicht. Wahrscheinlich stellte ich es deshalb nicht auf die Internetseite. Die Ausgabe erschien am 2. Dezember 2011.




Die Fotos sollten von einem außerordentlichen und berühmten amerikanischen Fotografen geschossen werden. Dazu aber schickte man als Vorhut einen jungen deutschen Fotografen. Der sollte für den Amerikaner zunächst das Terrain sichten und es ihm vermittels eigener Fotografien kenntlich machen. Ich hielt diese Vorgehensweise gleich für Unsinn. Und schließlich kam es so: Der Starfotograf war der SZ zu teuer und man zog sich auf die bereits bestehenden Fotos zurück. Das Interview, ohne das eine Zeitung nicht auskommt, führte ein Bekannter, mit dem ich vor nicht langer Zeit ausführlich telefoniert hatte.




Doch ein Auftritt in der Zeitung führt häufig weiter. Denn wenig später, im Jahr 2012 kam das Zweite Deutsche Fernsehen auf mich zu, um den Teil eines Beitrags zu filmen. Als jemand, der Bienen hält, darf man sich nicht zuviel von diesen Geschichten erwarten. Meistens sieht man Ähnliches. Ich wurde nur selten wirklich überrascht.

Invertase


Es gibt meistens einen Bienenstock, den ich den gesamten Sommer über ganz in Ruhe lasse. Ich nehme keine Eingriffe vor, verhindere das Schwärmen nicht und die Mädels sind auch im Winter auf sich selbst gestellt. Nur gegen die Milbe behandle ich selbstverständlich. Man könnte poetisch sagen: Diese ist von den Menschen gebracht und muss von ihnen auch wieder entfernt werden. Praktische Gründe sind, dass man verhindern will, dass das Volk über den Winter eingeht und Rückinfektionen in die anderen Völker am Stand trägt. Dieser eine Bienenstock, den ich in Ruhe lasse, sammelt seinen eigenen Honig, lagert ihn ein und isst ihn im Winter.





Strukturformel


Invertase ist ein Enzym, mit dessen Hilfe Einfach- und Zweifachzucker in den Invertzucker aufgespalten werden. Früher sagte man zu Invertzuckercreme Kunsthonig, was eine zwar lustige, aber nicht allzu bedeutende Analogie ist. Invertzuckersirup lässt sich bereits fertig angemischt im Imkerbedarfsgeschäft kaufen. Es ist ein Gemisch aus Fructose, Glucose und Saccharose in entsprechender wässriger Verdünnung. Fructose und Glucose sind Einfachzucker. Saccharose ist ein Zweifachzucker. Die Lösung ist den Bedürfnissen der Bienen angepasst. Die Mischung wird den Bienen für den Winter deshalb gefüttert, da sie sie am besten verdauen können, beziehungsweise der Darm am wenigsten belastet wird. Ist es im Winter über lange Zeit hin durchgehend kalt, können die Bienen ihren Bau nicht verlassen, um den Darm zu entleeren. Melezitose beispielsweise wird von Blattläusen ausgeschieden und ist ein Dreifachzucker, der sofort eindickt. Für den Bienendarm ist er am wenigsten verträglich. Verzichtet man also nach einer ausgiebigen Waldtracht (die es nur auf dem Land gibt) aufs Schleudern, werden die Bienen im Winter ziemlich sicher an der Ruhr erkranken.

Von den meisten Imkern wird den Bienen derjenige Honig belassen, den sie im Brutbereich gelagert haben. Oft füllen die Bienen die beiden unteren Räume seitlich mit Honig, sie legen zunächst volle Randwaben an und man füttert ihnen gemäß des Gewichtes, das der Stock bereits besitzt, die restliche Invertzuckermischung, so dass über dem natürlichen Sitz des Volkes, das sich im Herbst nach unten verlagert hat, ein Honigkranz entsteht. Die Bienen fressen sich dann über den Winter nach oben. Manche Imker gehen sogar ganz genau: Sie wiegen ihre Stöcke. Dann berechnen sie die Anzahl der Bienen, ihren Bedarf über den Winter und das fehlende Futter. Bei mir gehts nicht so genau. Ich schaue, wie viele Bienen im jeweiligen Stock sitzen, wie viel Honig eingelagert ist und prüfe das gesamte Gewicht, indem ich die Stöcke hinten auflüpfe. Wenn ich mir unsicher bin, gehe ich meine Aufzeichnungen über die sommerliche Entwicklung des einzelnen Volkes durch und füttere dann eine geschätzte Menge.

