Drohnen


Eine befremdlich erscheinende Frage ist, ob Drohnen, obwohl sie unstrittig der männliche Teil sind, insgesamt doch dem Bienenkosmos zugerechnet und daher übergeordnet als weiblich gesehen werden müssen. Die Frage stellt sich, da die Drohnen ab dem Frühjahr auftreten und ab der Sonnwende aus dem Stock gedrängt werden, und das geschieht jedes Jahr auf dieselbe Weise. Sieht man auf das Gesamte, könnten sie als ein funktionaler Teil gelten.




Zeichnung: Tre donne alla mia mente.

pound

con ape sì vola





Als ich ein Kind war, hantierte meine Mutter oft mit Schnittmusterbögen. Man bekam sie –glaube ich- in Frauenzeitschriften für die modische Kleidung der Saison. Später bemerkte ich, dass es auch gebundene Bücher davon gab mit jedwedem Anzug und Kleid darin. Da das dicke Buch in ausreichend hoher Auflage gedruckt war, musste die Bekleidung im weitesten Sinn zeitlos sein, das schien klar, aber dank der Revival-Moden wissen wir heute, dass Zeitlosigkeit nur innerhalb eines begrenzten Zeitraumes gegeben ist. Danach kommt der loop und es geht zurück auf Los.
Im Schnittmusterbogen wurde das dreidimensionale Kleidungsstück in der Fläche konzipiert, indem man sich vorstellte, verschiedene Stoffe an den Rändern zusammenzunähen. Wie es heute ist, kann ich nicht sagen, aber die damaligen Schnittmuster waren komplizierte Formen, die meine kindliche Vorstellungskraft überforderten. Es waren beigefarbene Papierbögen, übersäht mit gestrichelten und durchgezogenen Linien, an deren Sinnhaftigkeit ich zwar glaubte, sie aber nicht erfasste. Ich erinnere mich, dass meine Mutter zunächst immer mit Zeitungen hantierte, um ihre neu gekauften Stoffe nicht zu verpatzen.
(Natürlich haben viele Künstler das inzwischen ausgewertet, da braucht man gar nicht erst suchen. Vermutlich hat man sich heute enstprechend der materialbedingten Machbarkeit zu plastischen Entwürfen hochgeschraubt. Man denkt sich Kleidung von der endlichen Form her.)




In meiner künstlerischen Arbeit kopiere ich Umrisse zuerst auf alte Zeitungen, das verdeutlicht mir die spätere Form. Meistens benutze ich Seiten, auf denen in winziger Schrift das Handelsregister gedruckt erscheint, weil mich bei ihnen der Text nicht stört. Es sind also Blätter, die alles in allem, bei zugekniffenen Augen grau erscheinen. Sie erinnern mich, darauf läuft es hinaus, an die Schnittmusterbögen der Kindheit.





Die Geschichte der ape ist lang und reich an Ausführungen und an den witzigsten Eigenbearbeitungen durch die Besitzer. Die erste Ape der Firma Piaggio wurde 1947 gebaut. Sie war ein einfaches, schmales Transportfahrzeug und hatte eine Zuladung von immerhin 200 Kilogramm. Sie kam steile Straßen hoch, konnte ständig bis an die Grenze und darüber hinaus beladen werden, worauf die schräg ausgestellten Hinterräder hinweisen, und sie konnte enge Weinberggassen durchfahren. Außerdem war sie billig im Vergleich zu einem Auto. Inzwi­schen wird sie in Indien gefertigt, soviel ich weiß und der Name ist heute möglicherweise nicht mehr so passend wie anfangs. Sie war eine umgebaute Vespa, das heißt anstatt eines Lenkrades gab es nur den üblichen Querlenker mit Griff und Viergangschaltung. Es gibt sie noch immer in der Ausführung mit der geringsten Motorstärke von einem PS, aber inzwischen auch mit einer Tragkraft von 900 Kilogramm.

