Papierarbeiten 1


Im Herbst des Jahres 1999 befand ich mich an einem Punkt des Stillstandes. Das heißt, es kam mir so vor, als stünde alles unbewegt im Regal, während sich unter der Oberfläche die größten Umwälzungen vollzogen. Ich fühlte mich, als sei ich ein vulkanisches Gestein, das sich an der Oberfläche verhältnismäßig ruhig dahin schiebt, während es unterirdisch um und um wirbelt. Viele Arbeiten hatte ich noch nicht ausgeführt, sie kündigten sich aber bereits an. Häufig entstanden zunächst projektive Zeichnungen, die ich später als plastische Arbeiten ausführte. Daneben allerdings kam es zu jeder Menge Arbeiten auf Papier, die gar nichts nach sich zogen. Die ließen sich nicht anders oder größer oder in weiteren Dimensionen verwirklichen.
Einmal verbrachte ich mehrere Monate allein im Hunsrück, in einem uralten Haus, dessen Hälfte mir gehört. Einerseits war ich froh, einen grauenhaften Lebensabschnitt hinter mir gelassen zu haben, andererseits wusste ich nicht so recht, wie es weiter gehen sollte. Vergil hätte mich sicher mit einem Wanderer verglichen, der noch im dichten Wald schreitet. Die weite, offene Ebene war mir zwar in Aussicht gestellt und auf geografischen Karten verzeichnet. Aber augenblicklich sah es nur düster aus.

An einem Tag wurde es besonders unerträglich und ich rief eine Freundin an, die ebenfalls als Künstlerin arbeitete. Ich schilderte ihr mein Verhängnis.
Sie sagte trocken: „Halte durch.“

Wenig später zeichnete und stempelte ich drauf los.

Der Geist des Honigs


Eines Abends vor Jahren, als wir am Tisch saßen, sagte ein Freund unvermittelt: „apicultura ist der Geist des Honigs.“ Natürlich hatte er das aus einer Schnapswerbung, die damals dauernd im Fernsehen lief. „ ... ist der Geist des Weines.“ Daher war ich nicht besonders erbaut, vielleicht sogar mehr verärgert, als geschmeichelt. Und der Satz musste sich im Lauf der Jahre erst entschlacken und mir schließlich wieder einfallen, bevor er verwendbar wurde. Das Ereignis, habe ich ausgerechnet, liegt mittlerweile etwa 18 Jahre zurück. Deshalb kann ich nicht mehr ergründen, wieviel er selbst von dem verstanden hatte, was er gerade vom Stapel gelassen hatte. Vielleicht wollte er mir in erster Linie einen Gefallen tun.
Der Satz ist haltbar.



Foto Zahlentäfelchen

Dobrudscha


In Rumänien imkerte Franz im Freistand. Einmal schlug er das Bienenlexikon auf unter dem Begriff Oberbehandlungsbeute. Er deutete auf ein Foto: “Schau, genau so hatten wirs in Rumänien.” Eine weite, abgeerntete Ebene: Im Vordergrund stehen Holzkästen verteilt. Es sind Lagerbeuten, bei denen Brut- und Honigraum in einer Ebene liegen. An jeden Kasten sind seitlich Griffe geschraubt und er steht auf vier Klötzen, kompakt und bequem wegzutragen. Der Deckel überragt den Korpus und ist mit Blech beschlagen als Schutz gegen Regen. Die Deckel sind sehr tief und seitlich mit Bohrungen versehen, damit bei Sonneneinstrahlung die heiße Luft, die sich oben staut, entweichen kann. Jeder Kasten hat an der Vorderfront zwei Fluglöcher, eines offen, eines verschlossen. Die Anflugbrettchen, die den Bienen das Starten und Landen erleichtern, lassen sich hochklappen und feststellen. Sie verschließen damit die Öffnung. Ideal zum Wandern. Die Aufstellung erfolgt in offenen Reihen. Jeder Stock hat zum anderen einen Abstand von etwa zwei Metern. Im Hintergrund, weit entfernt schon, quasi als einziges Landschaftsmerkmal, ein Bienenwanderwagen. Er ist geteilt, wie man gerade noch erkennt. Das heißt, er ist ausgestattet mit einem eigenen Raum zum Schleudern des Honigs. Im Vordergrund auf einem Hocker sitzt der Imker. Am offenen Stock. Der Deckel ist hochgeklappt und mit einer Schnur gehalten. Waben lehnen herum. Und natürlich, wie auf allen solchen Fotos, hält der Imker eine mit Bienen besetzte Wabe hoch. Die Bildunterschrift sagt: Oberbehandlungsbeuten in der Dobrudscha.

aus den Honiggeschichten