Elementarskulptur


Nachdem man mich überredet und ich wider aller Vorsätze das erste Staatsexamen abgelegt hatte, nachdem mein Studium somit vorbei war, bezog ich für einige Zeit ein Atelier in der Domackstraße. Dort liegt ein ehemaliges Kasernengelände. Der Raum, den ich inne hatte, lag im ersten Stock, war wunderschön, etwa vier Meter hoch zum Gang hin, mannshoch zum Innenhof hinunter und dort mit einer Fensterreihe über die ganze Breite versehen. Der Hof war mit rissigen Betonplatten belegt und kniehoch von Unkraut überwuchert. Das Gelände war von unzähligen gleichförmigen Häusern bestanden. Viele bildeten eine U-Form. In manchen Höfen lagerte Schrott, in anderen parkten noch Armeefahrzeuge. Die Mischung machts, sagt man flachsend. Aber in diesem Fall hatte sich die Absurdität in luftige Höhen gesteigert.
Mein Raum maß etwa 40 m². Das wurde später für mich zu einem Eichmaß, zu einer Wunschgröße. Natürlich konnte ich auch in einem feuchten Kellerzimmerchen arbeiten oder sogar auf einem Küchentisch zeichnen. Dennoch fühlte ich mich sowohl von kleineren, als von größeren Räumen erdrückt.
In diesem Atelier arbeitete ich wenig, frönte jedoch, wie soll ich es anders sagen, der Muße. Meine unbequeme, aufklappbare Armeepritsche stand neben der Heizung, ich fläzte mich darauf und las die Wahlverwandtschaften. Das blieb mir deshalb so in Erinnerung, da ich kurz vorher die schwarzweiße Kopie eines nicht besonders deutlichen Fotos gesehen hatte mit dem Titel: Che Guevara liest Goethe in einem Schweinestall. Man erkannte nicht viel darauf, nicht einmal das markante Gesicht. Vielleicht beeindruckte mich gerade diese Tatsache. Ein bärtiger Mann mit Kappe liegt in einem Alkoven im Matsch und liest.


Bild Vorderseite: Elementarskulptur


Während ich die abgebildete Plastik entwarf, gingen mir zahlreiche Personen der Zeitgeschichte durch den Kopf. Sie alle klopfte ich daraufhin ab, ob ihr Blick das Gesamte umspannte. Goethe kam natürlich in die engere Auswahl, aber er bestand nicht. Er zwingt die Menschen, ihn hoch zu schätzen. Zumindest unterstelle ich ihm das. Ich erinnere mich nicht genau, was den letzten Ausschlag gab, ihn durchfallen zu lassen. Vielleicht die schier endlose Vorrede zu seiner Farbenlehre. Er bringt nichts anderes vor, als haltlose Argumente, warum Newton nicht ernst zu nehmen sei. Schließlich landete ich bei Galilei, den die katholische Kirche erst drei Jahre zuvor rehabilitiert hatte, im Jahr 1992, also 350 Jahre zu spät. Er gilt als ein Begründer der modernen Naturwissenschaften. Das Leben des Galilei liest sich wie ein Abenteuerroman. Als sein Gegenüber fiel mir (nicht nur des Namens wegen) Franz von Assisi ein. Ihm sagt man nach, mit den Tieren gesprochen zu haben. Dieser enge Kontakt entsprach meiner damaligen Gefühlswelt. Ich träumte beispielsweise von Elefanten, die mich mit ihren Rüsseln kniffen. Ich hatte die von Giotto ausgemalte Kapelle in Padua besucht, bevor sie restauriert wurde, und wusste um die berühmte Basilika in Assisi.


Bilder Franz von Assisi und Galilei


Damals entwarf ich die Skulptur, um an einem Projekt teilzunehmen. Ich bezeichnete sie als Elementarskulptur, was zu hoch gegriffen ist, aber mir aus damaliger Sicht stimmig erschien. Im Atelier und für den Zweck der Bewerbung, waren Farbkopien in Plastiktaschen gesteckt. Später wollte ich die Portraits der beiden, Franziskus und Galilei, auf Alubleche drucken und sie an die Stirnseiten der Stöcke, die dann im Freistand stünden, heften. Mir ist wichtig, auf den Bezug zu den Figurenbeuten hinzuweisen. Das ist ein Brauch in der Volkskunst, den einzelnen Stock mithilfe seiner Figurenhaftigkeit mit besonderem Ausdruck aufzuladen.


Bild Rückseite: Elementarskulptur



Nachdem ich die Styroporstöcke in anderer Aufbereitung als Ausstellungsstücke verwendet hatte, kamen sie hier noch einmal vor. Zu Styropor als Material für die Bienen habe ich ein widersprüchliches Verhältnis. Franz setzte sie ohne Wimpernzucken ein. Mir ist die giftige Ausdünstung bewusst. Aber wiegt sie die Wärme im Winter und Frühjahr auf? Die Bienen gehen um Wochen früher in Brut und erringen einen wichtigen Vorsprung, der sie den gesamten Sommer über trägt. Als ich jedoch im letzten Jahr den regionalen Imkerbedarfsladen aufsuchte, um Honiggläser zu kaufen, schlenderte ich im Raum herum, bestaunte die vielen Geräte, die ein Imker benutzen kann, und überdachte die simplifizierte, von aller Schlacke befreite Art, in der ich meine Bienen halte. Während dieser Erkundung hob ich den Deckel einer unbehandelten Styroporbeute und roch hinein. Was mir entgegen schlug und mich zurück zucken ließ, war der beißende Gestank, den frisch gepresstes Styropor ausgast. Mir war augenblicklich klar, dass ich das den Bienen nicht zumuten will. Die Kästen, die ich seit über zwei Jahrzehnten besitze, hatte ich auf dem Speicher eines solchen Ladens vorgefunden. Sie waren dort wiederum seit Jahren in der Hitze herum gelegen. Der Inhaber jenes Ladens, der vor dem Ende stand, war froh, sie im Schlussverkauf günstig verscherbeln zu können. Ich beschnüffelte sie ausgiebig, dann kaufte ich zehn Zargen und jeweils fünf Böden und fünf Deckel. Den Honigraum schraubte ich selbst in einfachster Weise aus Holzplatten zusammen. Styroporzargen sind nach etwa zwanzig Jahren im Einsatz verbraucht. Spechte haben Löcher hinein gehämmert und Ameisen nisten in den Falzen.