Die Hauptverteiler


Nachdem Honig sich als mein Jahresthema eingeschlichen hatte, verwendete ich diesen Sommer auf die Organisation der großen Verteiler, die bereits ungeduldig ausharren und über das Wetter des folgenden Jahres spekulieren. Ohne Freunde hätte ich es nicht geschafft, so weit zu kommen. Jetzt stehen jeweils einige Hauptverteiler in der Startposition und warten gespannt auf das Jahr. Da mich ständig Anfragen erreichen, wo denn der Honig dieses Jahres und auch der künftige zu kaufen sei, teile ich hier einige Namen und Adressen mit:

Buch in der Au
Humboldtstraße 12
81543 München

Camatti
Lebensmittel & Cafè
Orthstraße 14
81245 München

Morgana Caffetteria
Falkenstraße 52
81541 München

Café Edelweiß
Sankt Martin Straße 9
81541 München


Gelegentlich werde ich gefragt, was es denn eigentlich bezüglich der Bienen zu arbeiten gebe über das hinaus, was die eigentliche Mühe der Honiggewinnung ist und wie sie vonstatten geht, und was passiert direkt am Bienstock? Die Frage bezieht sich auf die Themen, die sich aus der komplexen Struktur der Bienen wie von selbst auffalten. Meistens können sich die Fragenden, nachdem ich ein paar Erklärungen angerissen habe, zwar vorstellen, dass die Bienenhaltung aufwendig und schwer zu erlernen ist. Aber sie fragen sich zurecht, wie einer das in Kunst verwandelt. Meistens, und das antworte ich, beschäftigt mich ein Thema ein Jahr lang. Meistens setze ich mir ein Jahr als Frist. In Wirklichkeit ist es keine so strenge Abgabefrist, vergleichbar beispielsweise mit dem Datum, das einem zur Abgabe der Steuererklärung vorgeschrieben wird. Meistens beschäftigen mich mehrere Themen gleichzeitig, einige sind sekundär, aber andere muss ich aufschieben, da sie meine Kapazität übersteigen. Und bislang bin ich auf keine natürliche Grenze gestoßen. Allerdings beginnt das sogenannte Bienenjahr am ersten August, das menschliche am ersten Januar. Sieht man das Thema also eng, sozusagen wie ein Kunstbeamter, ergeben sich daraus fünf Monate Unterschied. Fasst man denjenigen Zeitpunkt ins Auge, an dem sich ein Thema ausreichend geklärt haben sollte, an dem man sozusagen die Werkstatt zusammenkehrt und anfängt, das Geplante auszuführen, kommt man dem Prozess am nächsten.




In diesem Jahr gewann erneut die Frage nach dem Honig für mich an Bedeutung. Vor Jahren hatte ich sie als zweitrangig zurückgewiesen. Dann gliederte ich den Honig ein. Selbstverständlich gewinnt man ihn mit Bedacht. Ich hatte stets den Eindruck, er sei mehr als ein Lebensmittel. Doch erst nach so vielen Jahren stellte ich fest, dass der Honig die Konsumenten dazu führt, sich für die Bienen, von denen er stammt, zu interessieren. Im engsten Fall wollen sie an der Ernte teilnehmen oder zuschauen, wenn ich die Bienen besuche. Oft fragen sie mich auch „nur“ stundenlang aus. Der Honig ist, wie gesagt, das fehlende Glied, dachte ich in diesem Jahr. Deshalb schaute ich den Honig genauer an, die unzähligen Zuckersorten und die Pflanzen, die sie zuwege bringen, die unterschiedlichen Honigfarben und verwandte Themen.