Bedeutend fand ich auf meinen Italienreisen Ende der Achtzigerjahre den entsprechenden Werbeslogan: „Con Ape sì vola“: mit der Biene fliegt man. Das bezieht sich direkt auf die eigentliche Bedeutung des italienischen Wortes ape: Biene. Und wenn man die Form der Ur-Ape betrachtet, diese Einschnürung zur Pritsche oder zum Laderaum hin und die elyptische Form der Fahrerkabine wie ein Insektenkopf, und sie mit der Gestalt des Bienenleibes vergleicht, erschließt sich augenblicklich, woher der Name kommt. „Con Ape sì vola“ ist ein ziemlich weitsichtiger und beinahe genialer Slogan. Im Übrigen heißt Vespa: Wespe, was vermutlich auf das sengende Fahrgeräusch zurückzuführen ist, und so war die baldige Einführung der Biene als zweitem Insekt beinahe zwingend. Die Vespa ist das klassische Fahrzeug der Jugendlichen, die mit schnarrendem, nervtötendem Sound um die Häuser fegen. Die Ape ist das klassische italienische Lastfahrzeug der Ladenbesitzer, der Gemüsehändler, der Weinhändler, der Bauern, Landarbeiter und Bauarbeiter. Außerdem wurden damit Sonderlasten transportiert, was bedingt, dass sie in verschiedenen Ausführungen bestellt werden kann. Es gibt beispielsweise eine Ape als Kipplaster, bei dem die Ladefläche bis zu einem Winkel von etwa dreißig Grad hoch gestemmt werden kann. Einmal habe ich sogar das Bild eines kleinen Elefanten gefunden, der hinten auf einer Schwerlast-Ape steht, die mit zusätzlichen Achsen und Rädern ausgestattet ist.

Leider kam mir ein Atelierumzug dazwischen, so dass die plastische Erfassung des Themas nicht gänzlich zustande kam und noch immer auf ihre vollständige Ausführung wartet. Doch einen ersten Teil erkennt man auf dem Atelierfoto.

Warum Gold, apicultura?

Hinweis auf eine Sendung
von Wilhelm Warning
in Bayern2Radio.

mit einem Beitrag von apicultura




26. Juli 2008, 8.05 - 9.00 Uhr
Laboratorium der Kreativität
Die Akademie der bildenden Künste in München
Von Wilhelm Warning

Es war immerhin Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, der 1808 mitwirkte bei der Gründung der Akademie der Bildenden Künste in München. Er war auch ihr Sekretär und hatte in seiner legendären Schrift „Über das Verhältnis der Bildenden Künste zur Natur" zum ersten Mal die besondere Rolle der Kunst betont. Entsprechend mit Traditionen aufgeladen ist die Akademie: berühmt im 19. Jahrhundert, dann, nach 1918, in der Ordnungszelle Bayern Hort des Konservativen, in der Nazizeit ganz auf der Linie der „Braunen Kunst" mit Adolf Ziegler als Professor, eher restaurativ in den Jahren nach 1945.
Wie geht ein Institut mit diesen Traditionen um? Welches Selbstverständnis haben heute die Studentinnen und Studenten? Ist die Akademie, 200 Jahre nach ihrer Gründung, ein „Laboratorium der Kreativität"? Das Feature versucht das zu ergründen - in Streifzügen durch das Haus, durch die Werkstätten, in Gesprächen mit Studierenden und Lehrenden, in Besuchen von Klassen und Vorlesungen. So soll ein Bild dieser Institution entstehen, das auch zeigt, was die akademische Ausbildung wert ist, nicht nur für die bildenden Künste, sondern auch für Schmuck und Architektur. Ob ein geschütztes Laboratorium wirklich der richtige Weg ist, um später auf dem freien Kunstmarkt zu bestehen? Und wie wichtig und ergänzend ist die gemeinsame Ausbildung der freien Künstler und der Kunsterziehenden?


Diese Sendung ist auch als Podcast verfügbar:

Laboratorium der Kreativität

Holzmodell Bienenkasten


Im Jahr 2008 saß ich im Atelier und baute das Modell eines Bienenkastens. In welchem Verhältnis er zum Original steht, das ich am Stand verwende, ist nicht ganz klar. Das Modell hat eine Breite von zehn Zentimetern. Der Rest ist maßstabsgetreu danach ausgerichtet. Vermutlich ist es etwa in der Proportion 1 : 5,5 angelegt. Damals leimte und schmirgelte und lackierte ich tage- und wochenlang herum, wobei mich wieder die Materialfrage bewegte. Das Arbeiten, stellte ich fest, ging einher mit dem Nachdenken. Das Modell ist natürlich aus Holz, genauer aus schichtverleimter Birke. Und es ist zu komplex, um abgeformt und gegossen zu werden, obwohl mir genau die Vervielfältigung dabei im Sinn lag. Letztlich ist es aufgeladen mit der Frage, wie ein hölzerner Bienenkasten, dessen Gewicht reduziert ist, aussehen müsste. Zuerst hatte ich Franz jahrelang damit genervt, dann mich selbst. Danach diskutierte ich das Thema mit einem Freund rauf und runter. Wir nahmen es immer wieder auf, doch fanden erst 2015 eine erste Antwort. Was ich mit dem Modell vorhabe, ist noch nicht klar. Bislang steht es herum und staubt ein.

