Näheres 2018

Seit Ende des Jahres 2017, das gesamte Jahr 2018 hindurch bis weit ins Jahr 2019 hinein verbrachten die Grafikerin Ottilie Gaigl und ich damit, den Katalog zu erstellen. Ottilie bastelte nach einigen Wünschen, die ich zunächst geäußert hatte, ein Grundgerüst für eine Seite. Man nimmt es, wenn man den Katalog ansieht, sofort wahr, denn es erlaubt, gerade im Übertreten des Grundlinienrasters großen Spielraum. Ich bin Ottilie dafür sehr dankbar. Wenn man so will, wurde der Umgang gelegentlich zu einem Jonglieren mit den Möglichkeiten, die so ein grundsätzlicher Aufbau erlaubt, bis dahin, sich über alles hinwegzusetzen. Ende des Jahres 2017 bat ich, ebenfalls im Vorfeld, einen Freund, der Fotograf ist, um Aufnahmen aller Zeichnungen, Bilder, Stempelarbeiten und so weiter, die größer als DIN A4 sind und also von mir nicht gescannt werden konnten. Durch seine Arbeit wurde ein großer Teil des abgebildeten Materials geliefert. Ohnehin war dem Ganzen eine gewisse Verzagtheit meinerseits voraus gegangen. Ich konnte mich erneut auf die Münchner Kunstszene einlassen. Aber wollte ich das? Ich hatte fast überall, an allen strategischen Punkten und an vielen anderen, ausgestellt. 2017 stand ich in meinem Atelier und dachte: Warum mache ich das? Es war keine Sinnkrise. Denn ich bewegte mich weiter gerne in der Kunst, nur die angehängte Szene war mir verleidet. Doch ich hatte ausreichend Einfälle, saß hauptsächlich winters im Atelier und war im Sommer bei meinen Bienen und verrichtete die dort anfallenden Arbeiten. Mir fehlte hingegen der Antrieb, mich um eine Ausstellungsmöglichkeit zu bemühen. Vielleicht erwartete ich, dass sie von selbst auf mich zukommen würde. Wer weiß? Ich legte mir Rechenschaft ab. Dachte ich ans Ausstellen, befielen mich Unlust und der Gedanke: Damit komme ich hier nicht mehr weiter. Nachdem der Katalog sich für mich als Möglichkeit eröffnet hatte, begannen Ottilie und ich uns Doppelseite für Doppelseite voran zu arbeiten, denn nicht die Einzelne, sondern die aufgeschlagene Seite ergibt ein Ganzes. Und wir bewegten uns zeitlich vorwärts, gliederten jedes Jahr in ein einzelnes Kapitel. Diese Vorgehensweise erschien uns von Anfang an sinnvoll. Manche Arbeiten reichen zwar über das relativ willkürliche Jahresende hinweg. Gelegentlich ist das auch thematisiert. Aber viele machen doch Halt. So seltsam das auch scheinen mag. Ich kann daher durchaus sagen: Im Jahr 2015 beschäftigte ich mich mit dieser Sache und im Jahr 2016 mit jener. Ich verstehe nicht ganz, woran das liegt. Vielleicht weil es einen Überfluss an Themen gibt, letztlich mehr, als ich abarbeiten kann. Aber das ist wieder nur eine Spekulation. Da wir wussten, dass wir lange brauchen würden, um ins Finale einzulaufen, konnte ich Ende des Jahres 2017 ausstellen, obwohl wir bereits begonnen hatten. Die Arbeit selbst muss man sich klassisch vorstellen. Ich besuchte Ottilie bei sich zuhause, oft zweimal pro Woche und wir saßen dann einträchtig nebeneinander in ihrem Arbeitsraum. Schließlich steht dort ihr großer Computer. Mittags legten wir eine Pause ein, manchmal sogar eine ganze Stunde, wenn sie oder ich sehr erschöpft waren. Wir tranken Caffè und aßen das Gebäck, das ihr Mann vorher eigens besorgt hatte. Ich bin den beiden sehr dankbar für diese familiäre Situation, dafür, dass ich dort als Freund aufgenommen worden war. Danach begaben wir uns wieder in ihren Arbeitsraum und werkten gelegentlich insgesamt zehn Stunden. Wenn ich abends mit der S-Bahn nach hause fuhr, war ich weniger zufrieden, als einfach erschöpft. Anfangs nahmen wir viel Text aus dem Buch Honiggeschichten, der dann kursiv gesetzt ist. Ich hatte das Buch 2004 geschrieben und im Eigenverlag herausgebracht. Später orientierten wir uns textlich am Aufbau des Blogs apicultura.de. Den hatte ich über lange Zeit hinweg geführt. Nur hatte ich einiges hinzuzufügen, manches wollte ich auch weglassen oder umschreiben. Was meine Bilder betrifft, so hatte ich viele gesammelt, es waren etwa 2000 davon. Dazu kamen die Abbildungen, die aus dem Netz stammten plus einige, die ich aus Büchern gescannt hatte. Es stand also viel mehr Material zur Verfügung, als wir unterbringen konnten. Insgesamt, soweit meine Zählung stimmt, kamen wir im Katalog auf 755 Abbildungen. So verwendeten wir etwa ein Drittel des Materials, das direkt von mir selbst stammt. Obwohl der Prozess des Aussortierens gelegentlich schmerzhaft war, begannen wir schnell zu ahnen, wie monumental dieses Werk eigentlich werden würde. Und es stimmt ja. Schließlich kamen wir bei 512 Seiten heraus. Die genaue Seitenzahl ist übrigens wichtig. Wir hatten uns bald für einen bestimmten Papiertyp entschieden, auch wenn ich ihn immer wieder in Frage stellte. Und bei der Fadenheftung, wie wir sie gleich anfangs als notwendig erachtet hatten, kann die Maschine genau vier Blätter dieses Typs durchstechen. Das ergibt dann jeweils 16 Seiten in einem Bund. Mit anderen Worten: Die gesamte Anzahl muss immer durch 16 teilbar sein. Aber das reicht natürlich tief in den Bereich des Fachwissens hinein. Für den Betrachter ist der Katalog nur saumäßig dick. Als Ausnahme ging übrigens das Jahr 1991 mit ein. Darin beschreibe ich mit Dankbarkeit meinen Bienenlehrer. Obwohl immer gesagt wird, die Arbeit fange im Jahr 1992 an, was nicht falsch ist, hatte ich ihn längst an der Akademie der Bildenen Künste kennen und schätzen gelernt. Deshalb bekam er sein eigenes Jahr – und ich fühle mich immer noch so, als hätte ich ihm zu wenig Tribut gezollt.