Aufgrund des feuchten, weder regnerischen, noch windigen Wetters im Mai 2008 blühten die Robinien ausgiebig. Das geschah zum ersten mal seit 16 Jahren und hatte mit der klimatischen Veränderung zu tun. Sie verschiebt die Blühzeiten aller Pflanzen. Während die Robinie und die Linde sich gewöhnlich überlappen, blühten sie in diesem besonderen Jahr getrennt. Als meine Mutter ein Kind war, begannen die Linden genau am 18. Juni, was sie, falls ich mich richtig erinnere, als Geburtstagsgeschenk auffasste. Heute beginnt die Linde Anfang Juni zu blühen. Davor regnet und stürmt und hagelt es oft, aber nachdem alles durcheinander ist und sich sogenannte Großwetterlagen eingeschlichen haben, kann man sich jegliche Regelmäßigkeit abschminken. Die Blüte der Robinie wurde zahlreiche Jahre hindurch von gewaltigen Winden und nächtlichen Regenstürzen weggespült. Wenn man morgens aus dem Haus trat, lagen die feinen, weißen Blüten im Rinnstein. Im Jahr 2008 allerdings endete die Robinienblüte genau vor der Lindenblüte und das war am 4. Juni. Es war feuchtwarm, es regnete nicht, hagelte nicht, der Wind wehte lau und langsam, manchmal nieselte es nachts gemächlich vor sich hin. Die Robinien blühten und dufteten schwer und süß und sobald die einen Blüten gefallen waren, erblühte der gesamte Baum quasi neu. Die Robinie ist, was den Honig betrifft, von allen Pflanzen am ergiebigsten. In der imkerlichen Fachsprache heißt das, ihr „Honigwert“ liegt am höchsten. Am Rosengarten stehen einige dieser Robinien, nicht gerade ein Wald, aber doch so viele, dass es ausreichte, die Honigräume innerhalb weniger Tage zu füllen. Daher ergab sich ein wunderbar schmeckender, einzigartiger Honig. Die Robinie liefert, wie schon erwähnt, den Akazienhonig. Er ist fast durchsichtig und bleibt Jahre lang flüssig.
Im Jahr 2003 beispielsweise bezeichneten die Wettermoderatoren die Zeit von Mai bis Oktober als sogenannten Jahrhundertsommer. Das war kompletter Unsinn, da noch ganz andere Großwetterlagen auf uns zu galoppieren. Damals gab es kaum Honig, da der Nektar, den die Pflanzen absondern, sofort trocknete und von den Bienen nicht aufgenommen werden konnte. Der Honig des Jahres 2003 ist dunkler als Kaffee und ähnelt im Geschmack dem Corbezzolo-Honig aus Sardinien oder Elba.