Inselbelegstelle Immling


T., die als Kunsterzieherin arbeitet, die aber in derselben Klasse wie ich studiert hatte, wenngleich eine Künstlergeneration darauf, hatte den Plan gefasst, einmal selbst eine Ausstellung auszurichten. In ihr hatte lange ein Titel rumort: Freunde der Plastik. Es sollten Bildhauer und Plastiker vertreten sein, deren Gemeisamkeit war, dass ihre Arbeiten, selbst wenn sie drinnen präsentiert worden wären, beispielsweise als Modelle, auf den Aussenraum, in diesem Fall einen Teil des Chiemgaus, bezogen waren. Weiter sollten die Arbeiten eigens für den Ort komponiert sein und in der Gegenüberstellung bestehen. Während eines Jahres würden zwölf Künstler, in drei Vierergruppen, ausstellen. Zu den anfänglichen vier gehörte ich. Als Untertitel fand ich: Der erste Angriff auf die Situation.

T. wollte sich um den Ort und die Finanzierung kümmern. Ich würde die meisten der Künstler beisteuern. Künstler müssen mindestens ihre Arbeiten transportieren können, (meistens auch noch etwas essen). Zuerst hatte T. das Schloss Langbürgen im Auge, ein geducktes, altes (feuchtes) Gebäude, das jedoch nach hinten hinaus, zum Schlosssee eine wunderbare Terrasse öffnet. Doch nach vorne wehrt es sich mit einer hohen Mauer gegen die Schnellstraße. Meistens hängen darin Ausstellungen mit Chiemseemalern. Soweit ich wusste, war es im Besitz der Gemeinde und von dort konnte man nichts erwarten. Ich würde versuchen, die meisten der Künstler zu gewinnen. Künstler müssen mindestens ihre Arbeiten transportieren können, (meistens auch noch etwas essen). Zuerst hatte T. das Schloss Langbürgen im Auge, ein geducktes, altes (feuchtes) Gebäude, das jedoch nach hinten hinaus, zum Schlosssee eine wunderbare Terrasse öffnet. Doch nach vorne wehrt es sich mit einer hohen Mauer gegen die Schnellstraße. Meistens hingen darin Ausstellungen mit altbackenen Chiemseemalern. Soweit ich weiß, ist es in Besitz der Gemeinde und von dort konnte man nichts erwarten. Darauf trat T. mit dem Inhaber des Gutes Imling in Verbindung. Er war sowas wie ein Großer Mann da draußen. Soweit ich mich erinnere, war er ein Opernsänger, von dem es wohlmeinend hieß, er habe seine Stimme verloren. Jetzt führte er seine musikalischen Aktivitäten auf der ländlichen Ebene durch. Er hatte Sponsoren gesammelt, mit deren Hilfe er das ehemalige Gut inne hatte. Dort erwarten einen wenige Häuser, ein paar Scheunen und Ställe. Tiere bekamen ihr Gnadenbrot, hieß es. Ein altes Lama stellte sich hoch erhobenen Kopfes vor den Zaun und funkelte die knipsenden Besucher an. Dann spuckte es ihnen zielsicher auf die Linse.


Der Verwalter in Imling erzählte mir, dass das Wort vermutlich zunächst Immling geheißen und einen Ort für Bienenhaltung bezeichnet habe. Das Gut kam mir wie eine Insel mitten im Wald vor. Es konnte früher tatsächlich als Belegstelle fungiert haben. Man fuhr lange auf einer geschotterten Straße und kurz bevor man den Glauben verlor, dass man irgendwohin gelangte, tauchten die Gebäude auf. Als Belegstelle wird eine Station bezeichnet, wo Bienenköniginnen von Drohnen einer bestimmten Rasse besamt werden. Zucht wird von manchen Imkern, wie ich es schon gesehen habe, in Kiesgruben hobbymäßig betrieben. Das ist häufig ein großer Unsinn. Andere Imker verbringen ihre unbefruchteten Königinnen auf Berge, wo Belegstellen eingerichtet sind. Der Wendelstein ist so einer. Dort wird ihnen der Samen reiner Drohnen zur Verfügung gestellt. Das kostet je nach Bienenrasse mehr oder weniger. Die hier heimische carnica gehört zu den billigsten Sorten. Am sichersten für die Königinnen ist die Inselbelegstelle. Norderney käme da in Frage. Bienen fliegen nicht übers offene Meer und es wäre auch zu weit. Neun Monate vor der Anlieferung muss zusammen mit der Seuchenfreiheitsbescheinigung ein amtstierärztliches Gesundheitszeugnis eingeholt werden. Später transportiert eine Spedition die Ableger.