Ein Satz fürs Leben

Ende September wurde von Laura Selz, einer Mitarbeiterin bei Bayern2Radio, eine Sendung vorbereitet, die hieß: Ein Satz fürs Leben. Laura traf ich gelegentlich im Cafè und sie hatte mich angesprochen, ob mir nicht so ein Satz einfiele. Tja, dachte ich. Es gibt einige Sätze, die die Mutter mir in der Kindheit um die Ohren geschlagen hat. Aber es ist nichts darunter, was man gern weitergeben möchte. Also entschied ich mich für einen Ausspruch von Franz. Er hat stets eine ganze Reihe von Sprüchen auf Vorrat gehalten. Die meisten sind mir im Gedächtnis geblieben oder ich habe sie sogar aufgeschrieben. „Christoph, lass mich dir eines sagen:“ „Schmarrn das Ganze“ und so weiter. Auf die lange Sicht ist an mir ein seltsamer Ausspruch haften geblieben, den ich anfangs womöglich als etwas schrullig abgetan hatte, der sich jedoch bestätigt gefunden hat. „Man kann Bienen auch in einem Gummistiefel halten.“ Natürlich erkennt man die Übertreibung darin. Doch mir fiel auf, dass Bienen jedweden Bau annehmen, wenn er sich halbwegs für ihre Zwecke eignet. Deshalb nisten sie auch in Rollladenkästen und fühlen sich dort nicht weniger wohl als in einer wiederaufgelegten anthroposophischen (wesensgemäßen) Beute, die eigentlich aus dem Slowenien des Neunzehnten Jahrhunderts stammt. Hat der Ausspruch mein ganzes Leben geprägt oder mich zumindest lebenslang begleitet? Das nicht. Doch er wurde zu einem Rätsel, das ich auflösen wollte. Er gewann mit den Jahren an Bedeutung. Mir fiel auf, dass die Form des Gebäudes, das wir den Bienen bieten, unseren Bedürfnissen entspricht. Glaubt jemand beispielsweise daran, dass „wesensgemäß“ überhaupt eine Kategorie ist, versucht er, die Umhüllung entsprechend zu gestalten. Das ist aber ein menschlicher Wunsch. Meine Absicht besteht zunehmend darin, die Sache von den Bienen her zu denken. Als es zur Aufnahme meines Textes kam, auf den ich mich nicht gut genug vorbereitet hatte, standen wir direkt hinter den Bienenkästen im Rosengarten. Seltsam kam mir vor, wie wir da angeordnet waren, nämlich beinahe voreinander, so dass man das Mikrophon bequem hin und her schwenken kann, jedoch die Blicke abgewandt. Laura wusste, dass es nicht funktioniert, wenn man seinem Gegenüber direkt in die Augen sieht. Das bringt einen aus dem Konzept. Sie fragte gelegentlich etwas und hielt mir ansonsten das Mikro unter die Nase und ließ mich reden. Ich erzählte ein wenig, schmückte hier und da ein Detail aus und versuchte möglichst wenig Unsinn zu schwafeln. Auf den Freiheitsaspekt kam ich womöglich zu sprechen. Ich erinnere mich nicht genau. Tatsächlich hat der Satz ja die Aufgabe eines Rätsels. Erst hebt man ihn auf. Er krallt sich womöglich sogar mit Widerhaken in einem fest wie ein Bienenstachel. Er begleitet einen so lange, bis man es aufgelöst hat. Danach lässt man ihn gehen. Diese Wirkung verstand ich aber erst später. Alles in allem ist es ein prägnanter Satz. Für mich ist er zudem eine Erinnerung. Anfang Oktober wurde die Sendung geschnitten und ausgestrahlt. Und als sie dann kam, versendete ich den link dafür, als hätte ich eine Ausstellung. Tatsächlich war das ja auch so.