the missing link



Die lange Berufs- oder Berufungserfahrung mit den Bienen bringt meine Ansicht hervor, dass der Honig, insbesondere aber der Stadthonig das „fehlende Bindeglied“ zwischen den Stadtbewohnern und der städtischen Natur bildet. Viele Menschen, nicht nur solche, die in der Stadt wohnen, stehen, was die Natur betrifft, zwar außen und werden dort auch bleiben, jedoch sind sie den drängenden Problemen, beispielsweise dem Bienensterben oder den klimatischen Veränderungen gegenüber offen und interessieren sich für Naturzusammenhänge.
Häufig stelle ich fest, dass die Menschen der Stadt einen beschaulichen Umgang mit den Pflanzen pflegen. Sie betrachten aufmerksam die vielfältigen Farben der Blüten, atmen den betörenden Duft ein, sie laufen ziellos im Rosengarten umher und beugen sich zu den kleinsten Blumen hinunter, um sie in Augenschein zu nehmen oder daran zu riechen. Sie suchen Orte auf, wandern dabei durch den Garten und landen bei den Bienenstöcken, verfolgen das Geschehen dort eine kurze Weile, schauen den Bienen beim Ein- und Ausfliegen zu und wenden sich beispielsweise nach dem stark duftenden Flieder um. Einige wissen genau über die Vorgänge am Bienenstock Bescheid, ohne deren genauen Sinn zu erkennen. „Neulich haben Sie doch diese Waben da heraus gelegt“, sagen sie mir beispielsweise. Ich erteile die Auskunft, dass das Drohnenwaben waren, in die wegen der längeren Entwicklungszeit von männlicher Bienenbrut die weibliche Milbe bevorzugt ihre Eier ablegt. Daraufhin geben die Menschen eine ganze Menge Wissen preis, das sie vom Lesen aus Zeitungen oder vom sogenannten Hörensagen erworben haben. Und so entspinnt sich ein Gespräch.
Bienen sind ein von der Natur bereit gestelltes Gelenk zwischen den Pflanzen. Leider bringt erst ihr Sterben zu Bewusstsein, dass sie, statistisch betrachtet das drittwichtigste Nutztier der Erde sind, und das ist insofern erschreckend, als eine Tierart offenbar erst vom Aussterben bedroht sein muss, bevor man ihre Wichtigkeit erkennt. Andere Tierarten übrigens, die ebenfalls eifrig bestäuben, beispielsweise die Hummeln, die Solitärbienen, die Schmetterlinge und so weiter, fallen bei dieser Rechnung unter den Tisch.
Die Spaziergänger und Fragensteller, die ich während der vergangenen Jahre im Rosengarten beobachten konnte, lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Dennoch fällt auf, dass ihre Fragen sich ähneln, dass sie von den in den Medien ausgebreiteten Themen angestoßen sind und dass ihre Art der Betrachtung nicht systematisch, sondern schwärmerisch ist. Diese Art hat etwas für sich, wenngleich sie dem Experten, zu dem man zwangsläufig mit der Zeit wird, laienhaft erscheint.
Honig zu essen, vertieft das Interesse. Der Honig, insbesondere der Honig, den der Stadtbewohner und Spaziergänger in den öffentlichen Gärten von dem Ort isst, an dem er lebt, erweitert seine Kenntnis der Zusammenhänge und führt dazu, dass er genauer hinschaut. Dazu fällt mir das Sprichwort „Liebe geht durch den Magen“ ein. Oft weckt der Stadthonig erst den zugeneigten Blick und verweist darauf, dass neben den klassizistischen Häuserfassaden, den vielfältigen und oft teuren Automarken, den Rolltreppen in eine Tiefe, aus der verbrauchte Luft herauf geschoben wird und dem weit verzweigten U-Bahnnetz ein Paralleluniversum aus Flora und Fauna existiert. In München nennt man die Isarauen „Grüngürtel“ oder „grüne Lunge“. Genau diesen, am parallel abrollenden Leben im jahreszeitlichen Kreislauf beteiligten Blick, wünscht sich der Experte. Es ist der noch nicht wissend abwinkende, sondern manchmal besorgte und meist neugierige Blick, der häufig dazu in der Lage ist, neue Erkenntnisse über die zu einem großen Teil noch offenen Naturzusammenhänge hervor zu bringen. Über Bienen wissen wir weniger, als wir denken. Und genauso ist es bezüglich der Pflanzen, zwischen denen die Bienen als arbeitsame Katalysatoren hin und her eilen und ihren Schwestern in sogenannten Tänzen mitteilen, wo sich ausgedehnte Futterquellen finden.
Die wissenschaftliche Herangehensweise, die manchmal vorher festlegt, was sie herausfinden will, um es anschließend als gegeben zu beweisen, ist bei vielen Künstlern nicht gut beleumundet. Es tut sich hier ein uralter Konflikt auf, der den forschenden Geist ursprünglich nicht sofort als wissenschaftlich einordnet und der einem Auge, das sich nur mithilfe des Mikroskopes tiefer und tiefer in den Mikrokosmos schraubt, wenig vertraut. Mir fällt auf, dass die Geste des Zurücktretens vom Schauplatz, um das Ganze mit einem Blick zu erfassen, wieder in Mode kommt.