Mein plastischer Einfall bezog diese Sachverhalte ein. Über eine Wiese hinab wollte ich hölzerne Kästchen an Stangen befestigen, die in den Boden gerammt waren. Sie wären mit bunten Vorderseiten, vielleicht auch mit Zahlen gezeichnet gewesen.


Allerdings teilte uns der ehemalige Opernsänger kurz vor dem Anlauf mit, dass die Gelder verschwunden waren. Ein wichtiger Sponsor sei abgesprungen, lammentierte er. Er habe kaum genug Mittel, um seine Darsteller zu bezahlen. Daher war unser gesamtes Vorhaben storniert. Und T. brachte nicht den Ehrgeiz auf, noch einen dritten Ort zu suchen.

lorem ipsum



Christoph Scheuerecker

vertreten in "lorem ipsum"
eine Ausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler, Landesverband Bayern
Eröffnung: 2. März 2008, 14 Uhr
in der Balanstraße 73, 81541 München
Ausstellungsdauer: 2. März bis 2. April 2008
Öffnungszeiten: Sa und So jeweils 12 -19 Uhr





Alle, die mit Schrift umgehen, wissen es: lorem ipsum ist ein Synonym für Blindtext. Vielen anderen wird es nicht bekannt sein, deshalb sind hier einige Bemerkungen zusammengetragen.
Da der Text aus der römischen Antike stammt, genauer aus einem Abschnitt von Ciceros Werk "de Finibus Bonorum et Malorum", das 45 vor Christus geschrieben wurde, gibt es keine copyright-Probleme. Das ist überraschend, da heute beinahe jeder versucht, die Hand auf etwas zu legen und ein Eigentum zu behaupten. Verwendet wurde der Text ab etwa dem 16ten Jahrhundert von ersten Buchdruckern, die Verzeichnisse ihrer Schriftarten erstellten und offenbar zu prüfen begannen, wie ein günstiger Satzspiegel aussehen muss.
Überraschend ist ferner die Auswahl genau dieses Abschnittes. Darin steckt völlige Beliebigkeit, so als hätte jemand irgendein Buch aus dem Regal gegriffen und blind den Finger auf eine zufällig aufgeschlagene Seite gelegt. Andererseits ist der Text so bedeutungsvoll, dass es schwer fällt, darin keine Absicht auszumachen. Zugeordnet wurde der Abschnitt erst in den 60er Jahren von einem amerikanischen Lateinlehrer, der offenbar lange und eindringlich gesucht hatte, zunächst andere Abschnitte bei Cicero im Blick gehabt hatte und, bereits im Ruhestand schließlich stieß. In wörtlicher Übersetzung bedeutet der originale Abschnitt, von dem lorem ipsum nur ein verstümmelter Rest ist, folgendes: „Es gibt niemanden, der den Schmerz selbst liebt, der ihn sucht und haben will, einfach, weil es Schmerz ist ... .“ Im Grunde passt diese Textzeile in keiner Weise zur Tatsache des Blindtextes. Es sei denn man erweitert flapsig die Bedeutung dummy, die englische Bezeichnung für Blindtext, und fragt sich, ob Puppen bei Crashtests Schmerz fühlen.
Die Verwendung des Blindtextes beruht auf einer wahrnehmungspsychologischen Feststellung. Ein Leser ist geneigt, dem Entziffern eines Textes den Vorzug zu geben. Es fällt ihm daher schwer, das Layout zu prüfen, ohne sich beeinträchtigen zu lassen. Wird sein entziffernder Blick enttäuscht, wendet er sich der äusseren Form zu.
Ab etwa 1960 wurde lorem ipsum in letrasets verwendet, was als erster Sprung in die Moderne gedeutet wird, und heute gibt es im internet sogar kostenlose Textgenerier-Maschinen, die einen beliebig langen Text erstellen, man muss nur die Anzahl der Worte und Absätze undsoweiter eingeben. Verwendet wird der Blindtext heute im Graphikdesign und im Buchsatz. Das Besondere ist, dass verschiedene Sprachen unterschiedliche Satzbilder erzeugen. Beispielsweise schreibt die deutsche Sprache alle Hauptwörter groß, was in den meisten anderen europäischen Sprachen nicht der Fall ist.

Seltsam ist ferner, dass lorem ipsum, der Blindtext wenig erzählbare Tatsachen bietet. Eine halbe Seite genügt. Wichtig mag seine Verwendung sein, aber die Begleitumstände, seine Herkunft und so weiter sind im Nu zusammengetragen.