Erst spät stieß ich auf die tiefe Bedeutung des Stadthonigs, den ich bisher für ein bemerkenswertes, aber nicht allzu wichtiges Nebenprodukt meiner Bienen gehalten hatte. Bienen, dachte ich ursprünglich, kann man überall in der Stadt aufstellen. Zur Zeit ist eine Bewegung in den Städten erkennbar, die genau das tut. Die Beteiligten betreiben natürlich ein eigenes Portal im Internet. Sie lassen sich bedingt mit den Guerillagärtnern vergleichen, die überall eine Pflanze hinstellen oder aussähen, wo es ihnen in den Sinn kommt und sei es auf dem begrünten Mittelstreifen des Mittleren Ringes. Bienen, sagen die Stadtimker, sollte man auf das Rathaus stellen und auf öffentliche Gebäude jeder Art, um auf die Bienenproblematik aufmerksam zu machen. Doch ist es nicht gleichgültig, wo Bienen in der Stadt stehen. Das sogenannte Guerillaimkern, bei dem man möglichst viele Bienen an möglichst vielen Orten im städtischen Raum in Stellung bringt wie Marschflugkörper, ist verkehrt, falls man den Honig essen möchte. Mein skulpturaler Ansatz umfasst, dass Bienen nicht nur im städtischen, sondern auch im öffentlichen Raum stehen müssen. Und mit dem Honig als fehlendem Bindeglied sollen die Bienen an ihrem Aufstellungsort besuchbar sein. Die Menschen, die den geernteten Honig essen, müssen hingehen und den Bienen bei der Arbeit zuschauen können.
In der Stadt übrigens ist sogenannter Biohonig herstellbar. Der Städtische Rosengarten am Schyrenbad ist in dieser Hinsicht ein absoluter Glücksfall. Ich will nicht großspurig behaupten, dass es nicht ähnlich geeignete Orte in München gibt (beispielsweise den Nymphenburger Park). Doch insgeheim denke ich, dass der Rosengarten glücklicher ist.
Eine Frage, die mir häufig von besorgten Müttern, die ihren Kindern meinen Honig zum Essen geben möchten, gestellt wird und die alle Berechtigung hat, ist die nach der Schadstoffbelastung in der Stadt. Dazu gibt es zwar viel im Detail zu sagen, doch unterm Strich muss man die Stadt, was den Honig betrifft, als den gesünderen Lebensraum definieren. Draußen auf dem Land gibt es Gifte, die eigens auf die Pflanze zugeschnitten sind, um die schädigenden Einflüsse von innen heraus einzudämmen oder zu beseitigen. Das große Versprechen von sogenanntem Genmais oder sogenanntem Genraps läuft letztlich auf eine unbewiesene und nicht ausreichend geprüfte Behauptung hinaus. Die Insektizide, Fungizide, Pestizide, Herbizide sind Designgifte. Sie lassen die eine Pflanzenart, auf die sie zugeschnitten sind, besser gedeihen und töten den Rest ab. Dadurch provozieren sie Monokulturen. Das sieht man beispielsweise den Feldrainen an, die um Rapsfelder verlaufen. Man wird dort außer einigen hartgesottenen Kamillen wenig finden. Reste dieser Gifte werden zusätzlich vom Wasser im Boden über weite Strecken transportiert. In Deutschland gibt es kein von Bienen überflogenes Gebiet, in dem unbehandelter Raps angebaut wird. Die Bienen einer Kolonie befliegen zwischen drei und fünf Kilometern im Umkreis. Je nach dem, wie flugstark die Sammlerinnen eines Volkes sind, ergibt das eine Fläche von dreißig bis siebzig Quadratkilometern. Eine Bioqualifikation des Honigs ist im Falle von Raps bereits von der beernteten Fläche her nicht haltbar.
Die großen Trachtquellen der Stadt sind die Bäume. Hier erkennt man das Schneiden auf Hochstamm. Meistens sind die Bäume so geformt, dass die Blütenkrone erst oberhalb einer Durchfahrtshöhe für Lastwagen, das heißt ab vier oder fünf Metern beginnt. Auspuffgase, insbesondere der Ruß, den die Laster ausstoßen, sind giftig, jedoch schwerer als Luft, so dass sie in der Nähe der Straßen zu Boden sinken. Sie werden zwar immer wieder verwirbelt, aber letztlich fließen sie dem tiefsten Punkt zu. Die Pflanzen, wie mir ein Biologe erklärt hat, besitzen hervorragende Filtereigenschaften. Ein Schwermetall gelangt nicht in den Nektar, da die Pflanze es herausfiltert. Schließlich sind diese Schwermetalle nicht auf die Pflanze zugeschnitten, sondern auf den Ottomotor. Dennoch war es mir wichtig, meine Bienen an einem Ort aufzustellen, an dem sie von Auspuffgasen nicht erreicht werden. Wirklich schädlich ist es, sein Baby in einem niedrig liegenden Kinderwagen neben einer stark befahrenen Straße entlangzuschieben.

C`era "un confronto"

Diese Ausstellung fand statt in der Galleria Scoglio di Quarto, die von Gabriella Brembati geleitet wird. Meine Arbeit traf auf die von Anna di Febo, die mit Industriewachs arbeitet. Mit Anna verbindet mich seither eine intensive Freundschaft. Als Stefano Soddu mich anrief und fragte, ob ich bereit sei, eine Ausstellung in ihrer Galerie zu bestreiten, sagte er, dass das Bienenthema in Mailand unterrepräsentiert sei. Wenn man jedoch an Bienen denke, komme einem von selbst mein Name in den Sinn. Das ehrte mich. Ich nahm das Angebot sofort an. Daher stellte ich eine proportionierte Auswahl der Arbeit, die sich auf die Bienen bezieht, zusammen und fuhr damit nach Mailand. Dort sprach ich mich noch einmal mit Gabriella ab, wählte das Wichtige aus, legte es aus oder hängte es auf und versuchte eine griffige Nahtstelle zu den Arbeiten von Anna diFebo, die mit mir ausstellte, zu finden.
Für jeden von uns beiden wurde ein Faltblatt gedruckt. Gabriella erhielt von mir eine Auswahl bearbeiteter Fotos geschickt, die ich entweder von früheren Ausstellungen besaß oder die im Atelier aufgenommen worden waren. Daraus entnahm sie einige Abbildungen und stellte einen langen, poetischen Text von Stefano bei. Darin beschreibt er im Anschluss an einen kurzen Abriss meines künstlerischen Werdegangs, wie sie mich kennen gelernt hatten, wie er und Gabriella eines Tages im Jahr 1999 unverhofft mein Atelier in München besuchten.

In dem doppelseitig bedruckten Faltblatt, das schnell vergriffen war, erschienen auch einige Zeichnungen mit dem deutschem Titel: „Meister, die Imme ruftˮ. Dieser Spruch lehnt sich an eine Geschichte von Wilhelm Busch an, in der ein im Schatten eines Baumes schlafender Imker vom Nachbarn mit dem Schrei geweckt wird: „Meister, die Imme schwärmt.ˮ Die „Immeˮ ist ein altmodisches Wort für das Bienenvolk, in anderen Teilen Deutschlands wurde der gesamte Bienenstock auch als der "Bienˮ bezeichnet, was das Ganze als ein Lebewesen versteht. Das ist diejenige Ansicht, die dem neuesten Verständnis entgegen kommt.




Wilhelm Busch verbrachte seine Kindheit bei einem Onkel, einem Pfarrer, der nebenberuflich einige Bienenstöcke hielt. Die meisten seiner Bildergeschichten sind über die Maßen grausam und übertreffen darin den sogenannten Struwwelpeter, ein altmodisches Erziehungslehrbuch bei weitem. So zeichnete er 1859 „Die kleinen Honigdiebeˮ, die grausam gestochen werden. Nur die Geschichte „Schnurrdiburr oder Die Bienenˮ, die 1870 heraus kam, zeigt die Bienen weitgehend vermenschlicht.

kunstherberge birkenau





Vor kurzem nahm ich an der Ausstellung „kunstherberge birkenau“ Teil. Das Thema lautete „Vergänglichkeit und Werden“. Zwei desolate Abbruchhäuser waren unmittelbar vor ihrem sogenannten Vergehen zur Verfügung gestellt worden. Wegen der Nähe zum Rosengarten, in dem meine Bienen stehen, aber nicht nur deshalb, zeigte ich erneut eine kleine Arbeit über Bienen. Es war eine zarte, nur mit Bleistift gezeichnete Schrift, deren Buchstaben von Stegen gehalten werden, auf Aluminiumblechen. Die hingen in wenigen Zentimetern Entfernung vor einer tapezierten Wand. Der Zweck, der in der Schrift begründet liegt, ist tatsächlich, ausgeschnitten zu werden. Nur unterließ ich es. Es schien angemessen, dass die Vorform einer Arbeit hier präsentiert wurde, gleichsam die Simulation des Werdens. Das genügte für diesen Augenblick und war für diesen schimmeligen, herunter gekommenen Raum das Richtige. Und so begnügte ich mich mit einer zurückhaltenden Andeutung. Doch eines Tages, nahm ich mir vor, wollte ich den selben Spruch in einer ähnlichen Type so präsentieren, dass das Licht, das meistens schräg einfällt, die Worte auf die dahinter liegende Wand schreibt. Der Satz lautete wieder, wie könnte es anders sein: con ape si vola.
Vielleicht ist damit schon zu viel vom Sinn der nicht ganz durchgeführten Arbeit verraten. Wichtiger für diesen kurzen Bericht ist, dass die Ausstellung mit zahlreichen Künstlern bestückt war, die sich während einer Reihe von Eröffnungen abwechselten und die einzelnen Räume bespielten. Ich war einer von denen und kannte viele der anderen. Hier war es falsch, weiter zu gehen, als bis zu einem vorläufigen Stadium. Daher werden die meisten Besucher nur die Bleche ohne die Schrift in dem halbdunklen Zimmer wahr genommen haben. Sie werden die Stirn gerunzelt und gedacht haben: was für ein langweiliger Unsinn! Macht nix, dachte ich. Natürlich geht es immer um die Wurst und das Ganze war, obwohl ich mich einiger Kritik erwehren musste, in diesem Stadium schon fertig. Vielleicht war die gezeichnete, noch nicht ausgeschnittene Schrift sogar schöner, als die bis zum Ende ausgeführte Arbeit. Meine Bleche allerdings verschwanden binnen kurzem im Lager.

Mit einer der teilnehmenden Künstlerinnen, die ich zwar lang, aber nicht gut kenne, ergab sich folgender befremdliche Wortwechsel:
Ich sagte nachdenklich und ernsthaft: „Seltsam, ich wollte nie politische Kunst machen. Jetzt haben sich die Umstände geändert und meine Kunst ist sozusagen automatisch eine politische geworden.“
Ich spielte damit auf die Auswirkungen des Klimawandels an. Erst vor einigen Tagen stand ein entsprechender Artikel in der Zeitung. Wissenschaftler hätten jetzt festgestellt, verkündete der Artikel, dass die klimatischen Veränderungen Großwetterlagen bewirken. Was für armselige Tröpfe, dachte ich augenblicklich. Denn diese Einsicht kommt ungefähr zehn Jahre zu spät. Entweder ist es drei Wochen am Stück so heiß, dass man kaum weiß, woher man den kühlenden Schatten nehmen soll. Oder es zieht ein Sturm auf, der nicht mehr abreißt und das über einen Monat hin. Fürchterliche Erdbeben, gewaltiger, nicht enden wollender Regen, Hagel jeden Tag, gigantische Winter, beinahe alles Mögliche ist in diesen sogenannten Großwetterlagen, die man erst seit neuestem als erwiesen und amtlich abgestempelt betrachten will, bis heute eingetreten. Hätte man die Bienen befragt, hätte man langst wissen und darauf reagieren können. Es hätte sogar genügt, aus dem Fenster zu schauen.
Die andere Künstlerin, die mich zwar lange, aber nicht genau kennt, sagte ein wenig boshaft: „Ich dachte, das wolltest du immer schon.“

Dann fing ich an, nachzudenken. Wollte ich oder wollte ich nicht? Die Antwort lautet: Ich hätte vielleicht gewollt. Ich wäre womöglich gern ein politischer Künstler geworden, wobei ich nicht einmal weiß, was darunter zu verstehen ist. Günter Grass beispielsweise, dachte ich, ist lange als politischer Schriftsteller anzusehen gewesen. Dann kam ihm eine SS-Vergangenheit dazwischen und seine moralische Integrität wurde in Frage gestellt. Darüber hinaus verstehe ich nicht viel von politischer Kunst, weder im Großen, noch im Kleinen. Die täglichen Schlagzeilen auf der ersten Seite überfliege ich. Nachdem ein Freund es mir zehnmal erklärt hat, habe ich ungefähr kapiert, was der europäische Rettungsschirm und was staatliche Anleihen sind. Ich habe ein unscharfes Bild, in welchen Ländern gerade „friedliche“ Revolutionen mit den Waffen der nordamerikanischen Regierung betrieben werden. Barack Obama habe ich die Daumen gedrückt. Darüber hinaus weiß ich, wie es zur deutschen Teilung gekommen ist und wie die westdeutsche Regierung unter Adenauer dazu beigetragen hat und wie das Ganze ausschaut, wenn man von New York aus darauf blickt.


finnegans bees


Im Jahr 2011 mietete ich von befreundeten Architekten, die beide eine Professur in Südkorea antraten, deren Raum in einem Atelierhaus. Ich hatte mich während einer Ausschreibung selbst um genau diesen Raum beworben, ihn aber nicht bekommen. Ich spürte schnell dessen unsägliche Eigenschaft, im Winter komplett auszukühlen und im Sommer aufzuheizen. Ich fühlte mich, als sei ich entweder im Eisschrank gelandet oder wie Max und Moritz im Backofen. Die Wände waren dünn und das Dach aus Aluminiumblech. Ein immenser Teil davon bestand aus vielfach unterteilten, einfach verglasten Fabrikfenstern. Dreieinhalb Flächen lagen nach außen hin, was die sofortige Angleichung an die Außentemperatur erklärt. Und zu allem Überfluss trennte nur eine dünne Wand den Raum vom benachbarten Atelier. Dort schwärmten zwei junge Maler ständig davon, wie es werden würde, wenn sie endlich berühmt wären. Während einer internen Ausstellung sprachen sie von einem vollständigen Ausverkauf aller ihrer Bilder. Später erfuhr ich, dass sie kein einziges verkauft hatten. In dem Atelierhaus fanden allerlei Umtriebe statt, ein großes Fest beispielsweise, aber ich beteiligte mich an nichts.
Eine meiner ersten Handlungen dort war, zwei Punkte an gegenüber liegenden Wänden festzulegen. Dahinein bohrte ich tiefe Löcher, klopfte Dübel hintennach und drehte dicke, verschlungene Haken ein. Daran befestigte ich eine Hängematte, die ich mir eigens gekauft hatte. Kam ich also in den Raum, fiel mein Blick zuerst auf diese weißgraue, einladende Hängematte, die dort so sanft und gemütlich hing. Daneben stapelten sich einige Bücher, eines beispielsweise über die Monroe von ihrem zeitweisen Ehemann Arthur Miller. Auf all das ging ich zu und fand mich liegend, lesend und bald schlafend, dann wieder erwachend und so weiter. Ich war der Müßiggänger vor dem Herrn und dem Sog der Hängematte erlegen.


Daneben arbeitete ich dann doch. Ich stempelte, wie sollte es anders sein? Ich hatte vor geraumer Zeit entdeckt, dass fanatische Textarbeiter eine Suchmaschine für Finnegans Wake eingerichtet hatten. Nun kam mir in den Sinn, einmal nachzusehen, wie oft das Wort: Biene, Honig, Bienenhonig, Bienenstock, Bienenvolk und so weiter darin vorkamen. Da stieß ich auf einen ganzen Haufen, sicher 40 Textstellen, die genaue Anzahl habe ich nicht im Kopf. Da lag meine Arbeit vor mir. Als ein Freund mich besuchte, hatte ich gerade einige gestempelte Blätter der Arbeit „finnegans bees“ aufgehängt und er war erstaunt, wie viel ich arbeitete.
Das Neue daran war, dass ich zum ersten mal das Stempeln, Buchstabe für Buchstabe, entlang einer Leiste, mit der Bienenhaltung in Verbindung setzte. Diesmal stempelte ich jeweils drei Zeilen aus dem Buch und in der mittleren tauchte das Bienenwort auf. Ich fand, es genügte völlig, drei Zeilen aus dem Buch zu präsentieren und sich nicht um ganze Sätze zu scheren. Wer Joyce kennt, weiß auf wie verschlungene Pfade seine Fantasie den Leser beziehungsweise den Entschlüsselungsarbeiter mitnimmt.

In der Gemeinde der Fans ist übrigens von größter Wichtigkeit, dass Finnegans Wake immer wieder in der ursprünglichen Fassung gedruckt wird. Jede Zeile entspricht der Zeile im Erstdruck. Denn wäre es nicht so, gerieten alle Suchenden in ein heilloses Durcheinander, wenn sie bestimmte Textstellen auffinden wollten. Heute druckt Penguin Books mit einem unmöglichen Cover. Aber das muss ja nicht so bleiben. Meine Wahl fiel auf die „Times“ als gestempelte Type. Ich gebe zu, ich liebe deren Schriftbild, auch wenn sie so gewöhnlich ist, dass die meisten davon gähnen müssen.